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Sein letztes Hochamt.
Von W i l hle l m! Holzamer. *)
Man darf das jetzt von ihm erzählen, wenn er selbst es auch nie getan hätte. Er ist ja nun schon beinahe zwei Jahrzehnte tot. Und er war immer so schweigsam gewesen und sprach gar nie von sich. Es lag so in seiner Natur. Und es' war auch wohl ein gut Teil Angewöhnung. Er war nie so recht verstanden worden, nie in seiner engsten Umgebung, und auch in seiner weiteren nur selten. Bei seinen Freunden höchstens hat er sich tiefer ausgesprochen. Aber das waren selbst wieder so stille Leute, uud sie sind ja nun auch alle tot.
Es war in den Jähren der Reaktion nach der Bolls-- erhebung 1848—1849. Der Einzelne war durchaus unsicher geworden, die Gegensätze der Parteien waren heftig und wuchsen immer mehr. Die Wühlarbeit Machte stets größere Fortschritte, und ihre Erfolge, die anfangs noch heimlich waren, traten offen zu Tage.
Besonders wer ein Amt hätte, mußte sich hüten. Nichts unbedacht sagen, nicht immer ehrlich seine Meinung sagen. Nicht mal eine Meinung haben wollen. Das war im Amt so verderblich und war so unvereinbar mit dein Amt, wie das Aufklären uud Agitieren am Wirtstisch. Oder gar im vertrauten Kreise, denn überall hockten die Heuchler und Horcher, und brühwarm und gehörig vergröbert kam alles ins Pfarrhaus. Denn der Pfarrer war der Hüter des zahmen und unterwürfigen Geistes, der Hüter der Meinungs- losigkeit imb der Verdammer der Freiheit. Und die Falschen und Ohrenbläser, die Locker itttb Lügner waren ihm gute Werkzeuge.
Eine Meinung haben mtb ein Mann sein — ja oft einen „Kopf" haben und nicht dumm sein, das hieß frei sein, hieß anrüchig, ja direkt gefährlich sein.
Da red' ich von meinem Heimatdorfe. Es war der Schullehrer Andreas Krafft, der der Stein des Anstoßes geworden war. Es iväre schwer zu sagen gewesen, warum.
Es lag vielleicht im Krafft. Ich stelle mir ihn vor, !vie er über die Straße ging. Ein Schullehrer vom alten Schlage. Auf den ersten Blick ein Schullehrer. Aber mehr als das, auf den ersten Blick zu sehen: eine Persönlichkeit. Einer, der mehr vom Leben hatte, als sein armes Amt. Einer, der ein Leben gelebt hatte, dem das Leben einen Inhalt gegeben hatte, und der seinen Idealismus, den alten guten, hohen, heiligen Idealismus, durch sein Leben trug. Er leuchtete auf. seiner Stirne, er glühte in seinen Augen. Und mag er uns öde und töricht geworden sein — Ivo er uns heute noch so ganz eins mit dem ganzen Menschen begegnet, ziehen wir den Hut ab.
Der Krafft war nach oben nicht genehm. Er war gewissermaßen schon prädestiniert dazu. Es lag so in seiner ganzen Art. Sie machte nicht warm, sie. machte vielleicht scheu, machte einem unbehaglich. Es war so etwas Starkes, Abwehrendes in ihm, es wurde oft etwas Herausforderndes, Herrschendes. Man sah's auf den ersten Blick, man hörte es beim ersten Wort. Vielleicht ei» starkes geistiges Nebergewicht. Vielleicht war's etwas Aenßeres nur: der Blick, die Stirn, die Schädellinie —i vielleicht der graue Hambacher Bart, das lange Haar — vielleicht die Art zu. gehen oder zu sitzen, ja nicht zum wenigsten die Art zuzuhören, stille zu sein.
Ja, das war's vielleicht beim Krafft, wie still er war. Und wie ernst immer. Er ging durch's Feld, immer in den gleichmäßigen breiten Schritten — „guten Tag, Herr Leh-- rer!" rief's, er dankte und schritt weiter. Und wenn er in den Gesangverein kam — und war der lauteste Lärm im Saale, und ging die Tür auf rind der Krafft trat ein, war's mäuschenstill. Und alle sahen nach ihm und alle hingen an seinem Blick, und es war mehr als Furcht, cs
*) Der Dichter schildert in dieser packenden Novelle unter dem' Nanien Andreas Krafft den Kämpf 'seines Großvaters, den dieser wie sehr viele andere rheinhessische Lehrer mildem bekannten Bischof von Mainz, Emanuel Freiherr von Kettler, auszufechteir hatte. Auch in seinem „armen Lukas" erscheint diese mannhafte, idealisierte Gestalt und in dem Drama „Um die Zukunst" steht er int Mittelpunkt der Handlung. Die Red.
wär ein hoher Respekt. Etwas Vornehmes trug er au sich, trug er überall hin, so einfach er war. Keiner kam ihm zu nahe, selbst wenn er scherzte. Und keiner rongte sich io recht aus sich heraus, wenn der Krafft dabei war. Jede Bemerkung wurde zweimal bedacht, eh sie gemacht wurde. Und doch — wer den Krafft respektierte, und es waren die Besten meines Dorfes, der hing ihm auch an.
Doch war der Krafft nicht hochmütig. Einige behaupteten auch das, aber schon die Freunde, die er sich ausgewählt hatte, bewiesen gegen sie. Die Freunde waren nicht aus den sogenannten „vornehmen" Kreisen, nicht „Doktor" und Apotheker, nicht Schullehrer und Angestellte — es war der Musikant Jakob Veit, kurz der Beitjakob ge-. nannt, der die Violine spielte auf den Kirchweihen und im Gesangverein den ersten Tenor sang, war der Botsieben- tzannes, der die Post hatte von Thuru und Taxis und Musikant war nebenbei, war der Pankraz Klein, der den zweiten Baß „hielt" im Gesangverein, war freilich auch der Rudolf Schwarz, der Bürgermeister, der auch Freimaurer war, vielleicht auch sonst noch ums Geheimnisvolles und Böses, was den Krafft anzog.
Der Krafft sah aber nicht aufs Aeußere und nicht aufs Böse, er suchte in seinen Freunden eine Ergänzung zu sich selbst. Oder das nicht einmal, oder wenigstens nicht so bös egoistisch ausgedrückt — er suchte gesunden Menschenverstand und ein warmes Herz, Liebe und Begeisterung. So beim Veitjakob, dem Musikanten, — beim „alten Schwarz" aber war's oft ein Aufblicken und Bewundern, öfter die freudige Gewißheit uud Dankbarkeit, verstanden zu werden, angeregt und bestärkt zu werden. Denn der Schwarz war ein Weltmann. Tas Leben hatte ihn nach allen Richtungen schon umhergeworfen, er hatte sich auf dem Dorfe 'vor Jahren festgesetzt, hatte erst eine Wirtschaft eröffnet, dann eine Branntweinbrennerei und war dann zum Bürgermeister gewählt worden. Denn er war reich. Er war aber auch ein Heller Kopf. Und er war auch- — ein Demokrat.
Ein Demokrat war der Krafft nun freilich auch. Er hatte in seiner Jugend das Hambacher Fest mitgemacht und hatte flüchten müssen: er hatte im „tollen Jähre" geredet und geschrieben für die Freiheit und die Verwirklichung der Träume der deutschen Seele.
Aber nun war er still' geworden, ganz still. Still im Kreise seiner zahlreichen Familie, für die er schwer zu sorgen hatte, still bei seinen Büchern und Moten, in seinem Schulgarten, den er fleißig bepflanzte. Und wenn er von seiner Arbeit ausruhte, saß er unter dem hohen Efeu an der alten Schloßmauer und paffte aus seiner Pfeife. Und alte Träume 'und alte Lieder wurden in ihm wach, er lächelte des Vergangenen und leid ward ihm all das, was unerfüllt blieb — aber er blieb still. Ja, ganz still war der Andreas! Krafft. Er hatte sich vom Leben zurückgezogen, er hatte seinen Kreis verengert, und was er von dem Draußen dabei verloren hatte, das suchte er sich zu ersetzen durch die innigere Beschäftigung mit dem, was ihm lieb war.
So hatte seine Persönlichkeit ihre Gewichtigkeit und! Schwere bekommen, und auch eine Rithe war ihm geworden, und Kampf und Leid waren nicht verloren. Und so wurde Krafft auch nicht zur Maschine, trotz der gleichmäßig schweren Tätigkeit, die er entfalten mußte. Er fand sich überall einen Punkt, von dem aus betrachtet alles einen eigenen Wert und Ansehen erhielt, von dem aus trotz aller Anstrengung uud Ueberwind'uug der Krafft noch Werte für seinen inneren Menschen herausschlug, so daß er sich seine Freudigkeit b'e-, wahren konnte. Warm fühlte er sich von- ihr durchströmt, wenn er seinen Gesangverein übte, wenn er ein Lied oder! ein Präludium für die Orgel einrichtete, und ganz besonders, wenn er an der Orgel saß und die Töne ihm die Sprache seines Herzens wurden, in der sich das letzte sagen ließ, was fein Herz verborgen hielt.
Und nun war plötzlich die Hetze gegen ihn losgegangen. Es war fast über Nacht gekommen. Der eigentliche Anlaß wäre schwer zu fittden gewesen. Der Anlässe und Gründe! wußte man viele anzugeben. Kraffts politische Vergangen-, heit, seine geistige Selbständigkeit, sein Uebergewicht, die


