— 426
„Ja, ity du dich."
„Sag' mal, wer kommt daun als?"
„Doch an zwanzig Personen."
„Und deinem Mann selig seine Vetterschaft?"
„Geh mir fort mit den Menschen. Die haben mich schön angeschnanzt. Nur der narrige Balduin hat die Einladung angenommen."
Der Nachbar brach in ein wieherndes.Gelächter aus. „Die Giftmichel! denen liegt deine Hochzeit im Magen. Daß sie die Pill' schlucken müssen, gönn' ich ihnen."
„Gott sei dank, ich hab nach niemand nichts zu fragen." „Wer kommt dann sonst?"
„Ei ito, uns' Gesellen, meine Got' aus Herrnberg, der Bürgermeister von Dietkirchen und zwei Gemeindernt', ein paar Fischbacher vom Friedmar seiner Freundschaft. Und dann der Schwadtke. Weißt du, der Hausierer aus dem Thüringischen —"
vfcTVtV tl)TLyv
„Der ist alleweil grad' hier. Uitd als alter Bekaitnter —" „Ei freilich."
„No, und du und vielleicht der Herr Pfarrer, 's läppert sich zusammen."
„Paß mal acht, Meisterin, das wird 'ne ganz fidele Hochzeit."
„Hoffentlich."
Der Nachbar zog die Augenbrauen in die Höhe.
„Und wann übermorgen der Hahn unter deiner Schlaf- stub' kräht?"
Er schnalzte laut mit der Zunge. Die Meisterin wurde feuerrot und sagte unwirsch:
„Schäm' dich, du Unleid."
„Schwätz' doch nicht. Alles in der Welt an seinem Ort. Wart's doch mal ab, du ivirst wieder jung. Wie meine Gret' hinüber mußt', hott' ich meine fünfundvierzig weg. Drei Tag' vor ihrem Tod spricht sie: „Wann ich fort bin, Konrad, mußt du wieder heiraten. Sonst wird dein Platz auf der Bierbank nicht kalt." Ich hab's verpaßt. Aber, weiß Gott, sie hat recht gehabt, meine Gret'. Wieviel Dippchen Bier hab ich so als trauriger Witmann herunterlaufen lassen. Allein mag man daheim tticht hocken am Abend. Da geht man unter die Leut'. No, du hast freilich keinem Wirt was zu verdienen gegeben. Aber du hast zu viel vor dich hin simuliert, hier in deinem Garten und drin in deiner Stub'. Das taugt nichts. Das -Alleinsein ist nur für die vornehmen und fürchterlich gescheiten Leut'. Die brauchen keine Gesellschaft und können sich mit sich selbst unterhalten. Und wann von denen zwei kopuliert werden, packen sie hernach soviel überzwerche Gedanken aus, daß sie gleich wie die Kampfhähne aufeinander loshacken. Uttsereins fletscht auch mal die Zähn' unb haut mal so um sich. Aber wann man seine schwere Arbeit hat, hört das Gekippel von selbst auf, und das Ausschierige geht mit deut Schweiß fort."
Die Meisterin ließ den philosophischen Erguß des redseligen Nachbars über sich hinbrausen, ohne ein Wort zu erwidern. Der Alte aber rief in förmlicher Begeisterung:
„Unb was für ein Staatskerl ist der Friedmar. Das kannst du mir gar nicht hoch genüg anrechnen, daß ich dir da zugered't hab'. Guck, da kommt er!"
Eben schritt der Obergesell int grauweißen Arbeitsanzug, wie ihn die Maurer und Pflasterer zu tragen pflegen, durch das Höfchen auf den Garten §it. Sein Gang war elastisch, seine ganze Erscheinung machte den Eindruck der Prallheit und Kraft.
„Guten Morgen beisammen!"
Die Meisterin ging ihrem Verlobten entgegen und reichte ihm die Hand.
„No, Friedmar," sagte der alte Kipping, „willst du heut' nicht blau machen? Ein' Tag vor deiner Hochzeit?" „Ei, wo kann ich dann die Arbeit itt Dietkirchen int Stich lassen," versetzte der Obergesell. „Um fünf biet' ich Feierabend. Keine Miuut' früher."
„Du bist ein Schauzer. So was komutt nicht wieder vor." Friedmar wandte sich an seine Braut.
„Das Bier und den Schnaps hab' ich bestellt. Für die Mch' sorgst du."
„Ich hab' mir die Trine aus deut Adler genommen. Die kocht schmackhaft und verschwend't nichts."
„Ja, und um zehn sollen wir aufs Standesamt kommen. Und um drei ist die Trauung."
„'s is gut, Friedmar."
„'s geht auf sechs. Ich will mich fortmachen."
Der Obergesell schickte sich an zu gehen. Nachbar Kipping aber hielt es für geraten, dem Hochzeiter noch ein Wort mit auf den Weg zu geben.
„Friedmar, du kriegst ’ne Frau, die sich gewaschen hat. Wmtn sonst einer frisch heirat', hat er sein' Kopf voll, wie er sich durchschlägt. Und nach der Küßwoch' kommen die Sorgen. Aber du, du kannst stät bleiben. Und wann du übermorgen über die Gass' gehst, drehen sich die Leut' nach dir um und sagen, atts dem ist über nacht 'n Meister geworden. Und sitzt in der Woll'. Ja, was das wert ist. Darmn greif' mir die Meisterin mit Samtpfoten an. Das bitt' ich mir aus."
„Wann ich draußen bei der Arbeit bin," lachte Fried- ntar, „zieh ich keine Handschuh' an. Aber daheim will ich's tun. Da könnt Ihr mich beim Wort halten, Nachbar Kipping."
Der Obergesell ging. Nachbar Kipping trappelte in feine Werkstatt, die Meisterin aber raffte ihre Gartengerüte zusammen und suchte ihr Lieblingsplätzchen unter der alten Eberesche auf. Ein linder Luftzug bewegte die Blätter, hoch in der Krone sang ein Goldammer sein „'s is, is, is früh". Ein friedsames Gefühl drang der Meisterin ans Herz. Da lag der Garten vor ihr in sommerlicher Pracht. An den Blü'tenstengeln hingen die fleißigen Menen, eine dicke Hummel schoß brummend vorbei. Ueberall regsame Lust. Das lebte alles in den Tag hinein und dachte tiicht barmt, was ber Winter brachte. Der liebe Gott mußte doch bas Sorglose seinen Geschöpfen mitgegeben haben. Sonderbar, baß immer in ihr so etwas Trübseliges lag. Aber jetzt bett Besen her und bas Trauerstübchen ausgekehrt. War bas nicht eilte Freude, bett Friebmar in seiner Straffheit am rechten Platz zu sehen? Das mußte sich Ivie Tanzmusik anhören, wenn der jetzt als junger Meister mit seinem Pflasterhammer auf die Steine schlug. Von so fröhlichem Gewerk fiel auch für die Meisterin etwas ab. Und was für eine Stärke der Friebmar hatte. Da konnte tnau „autschen", wenn der einem bie Hand drückte. Ja, war er nicht doch zu jung für sie? War's nicht zu spät für sie, daß sie mit ihm vor den Traualtar trat? Nein, nicht zu spät. Jetzt nicht und nimmer. Unb broben in der Eschenkrone saug ber Golbammer unaufhörlich: „'s is, is, is früh, 's is, is, is früh!" .---
(Fortsetzung folgt.)
Die „Vräut".
H o ch z eit s si 11e n und Hochzeitsgebräuche im Vogelsberg. (Nachdr. vcrb.).
Von $2 ertnan n Strack.
(Schluß.)
Während die Hochzeitsgesellschaft sich im Dorfe befindet, werben int Brauthause bie Tische zur Hauptmahlzeit her- gerichtet. Das Hochzeits-Menü enthält eine kräftige Fleischbrühsuppe, Meerrettich mit Rindfleisch, Schweinebraten mit Kartoffeln, Sauce und Gemüse, Koteletts, als Nachtisch gekochte Zwetschen und Pudding. Zum Essen wird Wein getrunken. Allein ber junge Mann, der die Stelle eines Kellners versieht, schlägt den Krahnen in ein Bierfaß, da manche Gäste, insbesondere die Burschen, das Bier dem ungewohnten Wein vorziehen.
Noch ist das Hochzeitsmahl nicht ganz beendet, da erscheint bas Brautpaar, bem man von der Oberstube gerufen, im Rahmen ber Türe. Der Lehrer klopft an fein Glas unb erhebt sich; er hält in kurzen, aber inhaltsreichen Worten einen Toast auf das Brautpaar, sind doch Maut unb Bräutigam feine Schüler gewesen. In Heller Begeisterung klingt bei Glüserklang bas Hoch auf das junge Paar. ,
Kaum ist bas Hoch verklungen, bn erschallt vom Hose her ein vielstimmiger (int Tone zweistimmiger) Gesang. Es ist bie Dorfjugenb, Mädchen und Burschen, bie Aufstellung genommen, um nach Sitte und Gebrauch da» „Bräutlieo" zu singen.
Aus jugeubsiischen Kehlen, begeistert gesungen, ertönt das Sieb,;
1. Mir gefällt das Eh'standslcbcn Besser als das Klosterziehn.
In das Kloster mag, ja mag ich nicht;
Denn ich bin zur Eh' verpflicht.


