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was ihr bisher vertraut gewesen war. Sie sah nur deutlich den Weg, auf dein ihr Sohn bald kommen würde — ja, kommen m ir ß t e!
Die Weiber schauten ihr mitleidig nach, wenn sie, den hageren Rücken gebückt, das graue Haar unordentlich unter der Kappe hervorhängend, mit ihrem Eimer zum Brunnen schlich. Aber sie wich jetzt scheu den halb neugierigen, halb teilnahmsvollen Grüßen aus — was wollten die Weiber mit ihrem dummen Gucken? Nein, sie brauchte jetzt keinen Menschen mehr, sie verlangte nach, niemandes Wort — ihr Sohn sollte wiederkommen, den wollte sie wieder haben! In Trotz und Pein kniff sie den Mund fest zusammen und zwang die Frage, die sich ihr trotzdem immer Herausdräugen ivollte, nieder. Warum fragen?! Selbst die Heilige, vor deren Altar sie die Steinfliesen mit ihrer Stirn scheuerte, gab ihr die Antwort, die einzige, die sie haben tvvllte, nicht. —
Am Sonntag Abend klang vergnügtes Johlen aus der Scheute. Tri» saßen die Männer des Dorfs. Schade, daß einem heut der Sonntag dazwischen gekommen war, sonst hätte inan das letzte eingekriegt! Nun mußte man morgen noch einmal hinaus. Aber: alle Mann heran und die Weiber und die größeren Kinder auch, selbst die Alten durften sich morgen nicht drücken, und dann — juchhei! — daun war's für dies Jahr geschafft!
Auf der Straße spielten die Kinder. Gerade vor der Witwe Driesch Haus hatten sic sich niedergelassen; die zwei Feldsteine, die als Stufen zur Haustür führten, waren so bequem, um „Schinkelches" darauf zu spielen, oder auch nur, um da zu hockeu — die Hände um die hochgezvgenen Küiee gelegt, die Gesichter aufwärts gehoben — und mit gellenden Stimmen in den Insekten dnrchsnrrten warmen Abend hinauszuschreien:
„Hvwerlink, komm, Schlao mer de Dromm!"
Fest hielt die alte Kathrein ihre Tür und das Fenster geschlossen; der Lärm der Kinder tat ihr weh. Sie saß beim Herd, den Kopf mit einem dicken Tuch umwunden, aber sie hörte das Geschrei doch.
„Höwerlmk, komm!"
„Willelm, komm!" Beide Arme erhebend, streckte sie die zittrigen Hände bittend in die Luft. Auch heute war er nicht gekommen. Jesus Maria, wo er nur so lange blieb?! Sonst war er viel länger fort gewesen, ein ganzes Jahr, Jahre, nie hatte fie so nach ihm verlangt — da war es ihm ja auch gut gegangen, — aber jetzt, wie ging es ihm jetzt? ! Eine-fuxchtbare Ungewißheit peinigte sie. Sie hatte noch nie ein Kittchen gesehen, und von denen hier herum war auch noch keiner darin gewesen. Ob er da auch satt zu essen kriegt, ob er da auch nicht fror? Wer strick) ihm da den Schädel, wenn er das Kopsweh hatte?!
„Höwerlink, komm!"
Das Schreien der Kinder schaffte ihr fast körperliche Qual. Zum Fenster humpelnd riß sie's so heftig auf, daß es fast aus seinem verquollenen Rahmen fiel, und schrie hinaus:
„Maacht euch fort hei, maacht!" und drohte mit der Faust.
Verdutzt standen die Kinder: das waren sie sonst nicht, gewohnt, daß man sie hier fortjagte. Das Kleinste fing an zu weinen; aber des Heid's Pittchen von nebenan, sich' in der Nähe des Vaterhauses sicher fühlend, streckte die Zunge heraus und schrie, in die elterliche Tür retirierend:
„Mordbrenner, Mordbrenner, Eier Willelm es en Mordbrenner, dän gieft gehänkt!"
„Hau, dän gieft gehänkt," heulte die Kinderschar und stob nach allen Seiten.
Wortlos blieb die Frau; die drohende Faust kroch immer erhöhen, stand sie am Fenster. „Mordbrenner — Mordbrenner — hän gieft gehänkt" das heulte ihr i» den Ohren. Gehängt?! Ein Schauder überlief sie. . Sie würden ihrem Willelm doch irichts zu leid tun? Mordbrenner — der war doch kein Mordbrenner! Es war zum Lachen — Kindergeschwätz! Aber plötzlich ergriff sie eine Todesangst: hatte nicht der Gendarm damals, als er ihn wegholte, auch etwas von „brennen" gesagt?! Sie hatte nie mehr daran gedacht, aber rnin fiel es ihr ein — — „Brand hat er angelegt, der Schubjack" — wirklich- es war zunr Lachen!
„Hahahahaha!" Sie lachte — ein tolles Lachen bei
dem sie den Oberkörper zmn Fenster herausbog und sich die stechenden ©eiten hielt.
Tann schloß sie das Fenster; es war Zeit, zu Bett zu gehn. Aber es graute ihr in der grenzenlosen Einsamkeit ihrer Stube — vor ivas? — dqs wußte sie selber nicht. Wenn sie nun einmal den Nachbar zur Linken aufsuchen würde? Zum Heid hatte sie noch das meiste Zu- trauen — der war ein gesetzter Mann, kam auch mal in die Fremde, bis gen Manderscheid und Daun war der schon gewesen. Fragen ivollte sie ihn: was denn sein Peter damit gemeint habe: „Mordbrenner" und „dän gieft qe- hänkt"?!
Schwerfälligen Tritts schlorrte die Alte zur Hintertür hinaus in ihr Gärtchen. Sie trampelte durch, ihr Kartoffelbeet, das sich längs des Zaunes streckte, achtlos, daß sie von den blühenden Stauden knickte.
„Häh, Josef, pst!"
„Jao — wat dann?" Ter Heid hatte gerade das Vieh gefüttert; nun kam er aus dem Stall, in Hemdsärmeln, den bunten Schlips und den gesteiften Kragen, vom Besuch im Wirtshaus her, noch um. „Jao, wat wollt Ihr dann?" Es klang nicht sehr einladend.
Aber sie hatte dessen nicht acht. Beide Arme ans den Zaun legend, beugte sie sich zu ihm hinüber, ganz dickst. Und vertraulich sprach, sie, so leise, als ob sie fürchtete, das Kartoffelkraut zu ihren Füßen und drüben der Nach- barin Bohnen könnten es hören:
„Saot, Josef, — Mordbrenner — wat es damit gemeint? Un — Hauken — gieft heutzudag dann noch jemand gehänkt?"
„Waorum?" Er guckte sie betroffen au.
„Ro, Eier Pittchen saot doch, dän Willelm — dän Willelm —" nun kam wieder die ungewisse Angst vor unfaßbar und unverständlich Schrecklichem über sie, daß sie's kaum heransbrachte — „dän saot, dän Willelm, mein Willelm gieft gehänkt! Och, saot doch —" verzweifelt faßte sie nach des Mannes Händen — „saot, wanneh kömmt hän redur? Se dnhn ihm doch neist?!"
„Hm, jao," — Heids Josef rieb sich die Nase und kratzte sich dann hinterm Ohr — „dat kann mer net für gewiß samt. Tän Willelm sitzt eweil in Unnersuchungs- hafk, un die Hähren pisacken ihm. Die kriehn et schons eraus, dat hän dat Feuer angestoch haot!"
„Wat for en Feuer?" Sie machte die Augen weit auf.
„No, hei dat Feuer im Torf! Et haot doch in eins fort gcbrennk, bal hei, bal dao .—och, duht doch net esu, als ob Ihr dat uet Müßt! — un seit Euer Willelm sitzt, duht et doch net mich brennen, kein einzig Mal mich. Tat es doch siehr verdächtig!"
„Verdächtig — verdächtig!" stotterte sie.
„Jao, saot sälwer, es et dat net? Paaßt ns, Ihr gieft nach noch verhört. Un mir all, als Zeugen. Dän Willelm! haot et gedahn, duh es kein Zweifeln dran. Sons hält' et doch als längs emaol Widder gebrannt, n' Aowend!"
(Schluß folgt.)
Der Alave des Kaufmanns.
Von Roda Rodn.*)
In einer kleinen Stadt des Ostens lebte einmal ein Kaufherr, der hatte einen Sonderling zum Sohn. Der Sohn rührte keine Arbeit an — ja er ging nicht einmal aus dem Haus, Immer saß er trage da und sprach kein Wort.
Den Eltern tat das sehr weh. Eines Tages — der Kattsherr war wcggegangeu, der Sohn faulenzte wieder auf.dcm Teppich —, da sprach die Mutter:
„Mein Liebling, mein .Augenlicht ■— was sicht dich an? Warum scheust du die Menschen? Mach deinem Vater keine; Schande — geh hin und verkehre mit deinesgleichen."
Darauf der Sohn: „Liebe Mutter, ich ginge herzlich gern, aber ich habe nicht Geld, mir auch nur Kaffee zu kaufen." 1
Als der Vater heimkam, tat er hundert Zcchincn in entert Beutel und schenkte sie seinem Sohn.
Da ging der Junge in den Basar, setzte sich vor ein Cafe und verlangte Sorbet. Gleich eilte der Wirt herbei und tat dem! Sohn des Kaufherrn alle Ehre an. Der junge Mann aber musterte. stumm die geschäftige Menge.
Wer kam die Straße herab ? — Ein Ausrufer. Trieb sieben Pferde vor sich her und rief:
*) Aus Roda Rodas demnächst erscheinendem Buch „Der Pascha lacht" — Morgcnländische Schwänke (Verlag vort Schuster & Loesflcr, Berlin).


