Ausgabe 
11.9.1909
 
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Nerven.

Novelle von Georg Freiherr von Ompteda.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Ich raffte mich ein paarmal auf, doch weiß der^Teufel, immer sank ich wieder in meine halb schlummernde Stumpf­heit oder stumpfsinnige Schläfrigkeit zurück. Natürlich hatte ich schon ein Loch mit der Zigarre, die ich weggelegt, in die Tischplatte gebrannt. Und da kam ich ans den Gedanken: Nun ist's aber genug, mag's biegen oder brechen, jetzt gehst du in deine Falle." , , ...

Ich stand aus, gähnte, streckte die Arme, rieb mtr die Augen, warf den Zigarrenstummel in den Aschenbecher und wollte eben gute Nacht sagen, als Fritz plötzlich bat:

Hör mal, ich würde furchtbar gern etwas mit dir besprechen. , t o

Nun blickte ich ihn genauer an und sah, daß er durchaus nicht schläfrig war wie ich, sondern einen erregten Gesichts- ausdruck zeigte. Nervös spielte er mit der Uhrkette. . Er hatte mir offenbar wirklich etwas Wichtiges mitzuteilen, das ihn diese Zeit über ernstlich beschäftigt, wahrend ich geträumt und gedöst hatte. Obgleich ich herzlich müde war, konnte ich doch unmöglich dem Freunde sagen:Alter Kerl, können wir das nicht morgen besprechen?"

Das hätte ihm auf ewig den Mund verschlossen. Ich K mich also in meinen Lehnstuhl zurück, ein wenig nnig, indem ich mich aber äußerlich sehr zusammen­nahm, um ein interessiertes Gesicht zu machen.

Fritz begann. Was er mir sagte, war so, daß mich nach den ersten Sätzen alle Müdigkeit verließ und ich ihm mit gespannter Anfmertsamkeit und tiefer Bewegung zuhorte.^u gemeint/ jch hätte mich damals beim Sturze gut benommen. Das freut mich. Und dann hast du erklärt, daß du der gleichen Ansicht bist, tote unser Oberst, weißt du, mit dem, na also nut der. . . mit dem. . . mit der... ich will's malFeighert" nennen. Du wirst mich deswegen nicht anders ansehen, da ich eben gehört habe, tote du denkst. Also daß ich's nur gestehe: ich freute mich, nicht wieder in den Sattel steigen zu müssen, weil mir solche Sachen, wie das Rennen, nicht angenehm waren. Ja, du machst ein erstauntes Gesicht, aber tch kann dir nur wiederholen ich hatteNerven". Nennen wir's einmal, tote ich's vor mir selber nannte, geradezu Furcht".

Das ist nicht möglich! warf ich dazwischen.

Doch er wehrte ab: f ,,

Ich kann dir die Versicherung geben, tch hatte Furcht. Jedesmal, wenn ich. sprang, war es mir wie Schwindel. Ein Gefühl, tote ich's toohl als Junge kannte beim Schaukeln, wenn die Schaukel nach vorn geht, em Gefühl, als ob ich plötzlich in einen Abgrund sänke.

Jeder einzelne Sprung ivar mir eine Folter. Wenn mein Wille nicht stark gewesen iväre, ich hätte etn- fach gesagt:Fällt mir gar nicht ein, nennt mich feige, nehmt mir den Reserveoffizier, denn ich bin ja nicht wert, die Achselstücke zu tragen, verachtet mich alle, aber ich springe nicht, ich springe nicht, und ich springe nicht! Wenn ich der Gefahr gegenüberstehe, ist mein Hemd naß. Nur gelang es nur noch immer, mich zu beherrschen. Und doch kann ich dir sagen, damals ich weiß das noch so genau als mich der Kommandeur springen ließ: wäre das Tier ein viertes Mal gefallen, ich hätte unserm Oberst den Gehorsam verweigert. Ich habe dir dieses Geständnis längst einmal machen wollen, aber ich konnte nicht, den Mut dazu finden. Der Mut hat mir auch dazu gefehlt. Ich habe nie Mut, ich habe nur Willen.

Nun habe ich mir allerlei zurecht gelegt, um vor mir selbst anders daznstehen. Sieh mal, es gibt gewisse Sachen, zu denen gehört ein Mut, den Reiter wieder nicht haben. Kann man's zum Beispiel Furcht nennen, wenn du dem Löwenbändiger, der zu dir sagt:Kommen Sie ruhig mit in den Käfig, ich garantiere, daß Ihnen nichts geschieht," antwortest:Ich danke schön. Fällt mir nicht im Traume ein! Damit mich die Bestien zum Frühstück verzehren!" Der Löwenbändiger wird dich für feige halten. Und von seinem Berufsstandpunkt aus hat er recht.

Oder du kommst bei einer Bergbesteigung an eine sehr gefährliche Stelle; die Führer sagen dir:Es kann Ihnen nichts passieren!" Trotzdem zuckst du zurück und magst nicht über den schmalen Grat hinweg oder über die schwindelnde Wand hinauf. Ja, dann hast.du dpch zweifellos in den Augen der Führer Furcht und bist ein Feigling.

Was ist also Feigheit, was Furcht? Es ist doch nur relativ! Ich habe mir das alles zu meiner Rechtfertigung überlegt. Und trotzdem: es ist nicht bloß das, es ist nicht beim Reiten allein, es ist bei allem. Ich kämpfe gegen mich an, die Furcht bleibt mir.

Aber das ist nur die Einleitung. Ich glaube, wenn nicht etwas in mein Leben getreten wäre, das ich dir jetzt offenbaren will, so hätte ich auch dir, dem Freunde, zu dem ich das größte Zutrauen Habe, meine Schwäche me eingestanden. Ich bin nämlich in eine Angelegenheit ver­strickt worden, aus der ich, tote ich weiß, nicht wieder herauskomme wenigstens nicht lebend. Ich bin sozu- sagen zum Tode verurteilt.

Erschrocken sprang ich auf und rief, die Hande zu- sammenschlagend: , , ,

i Mer nun hört's doch wirklich auf, Fritz. Was hast du nur heute abend, daß du mir solche Geschichten erzählst?

Doch er antwortete einfach:

Bitte, du wirst gleich beurteilen, ob ich recht habe öder nicht. Ich muß zu dem, was ich dir zu sagen habe, etwas weiter ausholen. Ich befand mich setzt, ehe ich zu dir kam, wie du weißt, ein paar Tage in Wien.