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Vor beut' Laut der eigenen Stimme. „War der Pfarrer schott Mer?"
„E ne." Grinsend zeigte der Bursche die Zähne. „Dän Leisager es lang net zur Beicbt on Kommunion gewest, on bat 'Anna — no, dat es doch nor sei Mädche! Ne, dän gaast- licherr Hahr waor noch net hei! "
Dallmer wandte sich ad; er fühlte wie ihm das Blut siedendheiß zu Kopf stieg, er stieß die Tür auf und trat ungestüm über die Schwelle. O, nur einen Atemzug freie Luft! Es war zum Ersticken. Boni Wasser krochen Dünste her, sie legten sich ihm beklemmend aus; die grauen Haare klebten ihm an den Schläfen. Er schwitzte.
Unruhig ließ er die Augen über die Oede schweifen. Vom Dorf her näherte sich eine Gestalt, eine Frau; dunkel löste sie sich mts dem fahlen Grau. Erz hielt die Hand über Die Augen — wer war das? Das bleiche Licht blendete ihn, nun war es hinter einer dräuenden Wolke verschwunden. „Nelda--?!"
Es war Nelda. Sie hatte zu Hause gesessen auf denn Fensterplatz und dem Onkel die Gasse hinunter nachge- schaut, wie er in Unruhe fortgtng. Dann hatte sie mit schwermütigem Blick den Kopf in die Hand gestützt. Heute war Ostertag, und .heute vor einem Jahr — —?!' Da waren auch Glocken erklungen; sie stand mit klopfendem Herzen in der Kirche hinter dem Brautpaar, hörte die Worte der Traurede und hörte sie doch auch nicht. „Wo du hin- Vehst, will ich auch hingehen"--in ihrem Herzen war
eine frohe Liebesahnung, eine reine Glückseligkeit.
Nelda hatte schaudernd das Gesicht in den Händen vergraben, dann war sie aufgesprungen und, von plötzlichem Einfall getrieben, dem Onkel nachgeeilt. Sie konnte nicht allein sein.
Schwer war der Weg auf der Höhe gegen den sausenden Wind gewesen, noch schwerer der unten im Tal; mit zu- sammettgebissenen Zähnen strebte sie vorwärts, es tat ihr wohl, gegen was anzukämpfen. Eine Weile sah sie den Onkel vor sich, sie rief — umsonst — sie verlor ihn aus den Augen.
Im Dors klopfte sie am ersten Haus; ein struppiger Frauenkopf fuhr heraus, ein paar Kinder kamen gekrochen und starrten sie unbeweglich an. Neldas Herz fing an, eine warnte Regung zu spüren. Kinder —! Gleich einer Vision glitten andere Kindergesichter an ihr vorüber, lachende rotwangige, — und diese hier so elend, so verkümmert! Der vierjährige Junge dort sah aus wie ein altes Männchen. Sie bückte sich und strich ihm über die dünnen Härchen. „Ms heißt du? "
Das Weib wurde zugänglicher; es brach in ein klägliches Lamentieren aus, dann wies es Nelda zurecht. Und mut war der Onkel erreicht.
„Um Gotteswillen, Nelda, was willst du?" Dallmer sah sie erschrocken und unwirsch an. „Hier ist kein Ort für dich! Geh' mir gleich zurück!" Er schob sie von sich.
Sie ging nicht, sondern sah ihm gerade ins Gesicht. -„Nein, Onkel, ich will nicht; ich bleibe bei dir!"
„Das geht nicht." Er schüttelte den Kopf und dämpfte Unwillkürlich die Stimme. „Da drinnen ist der Typhus!" Er seufzte tief, seine Stirn zog sich in viele Falten. „So ein Elend !"
„Onkel, was ist demt? Sag' mir's!" Sie legte die Hand fest auf seinen Arm, es war etwas von der alten Nelda in dieser raschen Bewegung. Wärett hier Jubel und Glück gewesen, sie wäre gleichgültig vorbeigegangen; aber die gedämpfte Stimmung" ringsum, die graue Trauer über den öden Hängen, deut trüben Maar, der verfallenen Hütte fanden einen Widerhall bei ihr.
„Ich geh' nicht! Jetzt sag' mir, was da driun ist!"
„Krankheit — Tod — den Schatz nicht verlassen" — wie die Wenigen Worte an Mldas Seele rührten! Bor ihre Augen legte sich ein Schleier, in ihren Ohren tönte ein Rauschen, sie hörte Osterglocken klingen, sie sah sich Seite an Seite mit dem Geliebten. Sie gingen den Rhein entlang, weiche Dämmerung sanc verhüllend nieder. Und überin Wasser eine Stimme, in der Luft ein Säuseln — „Wo du hingehst, will ich auch hingehen."---
Mit einer unerwarteten Wendung schob Nelda den Onkel zur Sette. Sie stand schon in der Tür, nun nickte sie zurück. „Geh' nur nach, dem Dorf, hol' die Leute und ordne alles an! Ich bleibe hier. Man muß so jemanden nicht verlassen."
*
Es war am Abend des selbigen Tages, der alte Regen ging nieder. Zn Manderscheid waren die Gassen wie aus- gestorben; alles saß im Wirtshaus. Bei Hommes quiekte Tanzmusik; die Manderscheid er Burschen, die Geld hatten, tanzten da mit ihren Mädchen. IN den zwei kleinen Schenken, am oberen und unteren Ende des Dorfes, keine Tanzmusik, desto mehr Lärm; da waren die Meerfelder eingekehrt. Durch den Tabaksqualm nur rote erhitzte Gesichter zu sehen mit vorgequollenen Augen; heisere Stimmen gröhlten und zankten. Auch Weiber waren dabei. Das Geschrei drang durch die geschlossenen Läden hinaus in die feuchte Nachtluft und zerrann im Dunst.
Bis zur Bürgermeisterei drang kein Laut. Dallmer und seine Nichte saßen am runden Tisch sich gegenüber, beide sehr still. Zwischen ihnen stand die Lampe, sie verbarg einen vor dem anderen. Der Bürgermeister hielt die Pfeife in der Hand, aber er vergaß das Rauchen; gedankenlos sah er auf das Zeitungsblatt nieder, feine wetterharte Stirn war finster zusammengezogen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, sie hüpften die Spalten auf und nieder, schrumpften zusammen und spreizten sich, wieder — stand da nicht etwais ganz anderes, als eigentlich stehen sollte, in großen feurigen Buchstaben und brannte ihm ins Herz?! Keine Politik, keine Handelsberichte, keine auswärtigen Nachrichten! — — — Da — „Am ersten Ofterfeiertag wurde hinter dem Bürgermeister Konrad Dallmer, der füitfund- zwanzig Jahre, sage sündundzwanzig Jahre! — in der Eifel tätig, auf seinem Gang durch das Dorf Meerfeld ein Stein geschleudert, der ihm den Hut vom Kopf riß. Drohende Stimmen schrieen ihm AnschUlbigilngen und Verwünschungen nach, man —" Dallmer fuhr sich mit einem Stöhnen über die Augen, seine Hand zerknitterte die Zeitung.
Für einen Slugenblick hob Nelda den Kopf und sah um die Lampe herum nach dem Onkel hinüber. Auch sie seufzte. Bor ihr lag ein Briefblatt; sie hielt die yeben in der Hand, sie sollte nach Hause schreiben und wußte doch nicht was. War es möglich, das yinzuschreiben, was ihre Seele füllte bis zum Rand? Kein anderer Gedanke konnte aufkommen. Immer sah sie das zerlumpte Geschöpf mit dem fahlen Geftcht und den wirren Harren am Boden kauern, den Kopf auf die Brust des Toten gelegt. Sie sah sich selbst die Elende aufheben, zum Lager schleppen, ihr Wasser an die vertrockneten Lippen führen; und alles das tat sie mit einem wunderlich gemischten Gefühl von Mitleid und Reid.
(Fortsetzung folgt.)
GberVerlirr.
Eine Gründungsgeschichte von Paul Scheer bart.
Vor acht Tagen erhielt ich einen blau geränderten! Bries; sowohl das Kuvert wie der Briefbogen zeigten einen dunkelblauen Rand. Da stand geschrieben:
„Geehrter Herr! Wir brauchen Ihren Rat und Ihrs Mitarbeit in einer neuen Gründungssache. Dürfen Wir Sie bitten, uns zwischen 9 und 12 Uhr Vormittags ans- znsuchen? Wir werden Ihnen battlBa: sein. Hochachtungsvoll! Laura Eis en Hardt, Direktrice der Berliner Gründungs-Zentrale."
Diese „Zentrale" befand sich in der Potsdamer Straße. Und ich ging natürlich hin, da ich sehr neugierig bin.
Ein handfester Portier im langen blauen Man el öffnete mir, verbeugte sich tief vor mir und führte mich in das Empfangszimmer, allwo zwei andere Diener in langen blauen Mänteln mich, ebenfalls mit tiefster Verbeugung begrüßten. Dann öffneten diese beiden Diener eine große Flügeltüre, standen ganz stramm wie alte Soldaten und ließen mich in ein zweites Zimmer treten, allwo abermals zwei Diener in blauen Mänteln sich verbeugten und nm .meinen Namen baten. Sie meldeten mich und ich trat in einen kleinen Salon, in dem eine junge Dame vor einem großen Schreibtisch saß.
„Ich danke Ihnen", sagte sie freundlich, „daß Sie gekommen sind. Setzen Sie sich. Rauchen Sie eine Zigarette ober eine Zigarre und gießen Sie sich einen guten Kognak ein. Es steht alles vor Ihnen. Sie müssen sich ein wenig stärken, denn was ich Ihnen zu erzählen habe, das kann nur ein sehr starker Mann vertragen."
Ich dachte an die fünf starken Diener in blauen Mänteln und tat — wie ich sollte.
„Ich bin sehr neugierig!" sagte ich.


