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rWhtzrM Mtz Mehrheit seiner Persönlichkeit, ja gerade das' mochte vielen ein Dorn sein. Ans einmal- fand man ihn kirchlich zu lax, man fand bald, daß er kirchenfeindlich sei. Man gab hundert heimliche Anlasse zuin Streit, tausend heimliche Stiche. Aber der Krafft stand über der Kleinlich-, keit der Menschen, er blieb ruhig. Da riß die Geduld. Man ging int Amt gegen ihn vor. Man schikanierte ihn, man tadelte, rügte, drohte. Da stand der Krafft seinen Manu, er verteidigte sich. IN feinem Amt ließ, er sich nicht antasten. Er hatte allzeit seine Pflicht getan, er hatte sich nichts vor- zuwerfeit — keiner sollte ihm etwas vorwerfen dürfen.
Da war die Flamme ausgeschlagen. Das Dorf war Plötz-, lich in zwei Lager geteilt: hie Pfarrer! hie Lehrer! Und eigentlich hatte der Krafft gar nichts dazu getan. Er hatte feine Angelegenheit allein vertreten, fest und still, wie ds seine Art war, Niemands Hilfe hatte er angerufen, nie« mandes Beistand erbettelt. Nur einmal hatte er in der Erregung das Zeugnis seiner Schulkinder gefordert. Sonst tvar er passiv geblieben. Er glaubte an sein gutes Recht und seinen Sieg.
Aber Beichtstuhl und Kanzel hatten gute Arbeit getan und taten sie weiter. Die Gemeinde blieb in zwei Parteien gespalten. Und heiß war der Kampf. Auf den Straßen, in den Wirtshäusern begann er, in den Familien setzte er sich fort, und sogar die Jugend beteiligte sich daran.
Kraffts Partei war eigentlich ohne Führer, denn der Andreas Krafft wollte nichts mit dem Zwist zu tun haben. Er ermahnte immer zur Ruhe und ihn allein zu lassen. Aber die Fanatiker und Herausforderer der Gegenpartei ruhten nicht. Und der Streit spann sich immer weiter. Er wurde dann auch bei der Behörde gegen Krafft benutzt, dem alle Schuld zugeschoben wurde, und eines Samstags, da er gerade unterrichtete, wurde ihm sein Absctzungsdekret zur Unterschrift vorgelegt. Es riß ihn hin, es seinen Schülern vorzulesen. Dann unterschrieb er's und ging.
Die Gesangstunde für den Abend sagte er ab, er fürchtete -einen heftigen Ausbruch von Streitigkeiten im Vereinslokal oder auf der Straße, wenn er sich jetzt zeigen würde. Und er fürchtete auch, sich nicht halten zu können und in der Erregung ein unbedachtes Wort zu reden, wenn er herausgefordert würde. Am Nachmittag kam noch einmal ein amtliches Schreiben. Es war vom Pfarrer, „daß er. gehalten sei, die -Orgel bis zum Eintreffen seines Nachfolgers zu spielen."
Diesen Sonntag wollte der Krafft noch einmal spielen, aber es sollte zum letztenmal sein. Er hatte sich's fest vor- genoiumen: Es sollte sein Abschied von der Orgel sein.
Am Sonntag morgen, als es anfing „znsammen"- zulänten, ging Krafft in feiner gewohnten Weise nach der Kirche. Erließ sich vom Glöckner die Weisungen des Pfarrers holen, dann schritt er langsam die Treppe zum Empore hinauf. Als fein grauer Kopf sichtbar wurde, sah man von allen Seiten nach ihm. Ans allen Gesichtern lag ein tiefer Ernst. Der grimmigste Feind hätte jetzt int Gefühl seines Sieges nicht lächeln können. So ernst Kraffts Gesichtsziige waren, so ruhig und' fast klar waren sie doch auch, denn nichts Bitteres sprach in ihm. So sah er fast feierlich aus, Und allen war es feierlich bei seinem Anblick. Als ob! jeder fühlte, daß da Einer zwischen ihnen' gehe, der ein Schicksal auf seinen Schultern trage. Es mochte manchem fein, als ob dies Haar, das in diesen schweren Tagen fast schlohweiß geworden war, mehr fordere als nur die Ehrfurcht vor dem Alter. Und manchem mochte auch das Herz bange geworden sein im Gedanken an des alten Lehrers Zukunft, und- er mochte sich in diesem Augenblick seiner eigenen Schuld erinnern, die er selbst an dem Unglück des Lehrers trug, dem er doch nur hätte dankbar sein müssen. Einem oder dem andern gar mochte es aufgehen, daß es etwas Gebietendes, Großes und Erhebendes sein müsse, so fest und sicher dahinzugehen, fisch aufrecht zu halten und kein Mitleid zu fordern, wenn ein großes Leid die Seele beschwert, ein Wirken, eine Zukunft, eine Existenz zertrümmert liegt. (Schluß folgt.)
vermischtes.
* „Wi.eviiel würden,S i c brauchen, rt reich zu sein?" fragte eines Tages Karl X. den französischen Schrift-, steiler und Staatsmann Chateaubriand. Und die Antwort lautete: „Verlorene Mühe, Majestät, lassen wir es schon so, wie cs ist: Wenn Sie mir jetzt vier Millionen gaben, würde ich heute abend keinen Pfennig Mehr davon Haben." Das war natürlich eist bißchen stark übertrieben, aber es kennzeichnete den Mann, der diese Worte sprach ; -er war ein an Pracht und- Ueppigkeit gewöhnter Herr, der sich Um Geld und Geldverdienst wenig kümmerte, obwohl ihm riesige Summen durch die Hände flössen. Fast noch verschwenderischer aber als Chateaubriand war Balzac, der nie ans den Schulden herauskam und dessen Leidensgeschichte geradezu ergreifend ist. Im „Correspoudanr" erzählt Fslicien Pascal aus d-em Leben dieses großen Schuldenmachers' einige höchst teerte -würdige Episoden. Balzac ging bei seiner lustigen Finanzwirtq schäft von dem Grundsatz aus: Man muß etwas.scheinen, Wenns man etwas sein will; der Luxus ist durchaus notwendig. „Wenn ein Mann so viel arbeitet wie ich," philosophierte der Dichter^ „und. seine Zeit 20 oder 25 'Mark pro Stunde wert ist, sind Droschkenfahrten geradezu eine Ersparnis, für einen solchen Mann sind Licht, Wärme, Bequemlichkeit ganz unentbehrlich. Da jn Paris die Menschen, welche sich mit dem Buchhandel .befassen« nichts anderes im Auge hüben, als die armen Schriftsteller auszuplündern, würde ich, wenn ich in einer Dachstube lebte, auch nicht einen Pfennig verdienen." Die logische Anwendung dieses Prinzips war einträchtig -eingerichtetes Hans mit vier Dienstboten, einem Pferd, zwei Kutschwagen, Silberzeug im Werte von 5000 Franks (das ständig zwischen Wohnung und Leihhaus hin- und herpendelte), zahllosen kostbaren Teppichen (die 5 Franks pro Monat, welche sonst für das Bohnen der Fußboden hätten! aüsgegeben werden müssen, sparten) und einem Mobiliar, das 80 000 Franks wert war. Und die Schulden wuchsen inzwischen bis ins Unendliche. Aber Balzac war nicht verlegen; er hatte jeden Tag neue hochfliegende Pläne und beschäftigte sich mit beut wunderbarsten kommerziellen und industriellen Ideen. Welch eilt Organisationsgeist! Ein neues System der Papierfabrikation soll ihm in wenigen Monaten Millionen bringen, aber es zerflattert in nichts, gerade in dem Augenblicke, in welchem -es praktisch erprobt werden soll. Drei Jahre später kommt er auf den Gedanken, von der Loire ans einen Kanal zu bauen. „Rossisti", kalkuliert er, „wird mir von Aguado (einem bekannten Millionär der .damaligen Zeit) das Geld verschaffen, und ich werde die Geschichte dann für das -doppelte oder dreifache Geld au Rothschild edieren: 26 Milliönchen werden dabei wohl für mich herausschauen. . ." Und der Mann, der sich mit solchen Mil- lionenplänen trug, besaß kaum so viel, um sich täglich für 10 Pfg! Milch kaufen zu können! Balzacs Schulden wurden schließlich in Paris das Tagesgespräch, und die Zeitungen griffen ihn wegen seiner Verschwendungssucht in nicht sehr zarter Weise an; sie sagten allerlei Verleumderisches über ihn und behaupteten sogar, daß er schon in Schuldhaft sitze. Aber er rächte sich, und wie! Man lese nur seine „Monographie de la presse Parisienne", und sehe sich die Journalistentypen an, die in feinen Romanen leben!
Humoristisches.
* Durch die Blume. „Wie geht es denn dem jungen Arzte, der sich bei Euch niedergelassen hat?" — „Ziemlich schlecht! — Anfangs hatte er wenigstens seine Freunde als Patienten!" — „Na, und jetzt?" — „Jetzt hak er auch keine Freunde mehr!"
* Zweideutig. „Der Baron interessiert sich ganz besonders fürs Ballett. Ist er denn Kunstsachverständiger?" — „Ach, nein, bloß — Liebhaber!"
* Ein Kunstkenner. Violinvirtuose (stolz): „Tie Geige, auf der ich -Morgen abend in Ihrem Hause spielen werde, ist ein sehr altes Instrument." — Emporkömmling: „Schadet nichts, meine Gäste werden wohl keinen Anstoß daran nehmen."
* Unverfroren. Hausfrau: „Jedesmal, wenn ich in die Küche komme, überrasche ich Sie beim Lesen. Wie ist cs nur möglich!" — Dienstmädchen: „Gar kein Wunder, wenn MadaM so'n leisen Tritt hat!" ' ,,
* Läßt tief Mi den. Junge Dame: „Sie haben gewiß häufig Sehnsucht, Herr Kapitän?" — „O, nein, ich bin ja immer nur ganz kurze Zeit zu Hause."
Dechissrir-Aufgabe.
Imr vewgliw tjivh ryo inqqiv nekir, Imr weyfviw opimh ryv inqqiv xvekir, Hir ryixdir jviyrh ryv inqqiv tpekir, Xleix rniqepw perkir ryxdir xvekir.
Auflösung in nächster Nummer:
Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer: Bedenke dies: schon manchmal trat ein Segen In der Gestalt des Unglücks Dir entgegen;
Dir fehlte nur in jener Zeit des Leidens Der klare Blick des scharfen Unterscheidens.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».


