m. J59
1909
SWWM
Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Viebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Sie winkte mit der Hand. „Wohin — ich weiß es nicht. Weißt du es?" Sie drängte ihr Gesicht dicht an das seine und bohrte den stieren Blick in seine Züge.
„Du weißt es auch nicht, weißt es nicht — oh — oh!" Mit einem Wehlaut wich sie zurück. „Er ist fort, weit fort! Nun zeigen sie mit Fingern auf uns — sie werfen uns mit Steinen i— sie reißen dir deinen Rock ab — nein, nein!"
Mit jammerndem Aufschrei fuhr sie von neuem auf den Sohn los und umklammerte ihn mit beiden Armen.
„Sie sollen dir nichts tun, ich '.vill es nicht haben! Da!" Sie riß das Spitzenhäubchen vom Kopf und schleuderte es zur Erde. „Da habt ihr meine Krone! — — — Weine nicht, weine nicht, mein Junge! Mein kleiner Feror- 7iand — ei, ei!" Sie schmiegte ihre Wange an ihn und spitzte den Mund zum Kuß. „So ein lieber, kleiner Junge, warum wird er denn weinen? Er liegt ja in seinem schönen Bett — seine Mama ist bei ihm — ei ei — eia popeia!"
„Mutter!" .
Es war der markerschütternde Aufschrei eines gequälten Herzens, der jetzt durch die Stube gellte; der Sohil taumelte zurück an die Wand, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend.
Tie Wärterin, die bis dahin teilnahmlos umhergewirtschaftet hatte, schaute auf.
„Hm, hm. Da" — sie langte nach der beiseite geworfenen Düte und dem Veilchenstrauß — „da Majestät, has hat Ihnen der Herr Leutnant mitgebracht. Nu freuen Ae sich aber, gelt?" , ,
Die Wahnsinnige klatschte tn bte Hande und lacqw vergnügt! mit gierigen Fingern riß sie die Düte auf und stopfte hastig ein Stück Kuchen nach dem anoern m den Mund. Mitten im Kauen hielt sie inne und zeigte nach der Wand: „Was will der fremde Mann da? Fort! fort! Die Düte ängstlich an sich drückend, kauerte sie sich ganz in der Fensternische zusammen. „Er soll weg — da — der — weg, weg!" „ r
„Aber" — Frau Müller zog die sich Sträubende aus der Ecke — „eis is ja der Herr Leutnant, Ihr Sohn! Majestät, ü was, sein Se doch nicht so doll!"
„Nein, nein!" Die Kranke wimmerte wie ein Kind. „Den kenn' ich nicht — der nimmt mir alles — weg, weg! Er soll gehn!" ' .
„Mutter, ich bin es! Liebe Mutter — Ferdinand, beut Kohn!"
„Nein, weg — nein!" Sie versteckte sich zitternd hinter die Wärterin.
Diese flüsterte:
„Gehn Se nur, Herr Leutnant! Ja, gehn Se, se iA etzt sehr aufgeregt, da is nix bei zu machen!"
Wie ein Trunkener schwankte der Sohn zum ZtmmetZ hinaus, an der Tür wandte er sich noch einmal um.
Da war das vergitterte Fenster, hellbeleuchtet der zu- ammengekrümmte Körper der Mutter und die stämmige Gestalt der Wärterin mit dem groben fühllosen Gesicht. Seine Veilchen lagen am Boden verstreut, dazwischen die Blumen des freundlichen Kindes — sie hatten kein Gluck ge* bracht.
VII.
Ueber den Rhein wehen laue Lüfte, der Ehrenbreiw stein glänzt goldgelb int Sonnenschein. In den Wällen am Werstein und drüben an der Karthause blühen die Verl- cben, blau, massenhaft; der süße Geruch steigt der Schild- wache, die droben dröhnend auf und ab schreitet, in die Nase. Der Gewehrlauf blitzt in der Hellen Luft. Wohin der Bltck schweift, alles klar, heiter, freundlich. Der graue Klumpen der inneren Stadt mit den schwarzblauen Schieferturmen — die Firmung, der Markt, die Löhrstraße, der Entenpfuhl — alles sieht verklärt aus. Und draußen um die Billen tnt Glacis blühen schon Pfirsichbäume, und die Stachelbeer- büschc umspinnen sich mit erstem Grün. In den Rhetn- anlagen flöten die Antseln; wer eine neue Toilette hat, fuhrt sie spazieren. Frühlingszauber — Osterglocken!
Fräulein Aurora Planke saß in ihrer Jungfernwoh- nung, herb blickend, süß säuerlich wie ein Einmachetops Essiqvflaumen. Es war wunderhübsch still und ruhig um sie; die Stube so aufgeräumt und sauber, der Gedanke mt Staub schon Blasphemie. Man sah, hier trippelten ferne Kinderfüße, auch kein Zigarrendampf verräucherte dte werßen Mullgardinen. Alles tadellos.
Tadellos auch die herbe Jttngfrau int schwarzen Wollkleid mit dem blendend weißen Umschlagkrägelchen und btto Manschetten. Wie Pythia auf dem Dreifuß saß sie auf dem gestickten Sessel vor ihrem Nähtisch; hinter sich hatte sw eine Epheuwand, aber der Epheu war künstlich vor sich ein Vogelbauer, aber das gelbe Tierchen darin ausgestopft. Bewahre, nur kein lebendiges, das warf ja Schinutz durch biß (Stube i
Auf Fräulein Auroras hoher Stirn lagerte eine Wolke des Unmuts. Heute war Agnes Röders Hochzeit — ste taU'd>ettit er nicht bald kommt, muß ich weg; die Ober- konsistorialrätitt hat mir ihren Kirchenstuhl offeriert. Schon spät!" Sie lauschte wieder, unruhig, gespcntnt — da —t draußen klingelte es endlich, ein ungeschickter Tritt stolperte über den Flur. Jetzt klopfte es.
„Herein!" flötete Aurora, ihre Sttmute hatte etwas Holdseliges. Die Tür ging auf, über die tzchwelle schob sich linkisch ein junger Mensch. Der Rock war fadenscheinig, um das blasse jugendliche Gesicht hing das semmelblonde Haar laitg und straff, sanft in der Mitte geschettelt. Er wagte


