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Exzellenz die Rede miss Küssen kommt — dann wäre Ihr Erröten eiue fölgemsihwere Indiskretion gegen Fron von Rieding als vor mir."
„Sie müssen doch immer necken, Keßler!" sagte Hasskngm ctlvaS verlegen.
„Ja, lucmt die Leute mir nicht immer Angriffspunkte böten, wurde ich dos Necken schnell verlieren!" erklärte Leutnant Keßler mit Seelenruhe. „Aber jetzt sollen Sie Ruhe vor mir haben, mein einziges Wünschen heißt jetzt: Kaviar und weißer Portwein."
Aus der Wilhelmstraße wogte schon wieder der Strom der Müssiggänger bei lochendem Sonnenschein. Auch hier bleiche, übernächtige Gesichter, blau umschattete Augen.
Vergebens spähte Hans Hassingen nach einem goldbraunen Samtkleide-, heut erschien Lena von Rieding wohl nicht.
In der Bodega empfing sie das Halloh einer animierten Gesellschaft.
Iran von Schlettaus dunkle Augen glühten Haus Hassingen entgegen, daß ihn eine Empfindung beschlich tuic als Kind, wenn ihn int Park von Meusdorf eine Raupe am Halse emporkroch, und er dos haarige Tier geekelt ins Gras schleuderte und mit Füßen trat.
Ta aber sein Begleiter sich schleunigst den Platz, neben der rotblonden Erika sicherte, blieb ihm nichts anderes übrig als. sich einen Stuhl neben die jugendliche Exzellenz zu ziehen, nach- den« er den Schriftsteller, der früh schon aus Mainz herüber- gekommen war, wohl in der Hoffnung, Fran von Rieding zu treffen, begrüßt hatte und einem zweiten Herrn, einem, n>ie er später erfuhr, Wiesbadener.Arzt vorgestellt worden wart
Exzellenz erkundigte sich teilnehmend nach seinem Ergehen und bedauerte in lebhaften Ausdrücken, daß, er noch so wenig Erfolg gehabt habe.
„Sie sollten es mal mit einer Kur bei unserem Doktor versuchen !"
Sie wies mit der bräunlichen, beringten Hand auf den Fremden, der hinter blitzenden Brillengläsern ein Paar matte blaue Augen prüfend auf den Offizier richtete, im übrigen einen bürgerlich behäbigen Eindruck machte mit seinem stark hervvrstehendemj Leib, über dem sich, eine helle Weste, jvölbte, und deut bärtigen, gewöhnlichen Gesicht ans kurzem, gedrungenem Halse.
Tie Exzellenz nickte ihm wohlwollend zu und fuhr fort:
„Tiefer gute Doktor kuriert die Leute mit einer neuen Art Massage, Vibrationsmassage - er hat schon Wunderkuren vollbracht — auch bei mir schlägt seine Methode an - was meinen Sie wohl, Herr von Hassingen, iuie viel Aerzte schon einen vergeblichen Kampf gegen meine Nerven geführt haben - - Herr Baransky ist der erste, der mich schon teilweise von meinen Schmerzen befreit hat und dem ich schon einige Nächte Schlaf verdanke er ist mein Wohltäter geworden, weiß, Gott —"
„Wenn Exzellenz ruhiger lebten, würde ich noch mehr erreichen!" siel der Arzt geschmeichelt ein und zog seinen schlecht Verschnittenen Bollbart durch die Finger.
„Ruhig leben!" wiederholte die brünette Frau mit nervös zuckenden Augenlidern. „Sie haben gut reden, Doktor, »veil.Sie .anderes Blut in den Adern haben, mir liegt die Unruhe von jeher int Blut von einer ungarischen Großmutter her, die sich zu Tode getanzt, hat, trotzdem sie tausendmal vorher gewarnt worden war."
„Hab' ich wohl auch etwas von dem Blut, Mama?" fragte, die kecke Erika naiv' und kokett zugleich.
Tie dunklen Augen ruhten einen Moment weich auf dem blühenden, pikanten Gesicht der Tochter.
„Es ist wohl anzunehmen, Kind, aber ich wünsche es dir' nicht."
Tann wandte sie sich wieder dem blonden Offizier zu und begann ihm int halblauten Ton ernstlich zn einer Konsultation ihres Arztes zuzureden.
„Er hat sich eben erst hier niedergelassen,. weil Wiesbaden das rechte Feld für seine Behandlung ist, er nimmt vorläufig kein Honorar von seinen Patienten, ihm liegt. vor allem daran, erst mal bekannt zu werden ich sag' Ihnen das, weil ich weiß, Sie haben den Arzt in der „Heilniühle" frei und wollen.' . nicht unnötig für einen solchen Geld nnsgeben, aber Sie können's doch versuchen, ich glaube, Sie werden's nicht bereuen."
lind Hassingen, der nur zu begierig nach allem! griff, was ihm Genesung verhieß, ließ sich überreden und kündigte dem befriedigt schmunzelnden Arzte für den morgigen Vormittag seinen Besuch an.
„Wo haben Sie eigentlich Fran von Rieding?" fragte der Schriftsteller über den Tisch, herüber. „Ich dachte, die Herrschaften wohnten in einer Pension."
Er wandte sich an die Exzellenz, sein Monokel blinkte aus Da'wwer, er schnarrte ein wenig beim Sprechen. -Der bos
hafte Frauenmund verzog sich herbe/ denn Hassingen! hatte sich verfärbt und nahm, Gleichmut heuchelnd, einen Schluck aus seinem! Weinglase.
„Wir wohnen weniger kostspielig, Herr Wonnck, als eine Frau, die über ein Vermögen von Millionen verfügt."
Tie Frauenstimme klang feindselig.
Im braunen Auge des Schriftstellers blitzte es auf.
„Ich weiß nicht, Mama, was du willst!" mischte Erika! sich ein. „Sie wohnt doch auch nur in einer Privarpensiou, und int! Hotel ist es doch sicher viel teurer, ich. finde- überhaupt, daß sie von ihren Millionen sehr wenig hermacht, ivenn ich so reich wäre, ich wüßte ganz anders anfzutreten."
Tie Exzellenz ärgerte sich, daß die Tochter ihre Feindin in Schutz nahm und sagte, wohl mit Absicht dem blonden Offizier zngewandt:
„Bei der Frau ist auch die Einfachheit Koketterie, sie mußte: immer etwas Besonderes haben, schon an der Riviera damals, wenn sie nur den Herren gefällt, das ist ihr Lebenszweck."
„Sollte das nicht die Absicht jeder Fran sein, Exzellenz? Wenn man so jung und schön ist wie Frau von Rieding, wäre es traurig genug, sie entzöge sich uns, dazu ist ja noch Zeit, wenn sie alt ist und verblüht."
jScr Schriftsteller lächrlke harmlos, aber im braunen Ange hatte er ein spöttisches Glitzern.
Hassingen wechselte einen Blick mit ihm und sah dann verstohlen lächelnd beiseite.
Tas scharf gewordene Franengesicht war leicht erblaßt.
„Ich kann diese Frau nun einmal nicht leiden!" sagte sie mit plötzlicher, schroffer- Ehrlichkeit. „Ich hege ein Mißtrauen gegen sie." Ihre Stimme lunrbe zum Flüstern, sie neigte sich näher zu dem Offizier hinüber und- fuhr fort: „Sagen Sie selbst, lieber Herr von Hassingen, ist es etwa passend, daß sie als so junge Fran nur von ihrer Jungfer begleitet in der Welt herutw- reist?"
Hans von Hassiugens jugendliches Gesicht zeigte auf einmal die hochmütigen Linien, die es io jäh veränderten.
„Ich meine doch, eine Taute wie Frau von Rieding schützt sich selbst, muß denn die Tugend durchaus immer einen Wächter haben? Wenn das notwendig ist, dann steht sie wohl ans tönernen! Füßen und bricht trotz der Gardedame zusammen."
Tie Frau zuckte wegwerfend die vollen Schultern, als lvolle sie andeuten, daß der Gegenstand ihr einer weiterem Erörterung nicht wert war.
Tor blonde Offizier hätte sie in dem Moment kalten Blutes erdrosseln können.
sind als sie nach einer Weile alle Register der Liebenswürdigkeit gegen ihn aufzog und ihn anfforderte, sich ihnen! doch abends anzuschließen, sagte er Höflich, aber mit einer Knapp- heft, die sich jede nähere Frage verbat:
„Ich muß danken, Exzellenz, ich bin heut abend bereits . eiugeladen."
Sie verwand ihren Aerger nur schwer und hielt sich zum! Trost au die Zusage des Schriftstellers, der im stillen noch immer, hoffte, auf diese Weise doch noch zu einer Begegnung mit den braunhaarigen, reizenden Frau zu kommen.
Gleich darauf empfahl sich Leutnant von .Hassingen unter einem Vorwande. Tie stickige Luft des engen Raumes erregte ihm! Ekel, die gehässige Exzellenz stieß ihn immer mehr ab. Mochten sie hinter ihm herreden, Keßler würde schon seine lose Zunge für ihn und seine Dame rühren, wenn es not tat.
. Er aß heut allein Mittagbrot und hielt hinterher eine ausgiebige Ruhestunde. Ter jungen Frau ivollte er ungern mit matten Augen und fahlem Gesicht entgegentreten. Er blätterte daun zur Orientierung in dem Textbuch zu „Tristan und Isolde", machte sorgfältiger denn je Toilette und begab sich in einem Wagen nach der „Villa Maria".
An einem Blumenladen unterwegs ließ er halten und erstand- zwei köstliche Marechal Niel-Rosen, lveil sie ernt' Tage vorher geäußert, es wären ihre Lieblingsblnmen, eine Aufmerksam- kcit mußte, er ihr doch- erweisen.
Beklommen, als ginge er seinem Schicksal entgegen, stand! er dann inmitten eines kleinen, behaglichen, blumettdnrchdusteteM Salons, wohin ein -ältliches Mädchen mit treuen Augen in einem! sanften Gesicht ihn geführt hatte.
(Fortsetzung folgt)


