Ausgabe 
11.8.1909
 
Einzelbild herunterladen

494

Hm schien, bedenklich grau und griesgrämig aussah. Drum ging er heut mit seinem Parapluie auf die Arbeit.

Jedesmal, so oft auch der Peter von nun an durch den Hof ging, rief'spst!" und er drehte sich um. Und war's gleich nur, um ein Lächeln, ein Nicken, ein Wort auf- Kufangen und mit hinaufzunehmen in die öde, kahle Schnepderbutik und goldene Glücksgedanken dranzuknüpsen. Wie froh und danKar war er druni. Wie viel war es ihm!

Es ging so nicht ganz ein Vierteljährchen weiter, da bekam der Peter jeden Abend einen Kuß in der Tvrfahrt und ganz rasch noch einen unterm Dor. Und oft nicht lange währte es, da ging er am Sonntagnachmittag geduldig vorm Hause auf und ab und wartete, bis die Elise kam, und sie hängte sich in seinen Arm und ging mit ihm einmal auf dieKerb" nach Bretzenheim, auf die Wallfahrt nach Gonsenheim, über die Schiffbrücke hinüber nach Kastel und einmal sogar nach Wiesbaden auf den Neroberg. Oder auch, sie blieben in Mainz, spazierten am Winterhafen hin, gingen wieder zurück, kehrten imHeilig-Geist" ein, wenn die Oesterreicher grab drin waren, und waren so glücklich wie zwei Vöglein im Hanfsamen, zankten sich endlich auch dann und wann einmal, wurden sich aber immer wieder gut. Dann und wann schrieb der Peter ein Briefchen, dann und wann erhielt er auch eins. Sie hatten eben ein richtiges Verhältnis" miteinander, und keines wußte eigentlich so recht, wie's gekommen war.

Ein gut Halbjahr oder länger ging so hin. Da fragte der Peter seinen Schatz eines Abends, wie sie sich's denn nun denke, nun sei's doch an der Zeit für ihn, mal weiter zu wandern, lernen könnte er bei seinem Meister doch nichts mehr. Vom Militär sei er ja frei, da hieß es doch, seiner Zukunft ivegen, weiter in die Fremde zu gehen. Denn nur wenn man recht in der Fremde gewesen sei, könne man sich mit gutem Gewissen mal selbständig machen.

Die Elise sah ihn groß an.

So?!"

Das klang sehr lang und sehr tief. Sie schmollte. Sie sprach gar nichts mehr. Sie gab ihni gar keine Antwort. Sie schnipperte bloß dann und wann einmal.

Der Peter hatte allen Mut verloren. Er gab ihr die himmelsbesten Worte. Aber sie spielte die Gekränkte weiter. Sie drängte ihn zuletzt sogar zum Heimgehen. Es sei schon toi spät, und sie habe keine Zeit mehr. Was konnte er tun? Er ging, einen Stein auf dem Herzen.

Die Elise schmollte weiter. Am anderen Morgen rief's nicht ,chst!" am Mittag, am Abend nicht, gar nicht war sie zu sehen. Da schlich der Peter ums Haus wie ein Dieb.

Erst am anderen Dag ließ sie sich flüchtig blicken; sie habe auch heut keine Zeit.

Dem Peter wurde der Stein auf dem Herzen nur schwerer.

Endlich aber konnte er sie doch zu einer Unterredung festhalten. Vom Fortgehen sprach er kein Wörtchen mehr. Er bat sie nur sehr.

Und sie lachte. Sie wußte, sie hätte gewonnen.

Nein, sie ließ ihn nicht. Sie wollte ihn noch ganz gerne haben. Und er doch sie auch, das sah man ja. Ginge er aber, und ivenn's nur nach Frankfurt iväre, hätte sie ihn gesehen gehabt. Sie hielt ihn fest.

Nur eins hatte sie sich überlegt: eine andere Stelle müsse der Peter haben. Das ganze Haus sprach sowieso von ihrem Verhältnis. Das mochte sie nicht leiden. Sie wollte nicht in anderer Leute Zähnen sein. Es war ihr sehr lästig und genierlich. Und überdies, lernen könnt ja auch der Peter bei diesem Meister doch nichts mehr.

Sie sagte ihm eines Tages, er müsse sich nach einem anderen Platze umsehen. Bei einem großen Schneider. Beim Schneider Flügger auf der großen Bleiche, das sei das feinste Geschäft in der ganzen Stadt. Da könne er noch was lernen. Nur langsam und vorsichtig müsse er sein, nicht das eine aufgeben, ehe er das andere habe. Auch sie mache sich dann mehr nach dem Münstertor zu. Sie sei ohnehin lange genug auf der Stelle, und sie könne auch einen besseren Lohn beanspruchen als die paar Gulden.

Nach ein paar Monaten war denn der Peter wirklich beim Schneidermeister Flügger auf der großen Bleiche. Nach viel Laufen und Spekulieren und Gutwortgeben hatte er's erreicht. Ein paar Schoppen hatt's ihn wohl auch gekostet, die er einem Gesellen hatte bezahlen müssen, der schon

bei Flügger war und für sich in Anspruch nahm, dem Peter die Stelle verschafft tot haben. Und der Peter bezahlte chm gerne. Auch die Elise kam mit Quartalsschluß in die Nähe, und Peters böse Wandergedanken waren vorläufig ausgetrieben.

(Fortsetzung folgt.)

Moderne Manöver.

Der Sommer, der anderen Menschen den ersehnten Ur­laub bringt, bedeutet für die Heere der großen Militär­mächte die Zeit, in der der Schlußstein für die militärische Ausbildung gelegt wird. Die Manöver in ihren verschie­denen Warten nehmen ihren Beginn, und sie bilden nicht nur immer eine Prüfung dessen, was die Truppen an Kriegstüchtigkeit gelernt haben, sondern sie stellen auch einen Teil der Ausbildung dar, der sich eben darin ausdrückt, daß größere Truppenverbände zu gemeinsamer Wirkung zusammengezogen werden. Das Prinzip der modernen Aus­bildung verlangt einen angemessenen Wechsel in den Uebungsgegenden. In früheren Zeiten wurde die Zu­sammenziehung von manövrierenden Truppen zumeist durch Fußmärsche bewirkt. Auch heute noch marschieren wohl in der Regel die berittenen Truppen. Wer die Fnßtruppen werden doch jetzt zumeist mit den modernen Verkehrsmitteln an die Uebungsplätze befördert, weil man von der Ansicht ausgeht, daß die Kräfte der Mannschaft für die eigentlichen Uebungen geschont werden müssen. In den meisten Armeen verlangt man heute für die Regiments- und Brigade­übungen der Infanterie im ganzen zehn Uebungstage. Dies ist anscheinend nicht viel, genügt aber, wenn ma» dessen eingedenk ist, daß ja diesen Uebungen bereits eine intensive Schulung in der Kompagnie und im Bataillon vorausgeht. Die eigentlichen Manöver werden eingeteilt in Brigade­manöver, Divisionsmanöver und in Kvrpsmanöver. Bei uns in Deutschland schließen sich an die letzteren die. sogen. Kaisermanöver an, in denen größere Truppeuverbände nach kriegsmäßigen Grundsätzen gegeneinander sich bewegen und Kämpfe durchführen.

Vergleicht man die Art und Löeise, in der noch vor 100 Jahren in der preußischen Armee Manöver ausgeführt wurden, mit der Methode unserer Tage, so sieht mau einen ganz gewaltigen Unterschied in der Auffassung von Zweck und Durchführung dieses Zweiges der militärischen Aus­bildung. Man gab vor 100 Fahren für die Garnison Berlin eine sogenannteIdee" aus, die als Grundlage des Ma­növers zu dienen hatte. In der Regel schlossen sich damals die Manöver an die alljährlich stattfindendenRevuetage" an. Solcher Revuetage gab es drei, während deren der König die Truppen besichtigte und zum Schluß ein Manöver aus fuhren ließ. Nicht genug an dieserIdee" pflegte man nochDispositionen" zu erlassen, die so umfangreich waren) daß ein intensives Studium dazu gehörte, sich in ihren Mrrnissen auch nur halbwegs auszukennen. Von einer freien selbständigen Entschließung der höheren Führer war keine Rede. Es war ihnen jeder Marsch vorgeschrieben, die Quartiere waren im voraus bestimmt, ja der Erfolg eines jeden Manövertages wurde schon von vornherein festgesetzt, damit sich alles streng in den steifen Formen der damaligen Taktik abspielen konnte. Für ein Manöver am 21. Mai 1804 waren beispielsweise 18 Kanonenschüsse vorgeschrieben, die das Zeichen abgeben sollten für die Bewegung der einzelnen Truppenteile im Manöver. Beim ersten Kanonen­schuß sollten die Bataillone halten^ in Zügen links schwenken und bann nach vorwärts marschieren. Beim neunten Ka­nonenschuß mußten die Bataillone Front machen und mit Pelotons zweimal chargieren. Heute wird den beiden manö­vrierenden Teilen eine angenommene Kriegslage mitgeteilt, und die Ereignisse nehmen, wie im Kriege, ihren zumeist ungewollten, daher den natürlichen Verhältnissen ent­sprechenden Verlauf. Ganz abgesehen von den Hilfsmit­teln der modernen Waffen stehen ja auch den modernen Manövertruppen ganz andere Hilfsmittel zur Verfügung, als in früheren Zeiten. Es gibt keinen Zweig der militäri­schen Ausbildung und der kriegsgemäßen Verwendung, der nicht im Manöver zur Ausführung gelangen würde. Die Pioniere richten Kolonnenwege her, der Telegraph und Fernsprecher tritt in Aktion. Zur Teilnahme an den größeren Truppenübungen werden heute besonders Lust- schifferabteilungen aufgestellt. Der Fesselballon ist Wn eine ständige Einrichtung auf dem Manöverselde.

Eben die modernen Hilfsmittel der Technik und der