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nicht die Augen aufzuschlagen. Man witterte den Pfarramts- kandidaten ttt spe auf zwanzig Schritt.
Fräulein Aurora streckte die §a»b aus und lächelte.
„Nun, lieber Heinrich?!"
(Sr wagte es, nach einem tiefen Diener, stotternd die Hand zu fassen.
„Ich — ich wollte — mir erlauben — meiner hochverehrten Gönnerin — ein gesegnetes Osterfest zu wünschen!" ^
„Danke, danke! Nehmen Sie Platz! Wo waren Sie denn so lange?" Es lag ein sanfter Vorwurf in den Worten. „Ich habe Sie längst erwartet. Nun ruft mich leider die Pflicht zur Kirche, eine frühere Schülerin von mir macht heute Hochzeit; viel zu jung, viel zu jung! Bei diesen Kinderehen, was kommt da heraus? Ueberhaupt, wie ich darüber denke!" Sie zuckte die mageren Schultern und drehte die Augen gelt Himmel. „Freilich, es gibt Ausnahmen," setzte sie einlenkend hinzu und strich dem jungen Menschen die Haare aus der Stirn, „aber selten, höchst selten! Lieber Heinrich, kommen Sie heute abend wieder und trinken Sic den Tee bei mir; es ruht sich gut nach stürmischem Tag im wohlumfriedeten Hasen!" Sie seufzte.
Ter junge Mensch sah sie verwundert mit den runden blaßblauen Augen an, ein gutmütiges Lächeln zog ihm übers Gesicht. Was seine hochverehrte Gönnerin "nur meinte? Der Tag war doch nicht stürmisch, im Gegenteil herrlich schön, und ein Spaziergang mit den andern Seminaristen, nebst anschließendem Tänzchen in Capellen, wäre eigentlich der Teestunde bei Fräulein Aurora Planke vorzuziehen gewesen. Aber Fräulein Planke zahlte seine Studiengelder. Sie gewährte ihm Mittel für Wohnung und Kleidung, sie hielt ihre Hand schützend über dem Elternlosen; war die Hand auch knochig, es war doch immerhin eine Hand. Er unterdrückte den Seufzer, der in ihm aussteigen wollte.
„Lieber Heinrich," flötete Aurora und zog aus ihrer Tasche ein kleines Päckchen, „hier, nehmen Sie, das hat der Osterhase für Sie gebracht!" Er fühlte zwischen seinen Fingern ein paar harte, in Papier gewickelte Taler. „Nun, was meinen Sie, wird es reichen, um sich dann und wann ein kleines Extravergnügen zu gestatten? Wohlverstanden, im höheren sittlichen Sinne!"
„O meine hochverehrte Gönnerin!"
Ter blasse Mensch rutschte vor Verlegenheit auf dem Stuhl hin und her; man sah's ihnt an, er war sich unklar, sollte er Auroras Hand an die Lippen drücken oder nicht? Die knochige Rechte näherte sich immer mehr seinem Munde, sie kam nah, ganz nah — jetzt — er wurde dunkelrot, mit einem plötzlichen Entschluß ergriff er sie und schüttelte sie herzhaft.
„Wenn das meine Mutter wüßte, wie gut Sie zu mir sind, Fräulein Planke! Ich danke, ich danke. Sie tun so viel an mir, mehr als die eignen Verwandten, und sind doch nur meiner seligen Mutter Jugendfreundin; Sie find selbst wie meine Mutter!"
Er schluckte ganz gerührt und seine kurzsichtigen Augen zwinkerten.
Aurora zuckte zusammen, als habe sie jemand auf ein schmerzendes Hühnerauge getreten.
„Schwester, Schwester — sagen Sie Schwester, lieber Heinrich! Mein Gott, wenn ich so zurückdenke, ich war noch ein kleines Mädchen, als Ihre Mutter schon heiratete! Sie war mindestens zehn Jahre älter als ich — aber die Neigung, die gleicht den Unterschied der Jahre ans. Ich fühle mich Ihnen wie eine Schwester, mein lieber Heinrich!"
Nun drückte sich die knochige Rechte wirklich an seinen Mund; Fräulein Aurora seufzte. So blieben sie regungslos eine ganze Weile, während heller Frühlingsschein von draußen hereinflutete, die scharfen Züge der höheren Schulvorsteherin noch schärfer erscheinen ließ und unbarmherzig die Krähenfüße um Mund und Augenwinkel beleuchtete. Der liebe Heinrich wagte nicht, sich zu rühren, da — ein Glockenton von fern! Fräulein Aurora erwachte wie aus einem Traum.
„Sie läuten schon, wie ärgerlich! Ich darf nicht fehlen, ich muß eilen. Bitte, lieber Heinrich, helfen Sie mir in die Mantille! Also auf; Wiedersehen heute abend; nicht zn spät, lieber Heinrich! Ich erwarte Sie so früh wie möglich — auf Wiedersehn, lieber Heinrich!" —
Agnes Röder war katholisch, Leutnant von Osten protestantisch. Aber was macht der Unterschied der Religion bei zwei liebenden Herzen?! Ohne Zögern hatte Agnes
gleich eingewilligt, sich in der protestantischen Kirche trauen zu lassen; den Eltern war es schwerer geworden, aber sie aabcn nach. Tie Ostens waren altprenßischer Adel und die Stellung des Bräutigams erheischte Rücksichten. Mit verweinten Augen und hochrotem Kopf war Mama Röder mehr als einmal aus der Messe nach Haus gekommen; auch den Kaplan Tengler von der Florinskirche sah man öfter geschmeidigen Tritts die Freitreppe des Röderschen Hauses hinaus schlüpfen, seine dünne schwarze Gestalt schob sich wie ein Schatten vor die leuchtende Freiherrnkrone des Osten- schen Wappens. Umsonst die Tränen der geängstigten Katholikin, die vehementen Drohungen des Pfaffen! Errötend und lächelnd hatte Agnes erklärt: „Mas mein geliebter Carlo will, ist auch mein Wunsch!" Und auf die peinliche Frage: „Welcher Religion sollen deine Kinder sein?" hatte sie, noch tiefer errötend, ebenso lächelnd erwidert: „Carlos natürlich!"
Leutnant von Osten hatte sich entzückt den Schnurrbart gestrichen — wirklich pyramidales Glück! Seine kleine Braut war ein Ideal, ordentlich poetisch, als sic, sich an ihn lehnend, verschämt flüsterte:
„Mein Carlo! Wo du hingehst, will ich auch hingehen; dein Volk ist mein Volk, dein Gott mein Gott!"
Sie hatten sich dann zärtlich in die Augen geblickt und lange die Hände gehalten. Das war ein Glück!
"Mama Röder vergaß ihren Pfaffen und ihre Gewissenspein, Papa Röder schmunzelte über das ganze behäbige Gesicht, — einen Freiherrn zum Schwiegersohn, schön, jung" reich — das waren Aussichten! Und Gott sei Dank, man hatte die Gewißheit, die.Tochter nicht des Geldes wegen geheiratet zu sehen.
So war der große Tag endlich heran gekommen: der Himmel wolkenlos, strahleuü blau. In die L>chloßtirche strömte es — Feiertag, schönes Wetter, die bequeme Stunde: zwei Uhr — und dann, was würde es zu sehen geben! Blumen, Toiletten, Luxus, Glanz; die Leute hatten's ja dazu.
Tie ganze Mädcheuwelt der höheren Kreise war einge- laden. Anselma von Koch, Lena Rohling, Milchen und! Tonchen Zünglein, noch ein paar flotte Offizierstöchter und zwei steinreiche Cousinen Röder waren Brautjungfern; sie würden sich famos neben den sporenklirrenden eleganten Kavalieren ausnehmen. Wieviel Hoffnungen waren in die funkelnagelneuen Hochzeitstoiletten hineinphantasiert worden! Sollten die sich erfüllen, gab's mindestens ebensoviel neue Hochzeiten binnen nächstem, als Brautführerpaare da waren.
„Wenn die Hoffnung nicht wär', wenn die Hoffnung nicht wär'!" Ganz recht, nur daß die Hoffnungen verschieden aussehen. Hier wickelten sie sich alle in lange weiße Schleier und trugen Myrtenkränze.
(Fortsetzung folgt.)
Robert Stephenson.
(t 12. Oktober 1859.)
Robert Stephenson, der berühmte Ingenieur, dessen ErfiN- dnngeN auf dem! Gebiete des Eisenbahnwesens geradezu um* wälzend für das gesamte Kulturleben geworden sind, war am! 16. Dezember 1803 in sehr bescheidenen Verhältnissen geboren; sein Vater arbeitete für-wöchentlich 1 Pfund Sterling in dem Kohlenbergwerk zu Killingworth und hatte die hübsche, jedoch blutaruw Fanny Henderson, die Magd eines Pächters geheiratet, die ihm! zu Willington unweit Newcastle den Sohn gebar und dann in der Blüte ihrer Jugend starb. So lag die Erziehung Roberts dem! Vater allein ob. Er schickte den Knaben in die Schule zu Long Benton und Newcastle und machte ihn von seinem fünfzehnten! Jahre an in dem Bergwerke, in dem er arbeitete, praktisch mit allen Minenarbeiten vertraut. Abends, wenn ihr Tagewerk beendet war, saßen Vater und Sohn daun noch eifrig studierend über mancherlei Bücher, und der Plan zur Vervollkommnung der Lokomotive mag wohl schon damals in beider Gedanken rege geworden sein. 1820 ließ Georg Stephenson den Sohn noch ein Semester lang die Edinburger Universität besuchen, wo er aus den Vorlesungen Hopes über Chemie, LeslicS über Physik und Jamesons über Naturgeschichte trotz der Kürze der Zeit großen Nutzen zogt Georg Steil,enson hatte es mittlerweile so weit gebracht, in Newcastle eine Lokomotivenfabrik auf eigene Rechnung zu gründen, und in diese trat nach der Rückkehr von der hohen .Schute Robert als Gehilfe ein, mußte aber nicht lange nachher aus Gesundheit^- rücksichten die anstrengende Arbeit vermeiden, weshalb er eine Kommission zur Untersuchung der Gold- und Silöerbergwer« Südamerikas übernahm. Nachdem er dort die Si lb er m in eng esell- schast von Columbien gegründet hatte, kam er int Dezember 1827


