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Vas Duell des „Saukaspar" im Gießener Stadtwal-.
Mne wahre Dorfgeschichte aus der Umgegend von Meßen.
Bon Hermann Strack, Ruppertenrod.
(Bet unserem Preisausschreiben lobend erwähnt.) (Nachdruck verboten.)
Ein Mann von eigentümlichem Ansehen und eigenartigem Aussehen schreitet an einem Sommertag des Jahres 1850 in Gießen den Seltersweg entlang, gefolgt von einer lärmenden, lachenden Schar Stadtkinder.
Wer den Mann besonders .ansah, entdeckte bald die Ursache seiner Begleitung und Verfolgung durch die Stadt- ßüler. Das Aussehen des Mannes und seine sonderbare eidnng riefen bei jedem, der ihn ansah, unwillkürlich! ein Lächeln hervor.
Das Gesicht dieses Mannes sah aus wie eine alte Pergamenthaut, nur faltiger und runzeliger. Daraus ragte eine kecke, rote Sattelnase, kühn mit der Spitze nach oben ge- eMlmgen, hervor. Mit zwei dicken, etwas rot umlaufenen ugen schaute der Mann neugierig und erstaunt umher sind dabei ärgerlich rückwärts auf die nachfolgende, johlende Kinderschar.
Auch die Kleidung des Mannes zeigte ein ungewöhnliches Aussehen. Ein dunkelblauer Rock 'umwallte in einem langen Schoße die erdfarbenen, engen Beinkleider. Auf dem Kopfe trug der Mann eine Art Pelzmütze mit zwei Ohrenklappen, die oben durch Schnürchen festgehalten wurden. Unter dieser „Bleachläppe" mit ihrem riesigen Schild, das wie ein Vordach das Gesicht beschattete, quoll das Haar lang hervor, eine Haartracht, die man mit dem Volksnamen „Merchanke" (von Meerrettich) bezeichnet.
War nun schon das sonderbare Aussehen dieses Mannes eine Anziehungskraft für die Stadtjuqend, die damals noch nicht so lange auf den Schulbänken sitzen mußte, wie heute, so kam noch ei» ganz besonderer Umstand hinzu.
Der Mann trug auf dem Rücken seines dunkelblauen Sonntagsrocks — einen mit Kreide gemalten. Affen.
So schritt der Mann, den man in seinem Heimatsort den „Saukaspar" nannte, weil er Kaspar hieß und die Säue hütete, beit Seltersweg hinunter, laut schimpfend über die ungezogenen, ungeratenen Stadtkinder.
Da tritt ein feingekleideter Herr auf den Saukaspar zu Und fpagt ihn, was es denn gäbe.
„Ei", sagt der Saukaspar, „däi Sioadkeanu sein all ean Mond hienean (hinein) verdoarwe; ean er Ahle (Alten) sei noach schlechter, soft däre se die Keanne besser zäihe. Däi hu koan Respekt vor d' grüße Leut. MW mahnt, däi härre noach kan Mensch g'seh!"
„Ja, lieber Mann, wißt Ihr denn auch, warum Euch die Kinder nachlaufen und johlen?" fragte der Herr.
„Joa!" sagt der Saukaspar, „weil se all naut notz fei."
„Nein," sagt der vornehme Herr, „Ihr habt ja einen mit Kreide gemalten Affen auf euerem Rücken."
„Woas?" sagt der Saukaspar in einem gedehnten Tone, als sei er vom Himmel gefallen und drehte sich um sich selbst herum, „woas? Doas huh däi nixnotzige Sturrente gedvhn."
„Wie kommt Ihr denn zu den Studenten?" fragt ihn der Herr, der kein anderer war als einer der Studenten, die dem Saukaspar den Affen aufgemalt, den aber Kaspar nicht wieder erkennt, da er die Farben abgelegt und statt der Hunten Mütze einen .Hut trägt.
Der Saukaspar erzählte nun, daß er zum erstenmal in gnem Leben nach Gießen gekommen, wie ihm Studenten gegnet und ihn gefragt, ob er nicht Einen mittrinken wolle, wie er jrt eine Wirtschaft gekommen und fleißig den Prosit gehalten, und wie er dann etwas „dormelig" fortgegangen.
„Das ist aber auch höchst Unrecht", sagt der Herr jetzt, „Und Ihr müßt unbedingt von den Studenten Euer Recht verlangen. —- Wie können solch junge Leute aber auch solch altem Männe so etwas tun?"
„Doas mahn ich aach!" sagt'Saukaspar, „ean alleweil giht's gläich hin; däi Nautnötzer muß ja d's Unglück hoan!"
„Ja, Ihr habt Recht!" bekräftigt der Herr Saukaspars Aufwallung, und „ich gehe mit," fügte er hinzu.
Beide kehrten um, und zurück gings zur Kneipwirt- schäft der Studenten, worin diese noch, beim Schoppen saßen. Freudig begrüßten sie den wieder erscheinenden Saukaspar, bewillkommneten ihn und luden ihn ein, sich zu setzen und mitzutrinken.
„Naut", sagt Kaspar, „vo Auch (Euch) will ich naut Uri wösse; Ihr hott mich zäum Afferant g'hoatt, ean hott m'r ean Aff off d' Reck (Rücken) g'moalt. Wersch gedohn hott, den verklahn (verklag) aich: aich sei a ihrlicher Mann, der sich redlich ernährt, ean so aut, doas loß ich m'r nitt gefann — nahn, doas leihr (leide) ich nitt!"
„Da habt ihr Recht!" Mit diesen Worten erhob sich der erste Chargierte der Studenten. „Wer dem Manne den Affen auf seinen Rücken gemalt, der melde sich!"
Der jüngste Student in der Gesellschaft erhob sich. Er bedauerte seinen Streich und versprach alle gewünschte Gtz- nugtuung. Die Sache war aber unter den Studenten so abgemacht, wie sie verlaufen sollte.
„Ja," sagt der Vorsitzende der Studenten, „die Ehren- kränkung ist eine so schwere, daß die Genugtuung nur durch ein Duell gegeben werden kann. Ihr, Mann," wandte er sich zu Kaspar, „habt als der Beleidigte den ersten Schuß. Wollt Ihr das Duell annehmen?"
„Woas eas doas, a Duell?" fragt Saukaspar. Man macht es ihm klar, was ein Duell sei und was dabei zu geschehen habe.
„Bleibt m'r a wegg mett 'm Duell!" ruft abwehrend der Säukaspar, „so a Deng greif ich nitt on; ich schäiße nitt; ich huh mei Leabioag noach nooch koam Spatz ge- schosse, väil winger schäiße ich off 'n Mensche."
Alles Zureden half nichts; der Saukaspar blieb hei seiner Weigerung.
„Nun," sagt der Vorsitzende der Studenten, „wenn Ihr das Duell nicht annehmt, dann bleibt der Affe auf Eurem Rücken; und in euerm Heimatsdorf sieht ihn dann jedermann — auch eure Frau!"
„Däi siehr 'n nitt!" sagt kraftvoll Kaspar, „läiwer loß ich maich tutschäiße."
„Ach," entgegnet ihm wieder der Vorsitzende der Studenten, „Ihr werdet ja nicht totgeschossen, Ihr könnt ja selber erst Euren Beleidiger, hier den jungen Mann, un- fchädlich machen. Ihr habt ja den ersten Schuß, und dann kommt der", damit deutete er auf den jüngsten Studenten, „erst au die Reihe zum Schießen. Nebrigens ist der ein schlechter Schütze," sprach er weiter, um dem Kaspar Mut zu machen, „der noch nie eine Pistole in seiner Hand gehabt hat."
„No, dann ean Goarres (Gottes) Nohme; wann's bann sei muß, will ich's tu," antwortet Kaspar.
„Das ist recht!" rief man bem Saukaspar vou allen Seiten zu. „Ihr feib ein ganzer Mann, bei" Kourage hat!"
Schnell waren einige Chaisen herzugerufen. In die erste kamen unser Saukaspar mit bem Präses ber Studenten und zwei anderen Kommilitonen. In den anderen folgten die übrigen Studenten.
Die Fahrt ging zum Gießener Stadtwald. Hier angekommen, wurde der Pistolenkästen hervorgeholt, die Distanz abgemessen und die Gegner ausgestellt.
Als man zum Laden der Pistolen schritt, das allerdings nur blind geschah, aber mit einer kräftigen Ladung Pulver, da wischte Kaspar sich den Angstschweiß von der Stirne und sagte zitternd: „Ihr Junge, m'r winn's losse; 's wird naut notz; ich schäiße nitt, ich sei verloarn! Ich schäiße koan öanern tut — ich will aach! sealwer nitt erschösse sei!"
Da macht man ihm- klar, daß es jetzt kein Zurücktreten mehr gäbe; er müsse losdrücken, sonst gälte es sein Leben'.
„Ei, iw soll ich dann drücke?" ruft Kaspar verzweifelt.
„Ei, hier unten", sagen die Studenten und zeigen ihm den Abzug an der Pistole.
Nun zählt der Präses: „Eins! zwei! drei!" und bums! bums! krachen zwei Schüsse, gewaltiges Echo in dem Wald weckend.
Der Saukaspar liegt am Boden. Die Studenten halten sich den Leib vor Lachen.
„Sein ich tut — oawer lernt) ich noach?" Das sind des Saukaspars erste Worte.
„Ihr lebt noch!" sagen ihm die Studenten.
„Ean der aner?" Damit meinte Kaspar seinen Gegner.
„Der lebt auch noch", sagt man ihm.
„Goatt sei Lob ean Dank!" ruft sich erhebend Säukaspar. — „Nun müßt Ihr Eurem Gegner aber auch die Hand zur Versöhnung reichen!" sägt man dem Saukaspar.
„Bo Herze gern," erwidert er, „ich geawe 'm nitt blus an i— ich geawe 'm gleich die zwü!"
Nachdem der Händedruck gewechselt, schlägt man dem Kaspar vor, zur Versöhnung müsse nun ab et auch einer


