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tyier? Was >— was — darf ich fragen, verschafft mir eigentlich die Freude ihres Besuches?"
Halt, da war wieder die unruhige Frage! Nelda wurde blatz und rot, sie fühlte ihr Herz klopfen, und dann sagte sie mit topfern Entschluß: „Ich komme mit einem Anliegen, gnädige Frau. Sie tvürden es mir auch nicht glauben, wenn ich sagte, ich käme aus bloßer Neigung zu Ihnen. Bon so etwas war zwischen uns doch wohl nie die Rede!" Sie mußte lächeln, trotz ihrer inneren Erregung, und um die Lippen von Frau Arnheim spielte auch ein Lächeln; Jie dachten beide jenes Zusammentreffens in der blumen- mrchdufteten Veranda. „Sie trugen damals ein gesticktes Batnstkleid und einen Rosenhut — o ich weiß das alles kehr genau! Aber was Sie nicht wissen können, ist, daß ich eine Erinnerung an Sie mitnahm, als seien Sie so wahrhaft stolz, sich eines Unrechts zu schämen."
„Sd??!" Frau Arnheim hob den Kvpf. „Wie kommen Sie bar auf?" Noch lächelte sie, aber Lächeln und Ton waren Maske — was sollte diese seltsame Einleitung des Gespräches?
Neloa sah das unruhige Umherflackern der blauen Augen, aber sie fuhr gelassen fort: „Sie werden mich für" dreist, ja unverschämt halten; Sie werden mich vielleicht hinausweisen, mag sein, ich muß es eben daraufhin wagen. Ich habe eine Bitte an Sie" — zögernd hielt sie einen Zmgenblick inne — „an Ihren Edelmut!"
Ah, daß war's! Die reiche Frau atmete erleichtert auf. Man wollte sie anbetteln! Diese Dallmer! Wer hätte das gedacht? Sie sah einfach aus, aber durchaus nicht dürftig, «n Gegenteil, ganz wie eine Dame. „Bitte, bitte, sprechen Me nur ohne G^ne!"
„Frau Arnheim" — Reida konnte nicht mehr sitzen, sie sprang auf und stand in ihrer vollen schlanken Gcöße vor der andern — „ich bin die Freundin von Agnes von Osten!"
Mit einem unterdrückten Laut fuhr die schöne Frau Empor; sie starrte Nelda an, als habe diese etwas Ungeheures gesagt. Dann biß sie sich rasch die Lippen und ließ sich zurück in die Polster fallen. „Ja, so, ,» eine Freundin der Kleinen! Sie waren schon in Koblenz sehr liiert, so viel ich mich erinnere!" Ein Zug unglaublicher Geringschätzung umspielte ihren Mund. „Gutes ileines Ding, die Agnes!"
„Gewiß!" Nelda nickte sehr ernst, der geringschätzige Zug um den Mund der andern empörte sie; es flammte in ihr auf. „Sie sagen „gut" — ja, gut ist sie, aber anders gut, als Sie es jetzt meinen! Ich halte es für ein schweres Unrecht, eine Tat, Ihrer unwürdig, gnädige Frau, eine Schande, dies edle Herz zu betrügen — es zu berauben, es zu — brechen!" Nelda Ivar wieder ruhiger geworden, kalt und klar Rangen ihre letzten Worte: „Ja, es zu brechen «— wie Sie es tun, gnädige Frau!"
Anselma lachte krampfhaft, sie raffte das feine Stttzen- taschentuch vom Boden und zerknäulte es in den Händen. „Sie sind wohl die Abgesandte der geängstigten Taube? Wie kommen Sie dazu? Sie sagen mir merkwürdige Dinge! Ich — ich — haha, es ist zu komisch! Was gehen m-ch Frau von Ostens Sentimentalitäten an?!" Sie werf den Kopf zurück! u.nd setzte eine eisig hochmütige Miene auf. „Ich muß Sie wirklich bitten, mich mit dergleichen lächer- kichen Anschuldigungen zu verschonen!" Als zöge sie einen Kreis unnahbarer Kühle um sich, so streckte sie abwehrend die Hand aus und raffte dann die Schleppe ihres Kleides zusammen.
Nelda ließ sich nicht einschüchtern. Wie eine Rächerin stand sie '^ochaufgerichtet, die Arme unter der Brust gekreuzt. Sie tou*.e selbst nicht, woher ihr die Worte kamen, sie strömtet! ihr zu, eine grenzenlose Erbitterung war in ihr. Durch einen Schleier sah sie Agnes' blasses Gesicht, ihre Tränen, ihre vergehende Gestalt. Sie sprach laut: „Agnes war glücklich, wie man es mit einem Mann wie Osten überhaupt fein kann. Er ist leichtsinnig und unbeständig. Zucken Sie nicht zusammen, gnädige Frau, Sie möchten mir entgegnen und können es doch nicht. Sie sagen sich im innersten Herzen selbst: iver so rasch seine Plicht vergißt, kann der treu sein? O gnädige Frau" — die Erbitterung wich mehr und mehr, ihre S.imme wurde eindringlicher, ein sanfteres Zureden mischte sich ein — „.glauben Sw nicht, daß Sre Glück mit ihm finden werden! Glück auf den Trümmern eines andren! Ich weiß alles, ich weiß es von Mnes, ich Miß es von jenem Abend im Theater
— entsinnen Sie sich? Tristan und Isolde! Ich habe Sie beobachtet, ich."
„Sck)weigen Sie, schweigen Sie! Es ist alles nicht wahr, Lüge, lächerliche Lüge!" Mit dunkler Röte auf den Wangen sprang Anselma auf, hielt sich die Hände an die Ohren und ging erregten Schrittes hin und her. Die Schleppe raschelte hinter ihr drein, man sah, wie die volle Brust arbeitete. Sie erhob die Stimme.
„Was wagen Sie? Und wenn es wahr wäre, ich verbitte mir jedes Wort! Was mischen Sie sich ein — mit welchem Recht?"
„Ich habe gar kein Recht." Nelda sprach nicht lauter alA vorher, die andere hörte doch jedes Wort trotz der zngehaltenen Ohren, man sah's an ihrem Zusammenzucken. „Und doch das Recht, das jeder Mensch hat. der ehrenhaft denkt. Agnes von Osten verzehrt sich; sie hat den Stolz, nicht weichen zu wollen, sie hält es für Pflicht, zu bleiben. Ich weiß, sie wird das durchführen bis sie stirbt; und sie wird sterben — bald — ihr schwacher Körper kann bent Gram nicht Stand halten. Um Gotteswillen, gnädige Frau" — Nelda faßte nach dem Kleid der rastlos hin uno her Wandernden — „um G-otteswi len, hören Sie mich, werden Sie keine Mörderin! Sie können nie, nie glücklich sein! Tag und Nacht wird ihnen das bleiche Gesicht der andern erscheinen, auf all' ihre Freuden wird es sehen, daß sie Ihnen keine Freuden mehr sind! O liebe, liebe gnädige Frau" — mit einem warmen Ruf aus innerstem Herzen umklammerte Nelda die eiskalten Hände der anderen — „ich weiß. Sie sind nicht unedel! Sie können und werden nicht noch größeres Unrecht tun! Liebe Frau Arnheim, hören Sie mich, Agnes ist so gut, sie hat kein Wort des Zornes für Sie, nur Tränen! Seien sie barmherzig — gnädige Frau, ich bitte für Agnes, ich bitte für Sie selbst — bitte — bitte!"
„Lassen Sie mich Y' Anselmas Lippen zitierten, das schöne Gesicht war weiß wie Marmor, mit einem Ruck machte sie ihre . Hände frei. „Ich will nicht, was hab' ich? Ich will gemeßen, ich verschmachte hier — oh!" S e packte den feiöneit Fenstervorhang nnö riß daran. „Ich sitze im goldnen Käfig, ich sterbe vor Langeweile! Gehen Sie fort, gehen Sie fort!" Sie schrie es fast. „Was quälen Sie mich?!" Sie drehte das Gesteht ab, der Wand zu und starrte trotzig vor sich nieder.
Sekunden vergingen, Minuten, lange Minuten. Keine von ihnen sprach, nur ein banger A emzug zitterte durch den üppigen Raum mit den niederwallenden feidnen Vorhängen, von Amoretten gehalten. Neloa räusperte sich, die Stille hatte etwas unsäglich Beklemmendes,
(Fortseining folgt.)
Aus den Tagen der „Akren PB"
Heute, wo sich Gießen in seiner elektrischen Straßenbahn ein zeitgemäßes Verkehrsmittel geschasfen hat, dürfte es angebracht sein, einmal zurückzublicken auf die Zeit vor Eröffnung der Eisenbahnen, auf die halb vergessenen und doch interessanten Tage der hiesigen Fürstlich-Tchurn- und Taxis'schen Post in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Das 1725 erbaute Pvstgebäude, dessen hohe Giebel noch immer auf das veränderte Bild der Walltorstraße herabschauen, kann manches von dem einstigen Leben und Treiben an dem jetzt so verkehrsarmen Walltor erzählen.
Zu Ende des 18. Jahrhunderts lag der Postverkehr infolge beständiger krieger.scher Verwickelungen völlig darnieder. Noch 1796 hatte der französische General und nacl)- malige kaiserliche Marschall Ney in der Post sein Hauptquartier aufgeschlagen, und von hier aus zwang er der schon ausgejvgenen Stadt seine hohen Kciegsumlagen auf. Mit seiner Drohung, die Stadt im Falle der Verweigerung der geforderten Lieferungen zu beschießen, machte er nach dem Einrücken österreichischer Husaren durch das Neuenweger- und Selterstvr auch tatsäch.ich Ernst. Die Post, in deren Kellerräumen zahlreiche Einwohner Zuflucht sanden, wurde durch die Beschießung nicht beschädigt. Aber durch die fortgesetzten Kciegsunruhen blieb der Postverkehr gänzlich lahmge egt. Alle brauchbaren Postpferde waren von den Franzosen zum Vorspann auf Nimmerwiedersehen genommen worden, so daß der Poststall, als endlich 1199 die Franzosen Gießen geräumt hatten, völlig neu geschaffen werden mußte. Nur'allmählich erholte sich mit der schwer heimgesuchteu Stadt auch bie Post, und


