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Noch int selben Jahre wohnte Bliicher in der Post, Lessen Erscheinen damals bei der Gießener Studentenschaft einen Sturm der Be>
der Verkehr erfuhr in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine langsame, aber stetige Steigerung, ja, er gelangte in den 30er und 40er Jahren zur höchsten Blüte, um 1869, nach Eröffnung der oberhessischen Bahnen, sein Ende zu ßttben. Die alten Postillone, die meist lange Jahre treu ge- ent, wie der treffliche Hornbläser Todt und der flinke »ettenreiter Wagner, mußten scheiden, die letzten Post-
? dem Dampfroß Platz machen. —
Im Jahre 1813 ritt eines Morgens ein Trupp Reiter durch das Walltor herein. Es war Kaiser Napoleons Bruder, der von Kassel vertriebene König Jsröme von Westfalen, der mit wenigen Begleitern auf der Flucht in Wetzen zu kurzer Rast in der Post abstieg. Wer hier wurden die Flüchtigen bald durch den Ruf „die Kvsaken lontmen", der unheimlich durch die Walltorstraße hallte, aufgeschreckt und mußten schleunigst den Poschof verlassen. Die dort aufgefahrenen Gepäckwagen konnten nicht mehr angespannt und rechtzeitig in Sicherheit gebracht loerden und fielen in die Hände der verfolgenden Kvsaken, die bald auf den Posthos sprengten und die Wagen plünderten. Alles, was sie nicht mitnehmen konnten, wurde kurz und klein geschlagen, und nur wenige Stücke sind den Nachkommen des damaligen Poststallmeisters erhalten geblieben als Andenken an die Zeit der Befreiungskriege.
In der Frühe des 16. Juni 1847 schallten schmetternde Posthorn klänge zum Walltor herein. Zwei Kuriere sprengten vor die Post und verkündeten das Nahen eines großen Zuges. Ihre Kaiserlichen Hoheiten der Großfürst Thronfolger von Rußland, der nachmalige Kaiser Alexander der Zweite, und die Großfürstin Maria Mexandrowna, die Tochter Gvoßherzog Ludwigs II. von Hessen, sollten kom- merr. Bald fuhr ein glänzender Wagenzug von 53 Pferden durch die Walltorstraße, wo auf dem Posthofe der Post- stallmeister mit allen Postillonen in Gala mit 56 neuen Pferden bereit stand. Der Zug zerfiel in zwei Abteilungen. Die erste Abteilung bestand zunächst aus den beiden je sechsspännigen „Leibwagen" des Großfürsten und der Äroß- türsnn. Diesen folgte ein vierspänniger Posthaitereitvagen für einen Mrrier, ern vierspänniger Sonderwagen, der v'.er- spännige Wagen des Hofmeisters und drei vierfvännige Wagen für Personen des Gefolges. Die zweite Abteilung setzie sich ans einem sechsspännigen und drei vierspännigen Reservewageu zusammen, denen ein zweizpänniger Posthaltereiwagen mit dem Zahlmeister folgte, der die Kosten sogleich zu berich igen IMe. In dem b e e Re.se betreffenden Befehl der Generaldirektion der Großherzoglichen Posten Meß es zum Schluß: „Die tüchtigsten Pst erde und Postillons sollen an die Wagen Rr. 1, 2, 4, 5, 6, 7. Die ganze erste Abteilung wolle sich möglichst zusammenhalten; namentlich darf der Wagen Nr. 5 fach nie von den beiden ersten, Bit. 1 und 2, entfernen. Die Herren Posthalter wollen tief» in Uniform präsentieren, um allenfalls ge Wunsche der Allerhöchsten Herrschaften von dem Hofmeister hm Wagen Nr. 5) zu vernehmen." —'
Interessant ist auch, wenn man Fürstenreisen miserer Tage in Bergleich zieht, nachstehender Befehl des Oberpostmeisters vom 28. Juni 1830, betreffend die Reise des Großherzogs Ludwig II. und der Großherzogin Wilhelmine, aeborenen Prinzessin von Baden, die damals anläßlich ihres Regierungsantritts den kleinen Höfen der Provinz Ober- tzesten ihren Besuch abstatteten:
„Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die WoßHerzogin von Hessen werden mit Allerhöchst rhrem Gefolge in die Provinz Oberhitzen reisen. Die anliegende Reiseroute besagt das Mhere über diese Reise; ich beziehe Mich daher auf diese Beilage und erteile den Herren Postbeamten auf den Routen, lvelche die Allerhöchsten Hsrr-
etnen Sturm der Begeisterung für die Befreiung entfesselte
s.stst ßst st „ .: Bildung eines freiwilligen Jägerkorps führte. Weniger freundlich begrüßte man den 1823 durchreisenden Prinzen Wilhelm von Preußen, der nur zum Pferdewechsel kurze Zeit vor der Post in der Walltorstraße hielt. Als der Prinz 1848 wiederum die Posthalterei passierte, konnte er nur mit Mühe vor den Drohungen der aufgeregten Smdenlenschaft bewahrt werden. Und wie stürmisch ist in späteren Jahren der alte Kaiser auf der Reise nach Ems so manches Mal am Gießener Bahnhof begrüßt worden! —
schäften bereisen werden, noch folgende besondere Borschriften :
Auf keiner der betreffenden Stationen tznd die erforderlichen 65 Pferde vorhanden. Die Herren Posthalter haben daher alsbald dafür zu sorgen, daß die benötigte Unterstützung nicht fehle. Sie haben sogleich die Herren Landräte und Bürgermeister hiervon in Kenntnis zu setzen und dieselben um Unterstützung zu ersuchen. Ich darf mich versichert halten, daß bei dieser für die Provinz Oberhessen so sehr ehrenvollen Reise Ihrer Königlichen Hoheiten die Herren Landräte und Bürgermeister mit größter Bereit- lvilligkeit alle Unterstützung gewähren. Da nur sechs- uich vierspännige Wagen bei dieser Reise der Allerhöchsten Herrschaften Vorkommen, so haben Sre zur Unterstützung des Poststalles nur solche Pferde zu nehmen, welche au vierspänniges Fahren gewöhnt sind. Diese Züge dürfen nur von im vierspännigen Fahren geübten Leuten geführt tott- deu. Für die beiden sechsspännigen Wagen der Allerhöchsten Herrschaften müssen Postpferde und ganz zuverlässige Postillons verivendet werden. Die Postillons müssen in der vorgeschriebenen Postillonsmontur reinlich und sauber gekleidet fern, vorzugsweise die, welche die Wagen Ihrer Königlichen Hoheiten fahren. Es müssen des Aus- und . Anspannens kundige Leute bei der Hand sein, welche zur schnelleren Beförderung bei dem Umspannen Hülfe leisten. Den Postillons ist gute und vorsichtige Beförderung anzuempfehlen. Die Herren Posthalter erscheinen in der Postuniform und reiten den Wagen Ihrer Königlichen Hoheiten vor. Das Extrapostgeld wird nicht sogleich bezahlt; die Rechnungen darüber werden an mich eingesandt, und die Zahlungen von hier erfolgen. Das Postillonstrinteeldi wird von jedem Wagen sogleich bezahlt. Der Herr Post- stallmeiister Kempff in Gießen ist beauftragt, von Gießen nach Alsfeld, sotvie von da über Grünberg, Hungen, Nidda und Büdingen, soweit es nötig ist, den Wägen der Allerhöchsten Herrschaften zeitig genug vorauszureiten, UM, weil auf diesen Stationen nur eine geringe Anzahl von Postpserden vorhanden ist, die für den Dienst in Bereitschaft gesetzten Pferde zu revidieren und die erforderlichen Anordnungen zu treffen. Seinen Anordnungen haben Sie Folge zu leisten. An die Stationen zu Grünberg und Hungen werden noch besondere Verfügungen erlassen. Ich darf mich dem Vertrauen überlassen, daß die sämtlichen Herren Posthalter sich bestreben werden, durch die pünktlichsten Dienstleistungen die Allerhöchste Zufriedenheit Ihrer Wniglichen .Hoheiten zu erlangen."---
Genau 75 Jahre später raste ein Automobil auf der Straße von Darmstadt nach Lich: Großherzog Ernst Ludwig unternahnr eine Reise in die Provinz Oberhesten. —>
Vertuschtes.
— Ein Gespräch«, t Maeterlinck. Maurice Maeterlinck befindet sich gegenwärtig in England, um an den Probest feines Märchendramas „Ter blaue Vogel" trrlznnehnen, das demnächst im Haputarlet-Theater in einer prächtigen. Jnizemerang» Ent ros aufgeführt iverdcn wird. Ein Mitarbeiter der Daily Marl, ö Hamilton Fine, hat den Blämischen Dichter ausgesucht und mit ihnl ein interessantes Gespräch geführt, in dein manch erhellendes Licht auf fein neues Wert und seine Xcunft überhaupt ml. Maeterlinck stand am Stemm seines Hotelzimmers und wärmte sich die Hände. „Dieser Besuch in London," sagte er mit ferner Wrictot Stimme, „manch mir viel Bergungen. Ich habe den „blauen Bogel" noch nicht ans der Bühne gesehen. Er ,st m Mv»ka« mtb St Petersburg gespielt worden, aber vor dem ross,scheu Winter hatte ich, wie Sie sich denken können, Angst. Auch der engt- lische Winter behagt ja dem Freunde der -Lonne und des Südens nicht; „Ich kann hier freilich nicht im Freien arbeiten, wie M Graste, wo ich den Winter so angenehm im ^vnnmschein verbringe. M liebe es, der Natur nahe zu sein, wenn, ich schreibe. Ich wun es nicht aushalten, in einem Zimmer euigepfercht zu sein. Aber Ihr englisches Klima hat viele Reize. Am Sonntag imachte ,ch eine Antomvbilfahrt über Land. Lie «mme Ivar lostüch und warm, der Himmel von einem zarte», dnrchfichttg seuasten Blau. Tie Farben der Landschaft waren entzückend. Aber große Städte kann ,ch Nickst leiden; ich werde, so müde von den endlosen Straßen. Und dann versenkt sich der Dichter in eine Beschrerbimg ack der Schönheiten, die ihm das lfeilte Graste, nahe an dir Käste d,Ä mittelländischen Ateeres,, eingebettet in seine bMmdm diMgen Gärten, gewährt. Auf semenr Motorrad macht er Ausflüge VIS m die Gebirge der Umgegend hinein. „Marick-e Leute lach:» über mich: ein Dichter ans einem Motorradi Sie denken, das paßte nickst rnsammen. Aber wieviel angenehmer ist es doch als em Anwmvbil Man ist nahe am Boden, man kann alles sehen, was


