1909
Donnerstag den November
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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara V i e b i g.
(Fortsetzung.) Kochdruck verboten.)
Ec eilte, der Schweiß perlte ihm auf dec Stirne; das Mittagsglöckchen bimmelte, als er vor Meerfeld stand. Zn «grauem Dunst lagen die Hütten. Die Fahrstraße zum Dorf ein zäher Brei, rechts das Maar und die Felder ein Wasserspiegel. Traurig standen die nackten Höhen int Kranz, die Ginstersträucher drauf reckten sich wie struppige Haarbüschel. Aengstlich duckten sich die Hütten int äußersten Talkessel, immer nah und näher kam die trübe Flut. Bon Nässe angedunkelt ragte der Turm des Kirchleins, sein Dach in Zwiebelform schien an der Bergwand zu kleben; Wimmermd rief die Mittagsglocke zum zerfetzten Himmel.
Die Dorfgasse war einsam, nur ein Hund mit einge- kuiffenem Schwanz schlich zwischen dem Misthaufen herum; er bellte den Fremden an. Wie auf .Kommando öffneten sich die Türen, an den papierverklebten Fenstern tauchten neugierig Gesichter auf: „Dan Borgemaster, dän Borgemaster!" Man grüßte nicht freundlich; stumpfsinnig faßten die Männer nach ihren Mützen.
Dallmer trat auf sie zu: keiner scharrte einen Kratzfuß. „Tag, Meerfelder, wer ist krank? Wo?"
„Dod," sagte der eine lakonisch und spuckte aus. Dann sah ec dem Bürgermeister starr ins Gesicht. Es schien was in dem Blick zu sagen: „Was fragst du noch?"
Die klebrigen murmelten undeutlich. Ihre Zahl hatte sich im Handumdrehen vergrößert; ihrer zehn, zwölf standen da, die Hände in den Hosentaschen, die ungekämmten Haare in die blassen Gesichter hängend. Aus den vom Regen zerwühlten Misthaufen, rechts und links, stieg ein ekelhafter süßfauliger Geruch auf; die 'braune Brühe lief einem bis unter die Füße. Dallmer hielt unwillkürlich den Atem an; von den Männern wehte ihm ein Fuseldunst entgegen. Die Sonne stach; lange Regenstreifen zogen sich am Horizont Und Wolkenbällen jagten vorüber.
Der Zugwind klappte mit einem morschen Fensterladen, eine grelle Weiberstimme zeterte dahinter hervor: „Saot dem Borgemaster, hän sollt sich uet wunnern, wann mer all krepiert sinn! Dat Maar kömmt uns öwer dän Hals, dat läßt sich uet kommanderen. On vns Könner schreien for Brud
„Jao, jao," murmelten die Männer, „se baot recht! Wann uns Maar geblieben wär', wie et gewest waor, et däht besser sein. E su elendig fimmer nie gewest. Eweil könne mer versaufen!" Sie warfen unruhige Blicke hinter sich, dann starrten sie alle den Bürgermeister an. Diese hohlen Augen über den vorstehenden Backenknochen hatten etwas Furchtbares.
Dallmer war bleich geworden, er wandte sich ab. „Karin mich einer zum Leisager führen?"
Die Männer sähen sich an; endlich schob sich ein halbwüchsiger Bursche vor. Mit eingeknickten Knieeu nnd verdrossener Miene schlorrte er vor dem Bürgermeister her. Es ging wieder zum Dorf hinaus; ein wenig abseits, eilt» gedrängt zwischen Berg und Maar lag die baufällige Hüttst des Johann Leisager. Dallmer erinnerte sich des Menschen genau, noch jung, aber verbummelt und einer dest Aermsten im Dorf. Früher war er Fischer gewesen; seit die Fische im Maar krepiert, verlängerte er ohne Beschäftigung die Tage.
Jetzt lvaren sie angelangt. Wie ein Haufen Elend lag die Hütte, mir ein schmaler Erdstreif führte noch zu ihr hin; das trübe Wasser stand fast bis an die windschiefen Mauern. Durch den moorigen Schmutz patschten sie zur Tür; sie war eingeklinkt, der Laden vor dem einzigen Fenster geschlossen. Sie traten ein. Eine Luft schlug ihnen entgegen, die den Bürgermeister taumeln machte. Dick, dumpf schwebte es in dem engen Raum. Dallmer stieß das Fenster auf.
Da lag der Tote auf ungehobeltem Brett über zwei Schemeln, einen Strohwisch unterm Kopf. Eine zerfetzte Decke war ihm .übergebreitet; die Hände, drinnen der Rosen» kranz, hatten sie ihm gefaltet. Der bleiche Sonnenschein drang kaum durch die Fensterluke, in den Winkeln blieb's dunkel.
Jetzt ein Stöhnen, es regte sich was! Der Laubsack in bet' Ecke raschelte, eine Frauengestalt in zerlumptem Rock und wüst herumhängendem Haar wankte auf die Ein- getretenen zu. Strohhalme hafteten in ihren fahlblonden Strähnen; die Jacke hatte sie auf der Brust voneinander gerissen.
Dallmer sah sie befremdet an —- war der Leisager verheiratet?
Der Führer streckte gleichzeitig den Finger aus. „Sei Mädche! Se dient beim Vieh an Malhesen. Se waor als graod de Nacht beim Hanni, als hän krank gäwen es; eweil will se uimmeh weg!"
„Re," sagte das Mädchen heiser und schüttelte sich. „Ne. hän es uet dod. Hanni!" Sie trat näher und zupfte mit bebenden Händen an dem schmutzigen Hemdkragen des Toten. „Klick rnech an, Hanni! Schlaffte?" Sie stieß den starren Körper in die Seite, die gefalteten Haube rutschten etwas auseinander. „Ne, ne, ech giehn uet e.toeg, Hanni, cd) bleiwen bei der!" Sie kauerte sich nieder und legte ihren Kopf auf die Brust des Toten. „Hanni!"
Dallmer schauderte, als er sie so liegen sah ; fahlgelb Ivar ihr Gesicht, auf den Backen ein feuriges Rot, die auf» aespruncieuen Lippen vom Fieber verbrannt.
„Se hast als de Krankheit!" Der Bursche starrte sie neugierig an. Sie hatte jetzt die Augen geschlossen sie toten zu schlafen; aber das Zucken der Lider, das Aechzen der Brust verrieten das tobende Fieber. . _
„Sie muß fort, sie stirbt hier!" Dallmer erschrak saft


