Ausgabe 
11.3.1909
 
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Das Volkslied in Gberhejfen.')

Bott Pfarrer O. S chst! I t e, GroßeWindän.

I.

Wohl schon Mancher unter den Lesern hat den Vogelsberg cutmttl in der Frühlingszeit durchwandern Auch da hat ja dieses Gebirge einen großen Reiz. Tas Helle Grün der Wiesen, das junge Laub der Bäume, die kleinen Kuhherden auf den Wüstungen, bei denen die Hüte-Jimgen oder -Mädchen mit den Ringelstöcken als Hirten stehen, die Fernsicht, die allerdings selten sich dem Auge ganz klar zeigt wer das alles bei warmem Sonnenschein und mit wohlgemutem Herzen sicht, der wandert ebenso fröhlich seine Straße, als weint die Glut des Sommers schwer auf dem Laubdache der Wälder liegt und man so kühl in ihrem Schatten dahin schlendert. Und vielleicht ist auch wohl schon dieser oder jener genötigt gewesen, in dieser Frühlingszeit an einem Sonn­tagabende in einem Gasthause der kleinen Dörfer cinzukehreii, die überall die zusamMcnliegenden eigentlichen Höhen, Hoherods- kopf, Taufstein, Geiselstein, umkränzen. Ta hat er, wenn es ein schöner, ruhiger Abend war, etwas erlebt, das er wohl bis heute noch nicht vergessen hat, Es zogen die erwachsenen ledigen Mädchen des Ortes,' Arm in Arm nebeneinander gereiht und die ganze Breite der Straße einnehmend, und dahinter die Burschen, ebenso gereiht, langsam die Straße auf und nieder, und dabei sangen sie, die Mädchen, wie sie sagenhell" oder,sein", d. h. die. erstes Stimme, die Burschengrob", d. h. die zweite Stimme. Ans, der Nähe klang der Gesang nichts weniger als. schon: üngcschulk die Stimmen, schlecht die jAussprache, scharf'und' gestreßt oft die Töne. Aber ein wenig weiter ab! wie wunderbar ergreifend! Wer von dcir Stadtmenschen .das.einmal recht gehört hat, der vergißt es nie. Macht es die meist schwermütige, und dabei doch, so liebliche Melodie? Macht, cs die Einfachheit des Liedes, das in so scharfem Gegensätze steht zu. der Musst des Konzertsaals und der Oper? Macht es, daß das Lied-so hiuausklingt in den stillen Abend, bald anschwellend, bald verhallend, je nachdem! die Sänger­schar näher kommt oder weiter weg zieht? Man lauscht und lauscht und kann nicht müde werben zu hören, und noch bis in den Schlaf hinein folgen uns die Melodien.

Wer einmal so singeir gehört hat, der hat ein Stück Leben des Volksliedes in Oberhessen gesehen.

Wir wollen uns nicht lange mit einer B eg r if fsbe st im - m it it g des Volksliedes überhaupt aüfhaltcn. Es. ist, kurz gesagt, ein Lied, in dem das Volk sein Lieben und Hassen, seine. Freude und fein Leid, sein Urteilen und Wollen zum Ausdruck bringt. Aber unser deutsches Volk zerfällt wieder in mehrere Völksstämme und bei diesen, können wir wieder Unterabteilungen machen. Bei allem Gemeinsamen kommt doch wieder bei jeder eine gewisse Eigenart auch im Volksliede zum Vorschein. Tas oberhessische Volkslied hat einen ernsten, schweren Charakter, wie ja auch der Oberhesse das Leben nicht leicht nimmt. Es jubelt nicht, wenn cs auch von Freude weiß. Es redet gern von den Nöten des Lebens, ergreifend weiß es sie wiedcrzugeben, das Scheiden zweier lie­benden Herzen, die Not unglücklicher sich Liebenden, den Jammer des Weibes, dessen Mann auf blutigem Schlachtfeld gefallen, die Klage der treulos Verlassenen, aber nie wird die Klage zu trost- loscM Seufzen und .Weinen: Es ist oft derb, sehr derb, und manche Lieder werfen auf den. Verkehr von Bursch und Mäd­chen nicht das beste Licht, und viele Lieder verdienen das Prä­dikat,^ das ihnen der VvlksMund gibt,schlecht". Es weiß nichts von. Freiheitsdrang und Freiheitslust: Treue gegen Gott und die- irdischen Herren ist ihm ein nnverrücktes Gut. Es glaubt an Wunder und mancherlei geheimnisvolles Walten in dieser Welt. Es erzählt lieber, als daß cs. Empfindungen und Gefühle schildert, aber, wo sie durchbrechen, da weiß es für sie einen treffenden Ausdruck zu finden. Es kennt auch Humor und scharfen Spott, aber cs ist nicht der lustige, übermütige des Rheinländers. In das Lachen und Scherzen schaut zu sehr der Ernst hinein. Tas obcrhessischc Volslied kommt mir immer vor, als sei es der Kanal, durch den der seine Gefühle und Gedanken sonst so sorg­fältig verbergende Oberhesse diese auSstromen läßt und auch ruhig ausströmcn lassen kann, weil es so gar nichts Persönliches an sich trägt und- doch dem' Ausdruck gibt, wirs ihn bewegt.

.Wenn.ich aber also das oberhessische Volkslied charakterisiere, muß ich einen naheliegenden Irrtum ablehnen. Man kann sich vr-m Volksli.ede überhaupt leicht dieselbe Vorstellung machen, bic mtd) uh. besaß, als ich ansing, die Lieder zu. sammeln. Ich stellte nur vor, ein jeder deutsche Volksstamm habe seine eige­nen Volkslieder, die Alemannen ihre alemannischen, die Bayern ehre bayrischen, dis Hessen ihre hessischen. Tie. singe er allein

t?ine andern. Man wird ja von selbst in dieser Meinung bestärkt, wenn inan in so manchem Lied-erbuche Ueberschriften findet, wie die: Thüringisches Volkslied, alemannisches Volkslied usw. um so größer war meine Uebcrraschung, als ich am An­fänge meines Sauimelns vor etwa 17 Jahren in Engclrod, das int sogenanntendicken" Vogelsberge, etwa 2 Stunden vom Hohe- rodsiövfe und Taufsteine entfernt liegt, auf einmal auf das Lted streß:>zetzt geh ich. übers Brünnelein, trink aber nit". Das svar doch ein alemannisches Volkslied. Wie kam das in den

1i Nach dem am 20. Januar 1900 in der Hess. Vereinigung für Voltstuiide zu Gießen gehaltenen Bortrage,

Vogelsberg? Zuerst glaubte ich, einen Sonderling vor mir zu haben, der, Gott weiß wie, dorthin verschleppt lvordcn sei und sich dem Sprachgebrauch angepaßt habe. Aber bald darauf sand rch Lieder, die auch im Rheinlande gesungen werden, so:Cölir am Rhein, du schönes Städtchen" und andre mehr. Tas war doch seltsam in, dem weitentlcgenen Gebirgsdorfe, aus dem man damals noch bis zur nächsten Eisenbahnstation einen Weg von 34 Stunden harte. Meine Vorstellung, daß jeder deutsche Stamm' nur seine eigenen Keder finge, fiel hin. Ich lernte verstehcit, daß das Volkslied zum großen Teile Gemeingut des ganzen deutschen Volkes ist, daß -manches Lied keine Stammes- und Laudesgrenzeu mehr kennt, daß es wandert, meint auch jeder Bollsstamm nur die Lieder sich dauernd zu eigen macht, die seiner Denkweise, seinem Empfinden verwandt sind. Tie Bestätigung brachte mir, allerdings viele Jahre später, die reiche Samm­lung der Odenwäldcr Volkslieder, die Lehrer Krapp in Tarm- stadt mit Unterstiitzung des Odenwaldklubs und des Großherzogl. Ministeriums des Innern unter dem TitelOdenwälder Spinn­stube" herausgegeben hat. Ich kann jedem Oberhessen nur emp­fehlen, sich dieses Büchlein, das Melodien und Texte enthält', und Nur 50 Pfg. kostet, so lange es noch keine ähnliche Samm­lung vberhcssischer Volkslieder gibt, anzuschaffen. Wenigstens der dritte Teil dieser Lieder so viel kann ich auf Wund meiner! Sammlungen schon jetzt fcststcllen wird auch in Oberhesscni gesungen, und ich fürchte, daß kaum' ein Drittel eigener Lieder übrig bleibt, wenn einmal in Oberhessen alle Lieder gesammelt sind.'

Tie Frage liegt nahe, wie cs denn eigentlich möglich sei, daß so viele Volkslieder in Oberhessen also wandern. Auf den ersten Blick scheint es, soweit die weltfremden Dörfer des Vogels- bcrges in Betracht kommen, nicht glaubhaft. Man stelle sich doch! einmal solch ein einsames Torf im Gebirge recht vor Augen. Biel Fremde sieht dasselbe das ganze Jähr hindurch' nicht. Ge­legentlich kommt , einmal Besuch aus der Stadt, aber der bringt kerne Volkslieder mit, höchstens die neuesten Gasscnhaner, und es' ist ganz ergötzlich zu sehen, wie die Spiunstubcn im Gebirge sich zu ihnen verhalten. Natürlich preist der städtische Besucher solche schauderhaften Blüten der Dichtkunst und' Musik wie die: Ist denn kein Stuhl da, für meine Hulda" als den Gipfelpunkt des Schönen. Man uimmtö auch auf, aber nicht für lange. Da dringt das natürliche Empfinden wieder durch, und es' wird ver­gessen. Auch die Touristen tragen nicht zur Verbreitung der Volkslieder bei. Die sind ja meistens selbst froh, wenn Jemand bei ihren Wanderungen ein Volkslied über die erste Strophe hinaus im! Kopfe hat. Eher kann man auf die Soldaten raten, aber die bringen ja aus ihrer Dienstzeit mßist nur Soldatenlieder mit Gewiß bilden auch die einen Bestandteil des Volksliedes, aber jedes an seinem. Platze. Sie sollten in der Kaserne, bei den Soldatenvereinen und den Zusammenkünften der Soldaten ihre Stätte haben, aber nicht in dem Gesang unserer Torfjugend sich emdrängen. Daß sie es doch tun, ist eine alte Klage unserer! Volksfreunde, und auch die Krapp'fche Sammlung hat ja dafür einzelne Beispiele. Aber wer ist denn Schuld daran, daß das Volkslied wandert? Einmal sind es die Knechte und Mägde, die sich nicht nur in die Heimatdörfer, sondern auch in die Fremde verdingen. Und dann trugen nicht unwesentlich die sogenannten Strickgänger" dazu bei. Ende Februar, Anfang März, da die Bauersleute tüiin Meisten Zeit haben die Wintcrarbeit ist vorbei, die Frülnahrszeit noch nicht angesangen gehen die ledigen jungen Mädchen gern in die Nachbardörfer zur Freund­schaft intfc* Bekanntschaft und die Knechte und* Mägde bekommen ein paar Tage Urlaub, um die Heimat wieder einmal auszusuchen. Es ist feie Ferienzeit des Bauersmannes. Eben diese besuchenden Mädchen, die überallhin den Strickstrumpf mitnehmen, heißt man die Strickgänger. Aber fie kommen an den fremden Orten nicht mir in die Familien, sondern sie werden auch dort in die Spiun- stnbe mit genommen, die, wie wir später zeigen werden, die eigent­liche Hüterin und Pflegerin des Volksliedes ist. Tie- Kameraden aber int eigenen Torfe haben ihnen, als sic Abschied nahmen, zngerufcn:Bringt uns neue Lieder mit!", und nun suchen sie Beute zu machen, andere, unbekannte zu lernen. Aber auch von ihnen selbst will die fremde Spinustubc, die sie besuchen, Vorteil haben. Das einzelne Mädchen weiß ein hier unbekanntes! Lied. Es !muß sich* deshalb mitten tu die Stube setzen und Vorsingen. Tie Andern geben Acht und lernen. Sv wird* das Volkslied! zum* Wanderlied, so fliegt cs hierher und dorthin. Wenn in Ober Hessen die Verbreitung ans dem bezeichneten Wege geschieht, so mag im übrigen Deutschland der Verkehr ganz ähnliche Wege gehen.

Immerhin kamt man auch in Oberhesseu eigene, diesem Lande allein eigentümliche Lieder finden. Einige tragen ja. sozusagen feen Stempel der Herkunft an der Stirite, so das bekannte Liedchen:

Zu Lauterbach hab' ich mein Strumpf verlor'» Und ohne Strumpf geh' ich net heim, Trum geh' ich gleich wieder nach Lauterbach hin tbtfe* zieh mir den Strumpf an mein Bein.

Es bezieht sich auf unsere Kreisstadt Lauterbach. Zwar gibt es Leute, die in Zweifel gezogen haben, ob diese wirklich gemeint! feit. Ter Lauterbach hat inzni ja mehrere in deutschen Landen,

2): Darmstadt, Elbert'fche Buchhandlung.