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. „W handelt sich", siihr die Dame fort, „um1 einen kleinen Mesenplan, dessen Ausführbarkeit aber nicht im Reiche der Unmöglichkeit liegt. Wir leben ja in einer so lebhaft bewegten Zeit, daß der Boden für wirklich groß/- zügige Unternehmen gar nicht so schwer anfzufinden ist. Wir wollen, um es kurz zu sagen, ein Over-Berlin schaffen. Sie verstehen mich natiirlich noch nicht. Aber Sie werden gleich so weit sein. Wenn Sie Berlin von der Gondel eines Luftballons betrachten, so merken Sie gleich, daß alle Straßen —■ —- von Häusern nicht bebaut sind. Lachen Sie nicht! Die Geschichte ist mir eine sehr ernste Angelegenheit. Ich meine natürlich nicht, daß wir jetzt die Straßen ebenso bebauen wollen wie das andere Bauterrain. Mer — ich habe mit vielen Ingenieuren gesprochen — eine andere Bebauungsart der Straßen ist sehr wohl möglich und ausführbar. Denken Sie sich Bauten, die auf eisernen Säulen ruhen, und denken Sie sich diese Säulen höher als die meisten Häuser der Stadt-, so werden Sie sich vorstellen können, daß die Straßen sehr wohl auch LMaut werden können, ohne daß der Verkehr unterbunden wird. Das ergäbe also ein Ober-Berlin — und das würde einen vortrefflichen Eindruck vom lenkbaren Luftballon aus machen. Berlin muß eben etwas ganz Besonderes haben, nm die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich zu lenken. Wir haben ja damit zu rechnen, daß wir in drei Jahren Tausende von lenkbaren Luftschiffen besitzen. Für die Reifenden auf diesen Lenkbaren muß ein besonderer Magnet hergestellt iverden. Und — Ober-Berlin kann sehr wohl ein solcher Magnet werden. Wollen Sie das bezweifeln?"
„Keineswegs!" sagte ich ganz ernst und goß mir einen zweiten Cognak ein.
Die Dame aber sichr abermals fort:
„Sie werden natürlich über die praktische Ausführbarkeit Informationen haben wollen. Die kann ich Ihnen gleich geben: durch die unselige Steuergeschichte in diesem Gommer werden weite Kreise sehr in Unruhe geraten. Und es könnte Vorkommen, daß die Zähl der Geld- und Arbeitslosen in Berlin zu groß werden könnte. Da heißt es nun: die Aufmerksamkeit auf neue große Unternehmungen lenken, damit man die langweilige Steuermisere vergißt. Wie aber müßten denn solche großzügige Unternehmungen aussehen? Doch so, daß man gar nicht darüber wegsehen kann, nicht tvahr?"
„Freilich!" erlviderte ich lebhaft, „über ein Ober-Berlin kann man nicht so leicht hinwegsehen —• man müßte schon in einer Luftballongondel sitzen, um darüber hinwegzusehen. Bon der Straße aus gehts nicht. Werden aber dann nicht sämtliche Straßen so dunkel sein, daß man Tag und Nacht Licht brennen muß?"
„Natürlich!" erwiderte Laura Eisenhärdt, „aber schadet das denn etwas? Wundert man sich darüber, daß Berlin in der Nacht erleuchtet ist? Es denkt doch niemand daran, fick darüber zu verwundern. Also: warum sollte man sich darüber wundern, wenn das Unter-Berlin auch am Tage durch elektrisches Licht erleuchtet wird? Zur Verwunderung liegt gar keine Veranlassung vor. Die Untergrundbahn wird doch auch am Tage elektrisch erleuchtet, und man wundert sich nicht darüber. Ober-Berlin muß selbstverständlich nach einheitlichem Plane entzückend gebaut werden — mit Blumeuterrassen, bunten Glasdächern, Säulenarrangements für Beleuchtungszwecke, Lufthäfen und Bahnhöfen meuester Konstruktion. Alles Dachartige muß so großartig gebaut werden, daß es von der Baliongondel aus einen imposanten Anblick gewährt. Hier haben natürlich die Architekten zu zeigen, was sie können. Und man muß auch im Auge behalten, daß später eine architektonische Ueber- b-auung der Dächer von Unter-Berlin möglich werden könnte — Berlin muß die köstlichste Stadt der Erde — von oben aus gesehen — werden. Dann wird der gesamte Luftschiffverkehr in Ober-Berlin eine glänzende Zentrale erhalten. Die Sache ist durchaus nicht so schwierig durch- zuführen, da wir ja mit diesem Kolossalunternehmen soziale Gefahren beseitigen oder doch abschwächen könnten. Sie verstehen wohl, wo ich hinaus will. Der Staat selbst — die Regierungskreise — müssen für diese große Idee gewonnen werden. Und sie sind zu gewinnen, Inen» wir ihnen klar machen, daß dadurch die Wirkung der unseligen Steuern übgeschwächt wird. Und — so werden wir im Handumdrehen im Besitze von großen Geldern sein, die uns die Ausführung dieses Riesenplans womöglich schon in diesem Jahre ermöglichen. Run liegt uns natiirlich zunächst daran,
durch richtig geschriebene Prospekte Staat und Stadt in Mitleidenschaft zu ziehen. Wollen Sie die Güte haben, viese Prospekte zu schreiben?"
„Selbstverständlich!" sagte ich und goß mir beit dritten Kognak ein.
. »Ich werde," sagte Latlra Eisenhärdt lächelnd, „Ihnen gleich einen kleinen Vorschuß zahlen," und sie legte zehn Tausendmarkscheine vor mir einzeln auf den Tisch.
Ich dachte natürlich gleich:
„Wenn sie nur echt wären!"
. Ich untersuchte jeden Schein einzeln ganz genau, da ich diese Scheine sehr gut kenne — und überzeugte mich sehr bald, daß auch nicht ein einziger falscher Schein dabei war.
„Der Vorschuß ist so glanzend wie das ganze Ober- Berlin!" sagte ich lachend, steckte die Scheine in meine Banknotentafche zu den Hundertmarkscheinen, die darin waren, goß mir noch einen Kognak ein, trank ihn aus und erhob mich.
. „Meine Gnädige", sagte ich, während ich der Dame die Hand küßte, „Sie werden von meinen Prospekten ebenso entzückt sein — wie ich es von Ihrer wahrhaft hervor^ ragenden Idee bin!"
Danach verließ ich Laura Eisenhärdt. Ich wollte noch fragen, ob sie verheiratet fei, ließ das aber, da die Frage doch falsch gedeutet werden konnte. Laura hatte prächtige weiße Zähne, braune Augen und rötliche Haare.
Im zweiten Vorzimmer kam der Portier auf mich zu und sagte flüsternd:
„Mein Herr! Sprechen Sie kein Wort, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist. Wer geben Sie gefälligst sofort die« zehn Tausendmarkscheine heraus."
Ich machte natürlich ein sehr verdutztes Gesicht. Wer da kamen die vier anderen Diener mit langen Browning- Pistolen und hoben diese langsam in die Höhe — dazu wirkten die langen blauen Mäntel sehr imposant. Ich aber griff in meine Rocktasche und holte die zehn Tausendmarkscheine hervor und gab jedem der fünf starken Diener zwei von diesen glänzenden Scheinen.
Danach verbeugten sich die starken Diener und der Portier sagte listig:
„Mehrere Geheimpolizisten folgen Ihnen und werden Sie nicht einen Augenblick unbeobachtet lassen. Wir raten Ihnen also: gehen Sie ja nicht auf ein Polizei-Bureau, es könnte Aren Tod zur Folge haben. Sie werden sehr bald weiteres zu hören bekommen. Gehen Sie nach Hause."
Ich ging nachdenklich zur nächsten Elektrischen und fuhr nach Haufe. Am Abend erhielt ich wieder einen Brief mit blauem Rande — da stand:
„Geehrter Herr! Verzeihen Sie einer Dame, die sich langweilte,, den Keilten Scherz, den ich mir erlaubte? Die Diener handelten in meinem Auftrage. Ich verreise. Schreiben Sie eine Geschichte über die Gründung. Hochachtungsvoll bin ich Ihre Laura Eisenhärdt, Direktrice in einem Schuhwaretigeschäft."
Der Lod pollchinellss.
Während in Deutschland, dank dem Eingreifen der Münchner Künstlerschaft und des Schriftstellers Paul Brann, das Marionettentheater eine fröhliche und vornehme „Urständ" feiert, trägt man in Belgien, namentlich in Lüttich, bald beu letzten „Polechenelle" zu Grabe. Kaum- sieben Jahre sind es her, daß in der wallonischen Hauptstadt noch nicht weniger als 54 Puppentheater florierten. Nach einer Lütticher Zeitung gibt es heute im Bolksviertel von „D'ju d'lä" nur noch vier oder fünf. Im Quartier „?llt- Brüssel", der zukünftigen Weltausstellung, wird sicher auch wieder ein Polechenelle-Keller vorhanden sein, und die volkstümliche Figur seines Direktors Tont wird, wenn dieser joviale Herr überhaupt noch lebt, eine unterhaltsame Auferstehung erleben. Aber er und seine „Künstler" werden nicht viel mehr als eine zu flüchtigem Leben auferweckte Rarität bedeuten. Man wird sie nur aus Mitleid, und um Jugenberinnerungen aufzufrischen, besuchen. Und die Marionetten werden kaum noch unseren jüngsten Kindern eilt Lächeln abgewinnen können: ist man doch heutzutage schon in den Pumphöschen so schrecklich blasiert!
Die geistlosen Ritter- und Räuberromane sind nicht mehr nach dem Gieschmack der belgischen Jugend. In Lüttich wird man bald Kasperle, der Hier Chancet heißt, Charlemagne, Roland, die Magier, die schönen Ritter und


