Ausgabe 
12.8.1909
 
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Bataillons stürmte et gegen den Feind vor und nahm, als er an der rechten Hand verwundet wurde, den Degen mutig in die linke. Wenige Augenblicke später durchbohrte eine Flintenkugel seinen linken Arm, und der Unerschrockene ergriff den Degen nun wieder mit der schwerverwundeten rechten .Hand und drang, die Fahne zu seinen Seiten, gegen die feindliche Artillerie vor. Bis auf etwa dreißig Schritt kam er an die Feuerlinie heran, dann zerschmetterte ihm eine Mrtätschenkugel das rechte Bein und-warf ihn vom Pferde. Vergebens bemühte er sich, das Tier wieder zu besteigen, er sank kraftlos zurück und seine letzten Worte, die er an die Soldaten richtete, waren:Kinder, verlaßt euren König nicht." Es ist bekannt, daß der Schwerver­wundete nach der Schlacht von den Russen ausgeplündert wurde und daß er die ganze folgende Nacht bis 10 Uhr morgens unter entsetzlichen Schmerzen sich quälte, bis der russische Offizier von Stackelberg sich seiner; annahm. Auf die Witten des Professors Mcolae, eines glühenden Verehrers der Kleistschen Muse, der damals in Frankfurt lebte, wurde der Verwundete am 14. August in dessen Wohnurig geschafft, und dort verschied er zehn Tage später in den Armen seines Pflegers.

An dem Leichenbegängnis nahmen sämtliche russische Offiziere Frankfurt befand sich damals in den Händen der Russen teil, und eine Szene dabei erinnert lebhaft an die Bestattung des jungen Piccolomini, wie sie der schwedische Hauptmann schildert. Als nämlich der Sarg aufgehoben wer­den sollte, fehlte der Degen darauf, aber sofort zog ein Offi­zieres war derselbe von Stackelberg, der Kleist gerettet den seinen und legte ihn auf den Sargdeckel. Obwohl Meist eine besondere Gruft erhielt, war es doch schwer, die richtige aufzufinden, als man 1778 ein Denkmal darüber errichten wollte, und es blieb nichts übrig, als den Sarg zu öffnen. Man fand denn auch richtig das zerschmetterte rechte Schien­bein und außerdem als. sicheres Erkennungszeichen ein schwarzseidenes Band, das Ewald von Meist um den Hals getragen. Da der Sarg bereits fast gänzlich vermodert war, legte man die Ueberreste in einen neuen und setzte diesen dann nach Fertigstellung des Denkmals in einem besonderen Gewölbe darunter bei. Das Denkmal selbst, das inzwischen schon läster erneuert wurde, erhebt sich, auf einem Fundament von zusammengeworfenen Felsstückeu und stellt auf einem Piedestal eine hohe Pyramide dar, an der sich in weißem Marmor das lorbeerumkränzte Medaillon Kleists befindet, während an den drei Ecken sich je eine Geniengestalt erhebt. Außer einer französischen und einer lateinischen trägt das Denkmal auch eine deutsche Inschrift:

Für Friedrich kämpfend sank er nieder. So wünschte es sein Heldengeist, Unsterblich' groß durch seine Lieder,

Der Menschenfreund, der Weise Kleist.

Mn.

Erinnerungen an Detlev von Liliencron veröffentlicht Konrad aus seiner Jugendzeit imTag", die recht viel des Interessanten bieten. Besonders wertvoll ist die Schilderung aus Liliencrons Hungerzeit, die nun einmal zu dem Leben eines deutschen Dichters zu gehören scheint.

Es war ein Sommertag 1888. Ich saß in meiner Dach­kammer und begeisterte mich an Jens Peter Jakobsen. Da riß mein Zimmernachbar, ein junger Buchhandlungsgehilfe, die Mr auf, warf mir zwei Bücher auf den Tisch, daß es knallte, rief mir zu:Wirf deine Skandinavier weg und lies das!" schlug die Tür wieder zu und verschwand.

Verblüfft nahm ich die Bände in die Hand.Eine Sommerschlacht" von Liliencron.Adjutantenritte" von Liliencron. Liliencron? Kenn' ich nichts Und was soll ich mit Militärgeschichten? Der gute Moritz so hieß mein Bekannter ist wohl übergekocht! dachte ich.

Wer dann blätterte ich, vertiefte mich> las stundenlang, vergaß mich und die Welt, Essen und Trinken. Und schließ­lich kochte ich über. Das alles war so neu, so wundervoll; es sprühte von Leben und Leidenschaft, war voll brennend starker Farben. Mir war, als wären mir plötzlich neue Augen eingesetzt.

Später. schrieb ich einen begeisterten Artikel, der in einer Kieler Zeitung erschien. Und bald darauf erhielt

ich eine mit den fabelhaftesten Lettern bedeckte Postkarte eine nervös gewordene Bismarckschrift und war im siebenten Himmel. Denn diese Karte sprach mir Lilien­crons überschwenglichen Dank und lud mich nach Kelling­husen ein, wo der Dichter damals wohnte.

So begannen meine persönlichen Beziehungen zu dem Dichter.

*

Ich nahm das Honorärchen, das mir der Liliencron- Artikel eingetragen hatte, in die Hand und fuhr nach Krlling- hUsen.

Ich dachte mir den Dichter als einen baumlangen Wikinghäuptling. Er wollte mich von der Bahn abholen. Ich sah einen kleinen, zierlichen Mann, in einer grauen Jagdjoppe, am Zuge entlang gehen, den ich für einen kleinen Gutsbesitzer hielt. Sein Geschäftsfreund schien aber nicht gekommen zu sein. Ebenso vergeblich spähte ich nach dem Wikinghäuptling aus. Schließlich waren nur er und ich auf dem Perron. Ich näherte mich ihm und fragte, ob et Liliencron kenne.Liliencron? Der bin ich." Verblüfft stotterte ich:Und ich binJetzt war er verblüfft: Wie, was? Sie sind der alte Literaturhistoriker aus Kiel?" Dann kam ein lustiges Glimmen in seine Blaumontags- augen, und wir mußten beide so herzlich, lachen, daß der Stationsverwalter verwirrt die fiegellackrote Mütze auf dem Schädel hin- und herschob.

Dann ging es durch die höckerigen Straßen des kleinen holsteinischen Städtchens. Alles schien ihn zu kennen. Alles zog die Mütze:Tag, Herr B'ron." Wer auch mancher hämische Blick folgte uns. Wir kommen schließlich in eine kleine Straße, und bei einem bescheidenen Häuschen machten wir halt. An der Seite führte eine braune Holztreppe zu der Haustür empor. (Ich bin später mal wieder dagewesen: M. Thode, Putzmacherin" las ich an der Tür, hinter bet einst Liliencron hauste.)Voilä, die Villa Hunger­burg." Mr stiegen hinauf: Der erste Raum leer, in der Mitte ein Tisch mit einigen Büchern. Die Bibliothek. Der zweite Raum: eine Bettlade mit roter Matratze als Sofa u- davor ein riesiger Schreibtisch. Das Arbeitszimmer. Ein Schlafraum. Das war alles. O Deutschland, wie dank­bar bist du deinen Dichtern! Alles andere hatte der Gerichtsvollzieher geholt.

Liliencron war nun einmal kein Bureaukrat. Zum Entsetzen seines Landrats gab er jedem Gastwirt die Tanz- erlaubuis, so oft sie begehrt wurde, und war selbst einer der eifrigsten Tänzer. Einen Dieb, der sich in der Lieth- waldung bei Kellinghusen einen Schlupfwinkel eingerichtet hatte, bewunderte er, wie Mexander einst den Diogenes, stattete ihm freundnachbarliche Besuche ab und war nicht zu dem Glauben zu bewegen, daß diesem ehrwürdigen Ere­miten keiri Schinken in den Rauchhäusern zu hoch hänge. Kurzum, er mußte seine Entlassung nehmen. Die Schulden waren ihm über das Haupt gewachsen. Seine Dichtungen fanden keine Anerkennung. Die kleinen Gläubiger in Kellinghusen pisakten ihn, und doch behielt er in dieser Misere den unversiegbaren Lebensmut, so oft ihn auch trübe Gedanken heimsuchten. Und niemand konnte ihm gram sein, wer 'kein Philister war. Leider gehörten die Kellinghusener fast alle zu den Philistern.

Die Entwicklung des Menschenflugs.

DieKöln. Ztg." veröffentlicht eine Liste über die Fort­schritte, die die Leistungen derFlieget in den letzten Jahren gemacht haben. Wir geben diese interessanten Auf­stellungen im folgenden wieder:

Bloriots neuester Erfolg verführt dazu, einmal die Stei­gerung der Flugleistungen vorzuführen. Man ersieht auZ einer solchen Zusammenstellung, wie rasch die Fortschritte aufeinander gefolgt sind, nachdem einmal der erste Schritt getan war. Eine solche Betrachtung sagt mehö als ein ganzer Band voll schöner Beweisführungen, ob und wie viel Fortschritte wir von der Zukunft erhoffen dürfen. Es muß