Auf Liebespsaden.
Roman von Si>. Ehrhardt.
"Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
An diesün Morgen, da er endlich durch Sturzbader kalten Wassers etwas erfrischt und auch ernüchtert mit seiner Toilette so weit fertig war, dass er nach dem Kaffee klingeln konnte, war er direkt erleichtert, zu sehen, daß. ihm von dem Briefkuvert auf dem Tablett, das die Unschuld vom Lande täppisch vor ihn auf den Tisch stellte, nicht .Helenens feine, flüchtige Schriftzüge entgegensahen.
Es war ein Brief von seinem Onkel, die endgültige Mitteilung, daß. er wegen des Verkaufs von Meusdorf lütt einem, Agenten in Verbindung getreten war und auch schon einige Käufer sich meldeten, von denen aber keiner bei den schlechten Zeiten, den Preis zahlen wolle, auf dem er bestehen müsse, wolle er nicht aus seine alten Tage noch irgend wohin als Inspektor gehen.
„Es fällt mir schwer genug, mich ton Meusdorf zu trennen, mein Junge. Tas wirst du mir toielleicht nachfühlen können. Ter Landmann verwächst mit der Scholle, die er bebaut, mit dem Hause, das schon seine Eltern und Großeltern bewohnten, an dem er mit den Wurzeln der Tradition nnb der Erinnerung hängt, aber will ich nicht eines Tages gezwungen als Bettler. 'von Haus und Hof gehen, so muß ichs eben jetzt überwinden."
Hans Hassingen liest sein Frühstück unberührt stehen, ihm war der Appetit vergangen.
Er stierte vor sich hin, und es war nicht mehr Helenens rührendes Bild, das ihm mahnend vor dem inneren Auge stand.
Tas Familienbewusttsein hob in schmerzlicher Empörung das Haupt, als grolle es einem Treulosen.
Wo war der Reichtum, der Glanz, den er den Seinen hatte zurüekevobern wollen ? Tas Stammgut seiner mütterlichen Ahnen fiel in fremde Hände, daheim schleppten die Eltern ihr sorgenvolles Leben weiter, die junge Schwester kränkelte. Und er, der 'hatte Retter sein wollen? Er lag in den Banden einer Gefü'hls- schwärmerei, die ihm den Weg zur besieienden Tat versperrten.
Lena von Riedings Millionen lockten mit teuflischem Gleisten. Er wehrte sich verzweifelt. Um diese Fran werben mit der. Liebe zu^einer anderen im zäh ausdauernden Herzen. Nie,
Die Sorgenfalte auf der Männcrstirn grub sich, tief, sehr tief, die kräftige Hand ballte sich wie im Kampf. Sie war ein ganzes Gefühl wert, die Fran, ein Schurke, der ihr nur ein halbes anbot.
Es, klopfte schüchtern an die Tür. Das blonde Mädchen mit den törichten, blauen Augen und dem dummen Lächeln im sommersprossigen Gesicht brachte einen Brief.
„Das Fräulein draußen wartet auf Antwort."
Er nahm das gelbliche Kuvert mit dem mattlila Siegel. Weilchenduft umschmeichelte ihn süß und tröstend. Eine steile, große Handschrift, lila Tinte.
„Lieber Freund! Wollen Sie heut abend mit mir Tristan Und Isolde sehen? Und später bei Carlton mein Gast sein zu einem
1909 — Nr. 40
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Karnevalssouper ä beug? Dann holen Sie mich um 6>,4 Uhr ins der „Billa Maria" ab, in einem Wagen, bitte, ich bin doch sehr müde von gestern, aber abends leb ich wieder auf, wie Sie Nüssen. Dem Karnevalsgefährten einen Morgengrust!
Lena von Rieding."
Ihn durchrann es bei der Lektüre heiß und kalt. War Lr nicht ein Narr, daß er mit hundert Bedenken um die lockende Frucht herumschlich, anstatt skrupellos zu versuchen, ob sie nicht für ihn gereift war?
Ganz verwirrt warf er nur ein paar Zeilen auf eine Visitenkarte, einen Dank und daß er pünktlich erscheinen würde/ knvertierte sie und gab sie dem neugierig zusehenden Mädchen'., Tann war es höchste Zeit, in die „Heilmühle" zu gehen, er stürzte nun doch noch eine Tasse kalten Kaffee hinunter/ weil ihm ganz übel war von all den Aufregiingen auf leeren! Magen, und machte sich dann aus den Weg. In der „Heiko mühte" war sein schwerer Schädel nicht der einzige, der seinem' Besitzer zu schaffen machte; Meisenberg sah grün aus inte eine zweitägige Leiche, er war auch in Mainz gewesen.
„Habe Sie auch gesehen, Kamerad, aber wissen Sie, Karneval in Mainz und so exklusive Gesellschaft, ne, da kann ich ja gleich lieber einen Kasinoball mitmachen meine Frau hat sich diesmal übrigens als Diplomat gezeigt und die vornehmen Allüren nur in passenden Momenten verloren."
Er lachte wiehernd, und die Korona, die mit von der Partie gewesen tvar, stimmte ein.
Dem jungen Offizier tvar's beruhigend, daß dieses Lachen nicht Lenas Protege galt, es hätte ihn sonst verstimmt.
Der kleine Artillerist gesellte sich erst zu ihm, als er das große Haus am Marktplatz verließ.
Er hatte sich auch wieder mal ein Dampfbad, angeblich für seinen Rheumatismus, in Wahrheit aber für seinen Katzenjammer geleistet. Er war Noch schauderhaft unsolide gewesen, wie er dem Kameraden eingestand.
„Decken wir den Mantel der christlichen Liebe über diese Karnevalsnacht!"
Mit den salbungsvoll gesprochenen Worten schnitt er nähere Fragen Hassingens ab.
Nach einigen! Schwanken erzählte dieser ihm von Frau von Riedings Einladung, der kleine Leutnant konnte vielleicht verhindern, daß abermals eine unliebsame Störung ihnen die Festfreude verdarb.
„Glückspilz!" sagte dieser voll Ueberzenguiig. „Die Fran liebt Sie ja, Hassingen, ich hab sie gestern beobachtet, wie kichl sie den schönen Moeschen gelegentlich in seine Schranken zurückwies, und dann dieses Entgegenkommen bei Ihnen —"
„Tas Ganze ist doch ein Karnevalsscherz, Keßler - - so gut wie sie „Kleiner" zu Ihnen sagt, von morgen ab tut sie's sichep nicht mehr."
Aber der Artillerist war nicht überzeugt.
„Eins ist nicht wies andere, wenn's auch äußerlich so aussieht. Es ist wie mit dem Kuß hn Karneval, er kann sehr wenig bedeuten, aber auch sehr viel — nun werden Sie rot, Hassingen/ und ich wünsche Ihnen nur, daß nicht etwa vor der feindlichen


