kläglich die vergessene Ziege. Mitten im Trippeln hielt das Weib dann plötzlich an und faßte sich nach dem Kopf; aber sie erinnerte sich nicht der vergessenen Ziege, — was,, was hatte die Schneidersch gesagt? „Ech muß en Dauer mit Euch haon" — und „Esu en Kerl, esu en Scheusal" — wen meinte sie damit? Wer war ein Kerl, wer war ein Scheusal? Ihr Willelin doch nicht gar? Oho! In den fairsten Augen der alten Frau begann es zu flammen, sie hob die Faust! und schlug an die Stubenwand, daß die nebenan es hören mußte, und schimpfte dabei:
„Frech Mensch, Lügenersch \"
Nein, ihr Sohn war kein Kerl und auch kein Scheusal! Der Gedanke an ihn sänftigte ihren Zorn, aber die Unruhe vermochte auch er nicht zu bannen. Wenn sie nur wüßte, warum er so lange nicht wiederkam?! Ach, daß er doch jetzt hier wäre, von dem guten Essen kostete, das sie alle Tage frisch für ihn kochte, und das dann doch die Katze fraß, tveil er immer noch nicht kam. Sie selber trank nur einen Kaffee, kein fester Bissen mehr wollte ihr die Kehle hinunter, der Hals war ihr Ivie zugestrickt. Und auf der Brust lag es ihr wie ein Stein; nichts wälzte dSü mehr ab.
Andere Jahre hatte sie sich mitgefreut, wenn die Erntewagen, schwergeladen, an ihrer Hütte vorbeifchwankten, wenn die Nachbarn das Korn drin hatten, reif und trocken, ohne Ungemach. Mochte jetzt der Himmel sich austun und Wasser ohn' Ende herabschütten, daß alles niedergeschlagen ward wie mit Hämmern! Sonst war sie alle Morgen'in die Messe gelaufen und hatte fleißig gebetet um gnädige Bewahrung vor Wettersnot. Mochten jetzt Donner nieder- dröhnen und Blitze niederfahren mit) Hagel niederprasseln, dick wie Eier, — warum kam der Willelm nicht?! —r
Es war Heuer eine gesegnete Ernte. So viel totreifes Korn hatten die Eifeler noch nicht trocken in ihren Scheuern gehabt. Wenn das gute Wetter nur noch ein wenig anhielt! In zwei Tagen würde das letzte geborgen sein.
Das Dorf war froh, alle zweihundert Seelen freuten sich, Mann und Weib, Junge und Mädchen. Selbst die ganz kleinen Kinder grahlten lustig am Feldrain, wo die Mütter sie unter einem notdürftig schattenden Busch neben dem Trinkkrug und dem blechernen Eßnapf niedergesetzt hatten, derweil sie emsig ihren Ehemännern halfen." Am müden Abend noch klang Ziehharmonika, und die Mädchen lachten am Brunnen.
Ueberalk hörte die Witwe Driesch von guter Zeit reden. Es trieb sie jetzt ans die Gasse. Wo zwei, drei zusammen, standen, machte sie sich heran — sprachen sie vom Willelm? Ach nein! Enttäuscht fuhr sie zurück, um weiter zu laufen, ruhelos an den Hütten entlang zn streichen, das -Ohr lauschend an die kleinen Fenster geneigt. Drinnen Lachen und Tellergeklapper, tiefer Männerbaß, Weibergeträtsch nnd und Kindergreinen. Aber von Willelm hörte sie nichts. Ihre Augen, die keinen Schlaf mehr fanden, wurden trüb und rot und schauten wie durch einen Nebel. Weit entrückt schienen ihr die Nachbarn und das Dors, und alles.
Samstag den <2. Juni
1909 — Nr. 90
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Brennende Liebe.
Ze von C l a r a V i e b i g.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
In der Stille ihrer Einsamkeit rief sich die Mutter alle Tage des Beisammenlebens zurück. Viel geredet hatten sie nicht miteinander, der Willelm war ein Stummer; aber zuzeiten, wenn ihn das arge Kopfweh plagte, dann hatte er den Kopf an sie gelehnt wie ein Kind, das sich duckt, und sie hatte ihn gestrichen, immer sacht über den Schädel, immer sacht, und er hatte geschnurrt dabei wie der Kater. Das war schön gewesen! Ach, wenn er nur erst wieder da wär'!
_ Es drängte sie allgewaltig, sie mußte nieder auf die Kniee fallen, hier in der Stube genau so wie in der Kirche, Und der heiligen Mutter auf dem höchsten Thron eine Kerze geloben von tveißem Wachs, wenn die ihr den Sohn schickte. Unter Tränen, die, ohne daß sie's merkte, ihr über die runzligen Wangen rollten, versprach sie:
„Ech gclowen dir en Kerz für deinen Altar, Maria voll der Gnaden! Ech sänken dir en Kerz an — die soll brennen esu hell, esu hoch! — heilige Maria, Modder Gottes, erhör mech um deines Sohnes, um deines Sohnes willen!"
Inbrünstig iviederholte sie das viele Male.
In der nächsten Nacht glaubte sie seinen Tritt zu hören. Sie fuhr auf, das Herz klopfte ihr hart. Aber die Dritte hielten nicht an, sie trabten vorüber: 's war Wohl einer, der spät aus der Wirtschaft nach Hause ging. Ach, zu ihr ging keiner ein! Und sie weinte, und ein Verlangen stieg in ihr auf, daß sie hatte hinkriechen mögen, hin auf Händen und Füßen, bis wo ihr Sohn wär.
Wo war der?! Im Kittchen. Das hatte ihr heute die Schneidersch zugeschrieen, als sie's nicht ausgehalten und bei der angeklopft hatte. Im Kittchen — ja, das wußte sie, aber was sollte er da, was machte er da so lange? Das hatte die Schneidersch auch nicht gewußt — oder wollte bie’S am Ende nicht sagen? Und warum war er da?! aw,. darauf hatte die Nachbarin auch nicht geantwortet, ein großes Gejammer angefangen über die böse Welt und die schlechten Leut' und sich vielmals be- , seuzts „Gott bewaohr uns, Gott behüt uns, heilige Modder bitt für uns — esu en Kerl, esn en Scheusal!" Und dann hatte sie geseufzt: „Kathrein, ech muß en Dauer met Euch haon — na, na, esu en Kreiz!"
. der Schneidersch war kein Trost zu finden gewesen; rm Gegenteil, seit Kathrein bei der angepocht hatte, war eine noch verzehrendere Unruhe über sie gekommen. Sie trippelte in ihrer Stube hin und her, vom'Bett zur Bank, von der Bank zur Truhe, von der Truhe zum Herd, nahm bald dies zur Hand, bald jenes, jetzt den Eimer, dann oen Napf, jetzt das Messer, dann den Löffel — es hatte alles nicht Zweck noch Ziel. Im Ställchen hinten meckerte


