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1909
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Die Pflastermeisterin.
Roman "on Alfred Bock.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Gegen neun Uhr brach Friedmar auf. Er hatte einen ziemlichen Weg, denn seine Schlafstelle lag am entgegengesetzten Ende der Stadt. Unterwegs wirbelte ihm alles noch einmal durch den Kopf, was sich so schnell und für ihn ganz unvermutet abgespielt hatte. War er nicht ein Glücks- mensch? Wieviel arme Kerle gingen zugrund, eh' einer mal dazu kam, nach dem vollen Brotkorb zu langeu. Sapperlot! Das hätte er sich nicht träumen lassen. Manchmal freilich war's ihm gewesen, als bätte die Meisterin ein Auge auf ihn. Dann war er wieöer ganz irr geworden, so zugefroren war sie und stolz. Kurios! Heut hatte sie die Angel ausgeworfen, daß er nur zuzuschnappen brauchte. Jetzt zappelte er. Aber wohl war's ihm dabei, mordsmäßig wohl, 's tat gut, sich so warm zu setzen. Das Haus und der Garten, und was sonst im Geschäft steckte — gering geschätzt — galt wohl vicrzigtansend Mark. Fürchterlich viel Geld! Da war in Fischbach keiner, der soviel aufweisen konnte. Nur stät! Wenn die Leute vielleicht dachten, er tät's jetzt „verschlaudern", sollten sie was erleben. Er war fürs Zusammenhalten. Und die Meisterin war auch uicht von Dummbach. Die wußte ganz gut, wie sie mit ihm fuhr. Ueberhaupt, wenn sie daun wieder heiraten wollte, war's Zeit. Wie hoch stand sie dann in der „Aelle"? Um die Vierzig herum. Und er? Ein gut Stück drunter. Darüber hupfte mau weg, ja zweimal, wo er als armer Schlucker ins Volle kam.
Unter diesen nüchternen Erwägungen erreichte Friedmar fein Quartier. Es bedrückte ihn nicht, daß sich nichts Warmes in ihm für die Meisterin regte. Er hatte wohl Fischblut in den Adern, und die ältere, bedächtige Frau war für ihn wie geschaffen. Als er seine Kammertüre öffnete, lag der Helle Mondschein auf dem Estrich. Er brauchte kein Licht anzuzünden. Während er sich auskleidete, würdigte er in einer Anwandlung von Uebermnt den stillen Trabanten am Himmel einer Ansprache: „Du hast mir die längste Zeit da herein geleucht! lieber vier Wochen stell' dich nral übers Meisterhaus. Da hast du urehr zu gucken als hier, du da droben mit deinem Runzelgesicht!" Nun kroch er unter seine Decke. Der Gedankenstrom, der sein Hirn durchflutet hatte, staute im Nu, und er sank in seinen tiefen, gesunden Schlaf.
II.
lieber dem Städtchen lag der erste Dämmerschein eines Mittsommertages. Zarte, blaßrote Wölkchen stiegen am östlichen Himmel auf, die Boten kommender Herrlichkeit. Noch lagerte am Horizont, wie das Symbol der Nacht, eine blauschwarze Wolkenwand. Jetzt floß eine goldene Lichtwelle darüber hin und schwoll im Augenblick znm gewaltigen Strom. Eine Funkengarbe sprühte auf, und die Wolke ver
sank in einem Meer von Glanz und Glnt. lind mit einem Male schwebte der Sonnenball empor, feierlich und hoheitsvoll. Der Herrscherin, die ihren Strahlengruß bot, antwortete tausendstimmig die belebte Natur. Die muntereü Vögel erhoben ihr Lied, in den Höfen und Häusern regten sich Menschen und Tiere. Und die Weckerin rief alle Kreatur zu neuem Werk.
Schon beim ersten Tagesgrauen war die Meisterin an ihre Gartenarbeit gegangen. Ter Garten, der sich in beträchtlicher Ansdehnung unmittelbar hinter dem Wohnhaus hinzog, war ihr eigenstes Reich. Hier trieb sie mit Liebe und Verständnis ihre Rosenzucht. Auch die Anordnung der Zierpflanzen zeugte von gutem Geschmack. Ein großes Beet gefüllter Nelken bot dem Auge ein entzückendes Bild. Der Meisterin ganzer Stolz aber war ihr Gemüsegarten. Ueber breite Rabatten hinweg, die mit Gewürzkräutern bepflanzt waren, sah man im bunten Wechsel allerlei Arten von Gemüsen und Küchengewächsen gedeihen. Der Blumenkohl der Meisterin war in der ganzen Stadt berühmt. Den großen Garten bestellte sie selbst, zuiveilen half ihr eine alte Tagelöhnerin dabei. In dieser Beschäftigung betätigte sie in ihrer Weise ihre Liebe zur Natur. Was sie tut Frühjahr dem lockeren Boden anvertraute, sah sie mit Interesse sich entwickeln. Die Blumen, die abends ihre Kelche schlossen und morgens der Sonne zugewandt wieder öffneten, regten zu mancherlei Betrachtungen an. Sollte man nicht glauben, sie hätten Verstand, daß sie sich so behutsam vor Nachtkuhle und Unwetter schützten? Wer daß sie nicht von der Stelle konnten und so wehrlos waren, das war hart. Zuletzt kämen sie aber doch über das ganze Land. Denn der Wind trug ihren Samen fort, und er ging an fernem Ort wieder auf. So hatte der liebe Gott alles vernünftig eingerichtet. Wenn man's genau überlegte, wie die Blumen mit ihrem Wurzelwerk, blieben auch die Menschen gern an ihrem Grund und Boden haften. Allmählich löste sich vom Stammsitz Schößling um Schößling ab. Kinder und Kindeskinder zogen in die Fremde und setzten sich dort wieder fest.
Die Meisterin ließ die Arbeit ruhen und sah nachdenklich vor sich hin. Ja, wem Kinder vergönnt wareul All die Jahre hatte sie sich vergeblich danach gesehnt. Wie Gott wollte. Aber was ihr in der ersten Ehe versagt war, konnte sich in der zweiten erfüllen. Sie empfand es plötzlich wie eine Unschicklichkeit, daß sie solchen Gedanken nachhing, und nahm rasch die Hacke wieder zur Hand, wuchernden Schierling aus einem Begonienbeet zu jäteu. Da klang aus dem Nachbargarten eine heisere Stimme über beit Zaunr „Guten Morgen auch, Meisterin." Sie wandte sich um.
„Ei, der Nachbar KiPPntg!"
„No, schon so früh, Meisterin?"
„Das versteht sich. Wo morgen soviel Leut' kommech soll keins über mein' Garten was zu aber» haben."
„No, mit deinem Garten kannst du Staat machen."


