Ausgabe 
12.5.1909
 
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Spätinghof.

Roman von K. v. d- @i b e f (Nachdruck verboten.)

. (Fortsetzung.)

Eine halbe Stimbe später stieg Tine mit ber Mietfran drei Treppen hoch mtb stand, vor der Tür einer kleinen Hofwohnung. -Selten mochte ihr so beklommen zumute ge­wesen sein als jetzt vor ber Tür Fräulein Petersens, die grob und wunberlich sein sollte und in einem.so finsteren Hause wohnte.

Ihre Beklommenheit wuchs, als von drinnen eine rauhe, polternde Stimme rief:Na, wer ist beim schon wieder da?"

Ich," rief bie Mietfran. Darauf wurde der Riegel zurückgeschoben, und ein runzliges, braunes Gesicht wurde sichtbar.

Tine glaubte zuerst, daß es eine Männerstimme sei, die durch die Tür rief, aber sie nahm wahr, baß Gesicht und Stimme zueinander gehörten.

Da ist ja noch eilte," rief Fräulein Petersen,was will denn die?"

Na, lassen Sie uns erst mal rein," sagte bie Miet­frau,wir werben schon miteinander fertig. Haben Sie jemand bei sich?"

Nein," knurrte die Alte, während sie widerwillig öffnete,will 'auch nichts mehr zu tun haben mit das Pack. Die Letzte ist davongelaufen und hat ihr Kind dage- laissen, da hab' ich noch Nackscherereien gehabt mit der Polizei, und das arme Kind" . . .

Das haben Sie wohl noch?"

Na eben nicht, und ich hatte mich schon ganz und gar daran gewöhnt. Nein, ich will keinen mehr haben, ich miete mir 'ne kleinere Wohnung."

Indessen waren die Frauen doch in die kleine Stube getreten, und die Mietfran setzte sich breit und fest ans das zerschlissene schwarze Damastsofa. Tine blieb an der Tür stehen, sie wußte nicht, wohin, aber die Alte fuhr sie an: Warum setzen Sie sich nicht, wollen Sie inir auch noch die Ruh' mitnehmen?"

Zitternd ließ sich Tine auf der Kante eines Stuhles nieder.

Ich wollt', ich wäre tot und begraben," fuhr jetzt Liese Petersen mit dumpfer Stimme fort,wenn ich baran denk', daß ich hier ausziehen soll."

Na, es treibt Sie doch niemand," sagte die Mietfrau. Warum wollen Sie denn diese junge Frau hier nicht anf- nehmen? Ja, sie ist eine anständige Frau, ihr Mann ist bloß so jung gestorben."

Ach nein," warf Tine errötend ein.

Ja richtig," verbesserte sich die Frau,er hat den ganzen Tag gesoffen unb sie geschlagen, und dann hat er sie sitzen gelassen und ist ausgcrückt nach Amerika. Ja, so

ist es," setzte sie laut und entschieden hinzu, als sie säh> baß Tine wieder Miene machte, sie zu unterbrechen.

Schrecklich," sagte die Alte,ja, die Männer taugen alle nichts. Lassen Sie den Kerl laufen."

Tine sagte gar nichts mehr. Vorhin bei der Erzählung der Mietfrau hatte sie aufspringen wollen und laut rufen: Es ist ja nicht wahr; ich selbst bin davongelaufen, er ist der beste Mensch, den es ans der Welt gibt."

Aber djese Worte blieben ungesprochen. Tine blieb in ihrer Herzensangst und Schüchternheit ans dem Stuhl sitzen und sprach kein Wort.

Ja," meinte die Mietfran endlich,was machen wir nun?"

Liese Petersen seufzte; sie gab augenscheinlich ihrem Herzen einen Stoß.Na ja, wenn's nicht anders sein kann." Sie öffnete die Tür znm anstoßenden Zimmer. Hier ist die Schlafstube. ",

Tine blickte hinein. Die Stube war sehr einfach ans- gestattet. Auf den Detten lagen weiße Spreitdecken, auf der Kommode eine gehäkelte Decke, an den Wänden hingen alte Oeldruckbilder. Es war alles sehr sauber und an­heimelnd und erinnerte Tine an Spätinghof.

Na, paßt es Ihnen?" fuhr die Alte sie an, und er­schrocken stammelte Tine einJa".

Die Mietfran ging und Tine blieb. Obgleich alles ohne sie abgemacht worden war, atmete sie doch erleichtert ans, sie hatte ein Unterkommen gefunden.

Liese Petersen setzte sich ans Fenster und nähte. Tine packte ihre wenigen Habseligkeiten aus und suchte ihren Strickstrumpf hervor. Sie setzte sich wieder auf den Stuhl neben der Tür, auf dem sie vorhin gesessen hatte, und fing an zu stricken.

Näher ans Fenster!" kommandierte Liese Petersen. Wollen Sie sich mit Gewalt die Angen verderben?"

Ach nein." Tine kam rasch näher und setzte sich Liesen gegenüber. Die Maschine rasselte, die Stricknabeln klap­perten; int Ofen summte der Wasserkessel.

Nach einer längeren Weile wagte Tine es, einmal auf­zublicken in das runzlige Antlitz ihr gegenüber. Als sie aufsah, blickte auch die Alte gerade von ihrer Näherei auf, und da sah Tine, daß sie gute, liebe, graue Augen hatte, daß sie überhaupt gar nicht unfreundlich nnd böse aussah. Als Liese jetzt wieder anfing zu sprechen, kam ihr die Stimme gar nicht mehr so rauh und scheltend vor, sie fing an, sich an die Art des alten Fräuleins zu gewöhnen.

Sie sind vom.Lande, was?" fragte Liese.Na, ja, Sie haben auch was Landschaftliches an sich. Bilben Sie sich man nichts darauf ein, ich bin auch vom Lande. Auf tzent Lande ist's schön oder etwa nicht?"

Tine nickte und seufzte. Sie hatte gerade einen Blick durch das Fenster in bett engen, schmutzigen Hof geworfen und ihn tn Gedanken verglichen mit bem Hofplatz von Spätinghof.

Dnmm wär ich) dumm und dösig, baß ich von Häufe