Ausgabe 
11.11.1909
 
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beit bösen Verräter in das archäologische Museum im Cur-- tius-Hause versetzen müssen, um auf diese Weise wenigstens das Andenken an eine einstige, in ihrer Unschuld so schöne Volksbelustigung festzuhälten.

Ihr Aiisang wird von den meisten Forschern ans das erste Kaiserreich zurückgeführt. Doch scheint er weiter zu- rückzuliegen; wahrscheinlich hat die Epoche des ersten Na­poleon nur einschneidende Aenderungen in die Form und Vortragsweise der Polechenellen zu Tage gefördert. Wenn man, namentlich in beit volkstümlichen Vierteln der Maas­stadt, auf der Schwelle eines baufälligen Hauses einen Mann in Hemdsärmeln ans ein altes Kalbfell schlagen sah, so konnte man. sicher sein, das; sich dort ein Puppenspiel vor­fand. Es kam häufig genug vor, daß das Theater int Wohn- und Schlafzimmer der Familie des Direktors selbst aufgeschlagen war. Einige Holzklötze dienten dann den Zuschauern als vordere Parkettreihen; der Sitz wurde mit dem fabelhaft hohen Betrage von 5 Centimes bezahlt. Da­hinter die Stehplätze zu je 2 Centimes. Da in den alten Lütticher Hausern das Wohnzimmer vielfach auch noch einen unter der Decke sich bergenden Mansardenraum be­faß, so wurde auch dieser zu einemersten Rang" her-ge­richtet, und dort kostete der Sitz, wegen seiner erhöhten Lage, 3 Centimes/ Dort hinaus krochen die Begeisterten und ließen ihren Witz, und ihre Lustbarkeit nicht nur an denSchauspielern", sondern auch an dem Publikum des Parketts und des Parterre aus. Diesem war es beson­ders unbehaglich zu Mute, wenn die Frau des Puppen­spielers gleichzeitig einen Obsthandel betrieb. Um bei der erschöpfenden Schilderung diesesTheatersaales" zu bleiben, muß auch noch erzählt werden, daß. bei großem Andrange selbst das ungeheure Familienbett alsFauteuils" ver­mietet wurde, und zwar ohne Preisausschlag.

; Natürlich gab es neben diesen ganz urwüchsigen Ein­richtungen für Puppenspiele auch Lokalebesserer" Gattung, die, zumeist in Kellern oder Parterrelokaiitäten unterge­bracht, ebenfalls mehr oder weniger primitiv und so un- bequent als möglich ausgestaltet waren. Der Spielplan lvurde namentlich von Ritter- und Schauerdramen be­stritten. Daneben aber machte man auch dem wirklichen Theater furchtlos Konkurrenz. Es geschah nicht selten, daß manRoger, den Schanbbefleckten",Die zwei Waisen", Die Piraten der Savanne" und so fort von den Puppen dargestellt sah, und auch große Opern, tuteWilhelm Teil", Faust",Tannhäuser" sind über die Bretter der Lütticher Puppentheater gegangen man frage freilich nicht, wie? Auch muß es zur Schande der sonst so musikalisch veran­lag teu Wallonen gesagt werden, daß. obige in Musik gesetzte Helden beit stammverwandten und traditionellen Haünons- kindern, Ogier, dem Dänen, den Lancelot, Hüon von Bor­deaux, Amadeus von Gallien und ähnlichen gestiefelten Herrn schmachvoll unterlagen. Diese Figuren nur waren und blieben die wahre Kost fürs Volk der Puppenliebhaber. Zu Weihnachten und Ostern wurden ihnen dann noch geist­liche Vorstellungen geboten, ein Abklatsch der inittel.Nter- lichen Mysterien. Mau berichtet ferner, daß einzelne Lütticher Polechenelletheater über ein Personal bis zu achl- hnnbert Puppen verfügten. Die tzaiiptmimen Wogen im Durchschnitt ihre 10 Kilo, die Statisten und Nebenpersonen höchstens zwei. Man ersieht daraus, baß der Akteur, der die Puppen am Schnürchen hatte, es mitunter garnicht so leicht" hatte.

Wie Deutschland seinen Hanswurst, so hatte das Lütticher Puppentheater als stehende Persönlichkeit, wie gesagt, feilten Chancet, der den eingeborenen Witz verkörpern und ausdrücken mußte. Chancet ist zwar geborener Lütticher, aber von sozialer Stellung ein Bauer in Holz­pantinen, mit denen er einen fürchterlichen Lärm auf den Brettern der Pnppenwelt vollführte. Der klassische Chancet mußte außerdem mit einem blauen Kittel, weiß-leinenen Hosen und einem altmodischen Zylinder bekleidet sein. Auch hielt der Lütticher Chancet besonders auf eine äußerst große Jiafe, die, nach dein jeweiligen Geschmack des Erzeugers, dato alsGurke", bald alsKartoffel" geformt war. Schabe um ihn und um sie!

für JugendwändemugÄt, auf seine Glückwunschsendun'g folgenden! schönen Brief gesandt, den wir mit Erlaichnis der Monatsschrift des Bundes entnehmen:

. »Aks ich. Ihre Sendung dnrchgelcsen, so hätte ich mich am; nebitcrt gleich den Wandervögeln zugesellt und wäre mit in die schöne Welt hinaus, jugendfroh, bedürfnislos, sorglos und noch manch anderes los, was. das Alter gebracht hat; aber wenn mau im siebzigsten Jahre steht, da erwecken solche Gelüste nur schmerz­liches Empfinden.

Ich gedenke wieder der schönen Wanderungen, die ich in der Jugend gemacht habe uno es ist mir, als ob ich ans denselben? Nahrung für das ganze Leben eingenommen hätte. Auch ich war damals bedürfnislos und sogar alkoholfrei, denn ich konnte froh sein, wenn die wenigen Kreuzer, über die ich verfügte, mir aus- reichten, die nötigen Nahrungsmittel zu verschaffen; das Wasser ist bekanntlich im Schwarzwald besonders gut und eine. Dickmilch mit Schwarzbrot iir einem Bauernhaus ist auch nicht zu verachten. Jeder -Quell, jeder schattige Baum lvurde mir ein milder Wirt; ich sah die Schönheit der Welt und sog sie förmlich in mich auch hatte ich mein Skizzenbüchlein zur Hand, alle anderen Wünsche! lagen in guter Ruh tote sollte inan da nicht glücklich sein. Ich bin in der Nacht gewandert wie bei Tag, durch Sturm und Schn- und Regen wie bei Sonnenhitze. Mit -einem Stück Brot imi Sack und -- ich will hier gerne eine jugendliche Schwäche bc- fennen mit einer nicht kleinen Portion Zucker, habe ich öfters den- zwAfstündigen Marsch von Basel nach Bernau und umgekehrt gemacht.

Freilich wanderte ich fast immer allein, wie schön muß es aber sein, wenn man jugendliche Wandergeuossen hat, die frohe Lieder singen.

Nun bin ich aber alt und bereit, Abschied zu nehmen von der schönen Erde man muß sich auch, jeder auf seine Weise, damit absindeu auch da muß man suchen frei zu werden von Wünschen, daß man auch diese Wanderschaft leicht nntrcten kann.

Trotz diesem Lostveuneu habe ich aber meine Freude daran, daß jetzt so viele Bestrebungen auftaucheit, die darauf hiuaus- gcben, die Jugend gesund und stark zu erhalten und damit wahr­heitsliebend, pflichtgetreu nach sittlicher Reinheit strebend; eine Jugend, die stark ist, die Ehrfurcht hat vor der Natur und den ge­heimnisvollen Mächten, die sie regieren, eine Jugend, die ihrer Begierden Herr zu werden lernt, in Beachtung der Verpflichtungen, welche die Menschengesellschaft, das Volkstum, beanspruchen muß von jedem Einzelnen, weuwdas Ganze gesund und stark bleiben will.

Wir Deutschen- haben es besonders notwendig, als Volk gesund zu bleiben bei den vielen Gefahren, die drohen und die nur ein ganz gesunder Kern überwinden kann. Es ist Pflicht der Jugend, gesund zu sein. IhrWandervogel" ist! Mmß auf guten Grund- sätzeic aufgebant, nicht auf Vergnügungssucht, sondern auf bi-e Fröhlichkeit, die stark macht zu aller guten Tat und auch zur schwersten Pflichterfüllung, die ja an jeden von uns herankommt. . Ich kann mir auch denken, daß der Plan desWandervogels'" dahitt geht, echte Brüderlichkeit zu pflegen, das Volk in feinem Manchem so verschlossenen stummen Dasein kennen und schätzens zu lernen als eine Urkraft, die entsteht, wenn mancher Wind der Meinungen und sogar der Weltanschauungen verweht ist. Kenntnis der Heimat und Liebe zu ihr Möge derWandcrvogel"- fördern!

Ans Vaterland, ans teure, schließ dich au, Hier sind die- starken Wurzeln deiner Kraft."

Ich denke es mir gar schön, daß die Jugend in der freie st Natur Kraft holt und feine Sinne, statt in der Kneipe zu renom­mieren ja, cs will mir fast dünken, daß das, was man ilt Gottes schöner Natur sich' anszusprechen erlaubt, nie ganz dumm sein kann.

Nun wünsche ich, daß derWandervogel" allzeit seine schönest Zupfgeigenlieder singen möge und daß sein Flug ihn zu schönen Höhen des Lebens führe.

Indem ich Sie bitte, ihm meinen Gruß übermitteln zu wollen

Hochachtungsvoll

Karlsruhe. Haus Thoma,

Arithmsgriph.

12 6 1 deutscher Fluß.

2 8 4 4 5 Stadt in Posen.

3 2 2 1 französischer Fluß.

4 5 6 5 alter Name einer arabischen Landschaft.

5 6 12 biblischer Name.

6 13 2 ein Werkzeug.

1 2 3 4 5 alttestamentlicher Prophet.

7 5 8 3 7 3 eine Insel.

8 5 2 2 1 Stadt in Mitteldeutschland.

123456178 weiblicher Vorname.

Auflösung in nächster Nummer,?

Auflösung des Zitatenrätsels in voriger Nummer:

Weh' dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld.

Ein Brief Hans Thomas.

.... ,P/»s?ls.or Hans Thoma, dessen 70. GcburtÄäg' wir kürzlich feierten, hat dem Wandervogel, dem Deutschen Bund

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brtthl'schen Universitäts-Buch, und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.