Ausgabe 
11.2.1909
 
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Ms bet einfachen Zelle entwickelte, durch Anpassung unb Vererbung im Kampfe ums Dasein höher uttb' höher steigend, herauf zu bett Säugetieren, Lis herauf schließlich zum Men­schen. Diese Lehre hat, besonders in ihrem weiteren Ausbau, eine Weltverbreitung erlangt und die ganze wissenschaft­liche Auffassung verändert und erweitert.

Lassen wir hier die Streitfrage auf sich beruhen, ob 'Darwin, wie die eine Richtung glaubt, das letzte Wort in bezug auf Entwickelnugs- und Entstehungsgeschichte der Or­ganismen gesprochen hat, oder ob, wie die entgegengesetzte Richtung behauptet, seine Lehre nur einem Banne gleicht, der eine gewisse Zeit das Denken in eine bestimmte Bahn zwängt und sich später als nicht ganz der Wirklichkeit ent­sprechend erweist. Darwins historische Bedeutung ist auf jeben . Fall gesichert und unerschütterlich. Ohne Zweifel äst durch ihn eine reiche Anregung, zu forschen, und zu denken, in die Menschheit gekommen.

Bei großen Denkern fesselt uns besonders ihr Gemüts- leben, die Art, Ivie sie sich zu ihrer Umwelt, zu ihren Mitmenschen und zum wehrlosen Geschöpf, zum Tier, Ver­halten. Daß Darwin ein großer Naturfreund war, leuchtet von vornherein ein, und auch als Tier- ititb Menschenfreund kann nur mit Stolz auf ihn hingewiesen-werden. In bezug auf die Reinheit und Lauterkeit seines Charakters hat Darwin keinen Gegner.

Konnte er einem Tiere Qualen ersparen, so erfaßte er den Gedanken sofort und brachte ihn zur Durchführung. .So erzählt fein Sohn Franeis Darwin*) folgenden Aus­spruch des Baiers:Ich hatte eine große Liebhaberei für das Angeln .... als ich in Maer war, wurde mir gesagt, daß ich die Würmer mit Salz töten könne und von dem Tage an habe ich niemals wieder einen lebenden Wurm angesteckt."

Dieselben Gesichtspunkte, die ihn zur Verwerfung des .Angelns mit lebenbem Köder leiteten, machten sich ihm auch geltend für das Sammeln von Insekten nnb für die Jagd; letztere gab er sogar ganz auf. Er schreibt:Ich entschloß mich beinahe, damit änzufangeu, alle Jttsekteir, welche ich tot fand, zu sammeln; denn als ich meine .Schwester befragte, kam ich zu dem Schluß, daß es nicht recht sei, Insekten zürn Zwecke des Veranstaltens einer Sammlung zu töten." .

Neber die Jagd äußerte Darwin:Ich machte die Ent­deckung, obgleich unbewußt, daß das Vergnügen, zu be- dbachten, und zu schließen, ein viel höher stehendes sei als das der Jagd." Herbert, der ihm befreundete Graf­schaftsrichter von Südwales, erzählt, daß Darwin die Jagd schon in früher Jugend aufgegeben habe. Er ging über ein Feld, auf bem tags vorher gejagt morden war, als er einen angefchossenen und sich äbguälenden Vogel fand dies ließ ihn auf immer der Jagd entsagen.

Weiter schreibt Herbert:Er war der gemütvollste, warmherzigste, edelmütigste und ein tiefsten empfindende freund; seine Sympathien galtest allem, was gut und recht war und er hatte einen ehrlichen Haß gegen alles Falfche, Niedrige, Grausame, Gemeine und Unehrenhafte Er lvar nicht allein groß, sondern besonders hervorragend gut, gerecht und liebenswert."

Unwillig sprach Dartvin auch über Schaustellungen dressierter Tiere, die er für große Quälerei hielt. Daß er aw tatkräftiger Tierfreund öffentlich bekannt war, zeigt Uns folgendes Ereignis: Ein Herr, der von Orpington nach

Üchu sagte zum Kutscher, er möge schneller fahren.

' versetzte dieser,wenn ich dem Pferde nur so viel die Peitsche gegeben hätte, luenn ich Mr. Darwin führe, danit wäre er aus bem Wagen gesprungen und hätte mich ordentlich gescholten."

Eines o.ages kam mein Barer," so berichtet der Sohu, von einem Spaziergang blaß und ermattet nach Hanse, werl er gesehen hatte, wie ein Pferd mißhandelt wurde unb

*)Leben uttb Briefe vW Charles Darwin," httMishegebm vvn feinem Sohlte Franeis. Stintgart 1887,

infolge der Aufregung bei einer heftigen Auseitwnbersetznng mit dem Manne. Mn anderes Mal sah er, wie ein Be­reiter seinen Sohn reiten lehrte. Der kleine Junge war in Angst uttb der Mann ivar roh. Mein Vater hielt an, sprang aus dem Wagen und machet bett Mann in kaum gemäßigten Ausdrücken herunter."

Seine größte Freude lvar, wenn ihm sein Hund Polly bei Rückkehr von einer Reise freudig entgegensprang. Francis Darwiit sagt darüber:Mein Vater pflegte sich dann zu bücken unb das Gesicht des Hundes an das feine zu drücken."

Es ist selbstverständlich, daß ein Mann, dessen Herz so warm für die Tiere schlug, in gleichem Maße das Leid der Menschen zu lindern suchte. Und auch hier ist uns Dartvin ein Vorbild.

Wie er in England eifrig gegen die Unsitte wirkte, durch Kinder die Schornsteine reinigen zu lassen, so trat er auch kräftig bem damals noch in Blüte stehenden Sklaven­handel entgegen.

Die Erinnerung au Schreie," berichtet sein Sohu Franeis,welche er in den Einöden Brasiliens gehört, unb bett Folterungen der Negersklaven zugeschriebeit hatte, ver­folgte ihn Jahrelang, besonders des Nachts ... Es rührte einen bis in die Tiefen der Seele, ihn über die Entsetzen des Sklavenhandels sich auslassen und klagen zu hören. Diese unb andere ähnliche Beweise haben die Ueberzenguitg in mir hinterlassen, daß ein humanerer und weichherzigerer Mensch niemals gelebt hat."

Freilich geriet Dartvin dadurch nichfinur mit den Ver- ieibigent des Sklavenhandels selbst in Streit, sondern auch mit der damals noch herrschenden Strömung überhaupt, die so weit ging, zu behaupten, daß die Sklaverei der Neger von Gott in der Bibel selbst gewollt sei; dieser habe es auch durch die dunkle Hautfarbe der Neger deutlich ausgeprägt.

Eine Eigenschaft, die heute bei NaturwisseuschaftlerU selten gelvorden ist, besaß Darwin: er hatte auch als Natur­forscher eilt Herz, und glaubte, daß man zur wahren For­schung und Wissenschaft tveder sein Gefühl abzustumpfeu, noch Tiere zu quälen nötig'habe. Am schlagendsten zeigen uns dies seine Worte über die Vivisektion. So schrieb ep im Jahre 1871 an Professor Lankaster in bezug auf diese: Es ist ein Gegenstand, welcher mich krank vor Schauder! macht; darum will ich darüber nichts weiter sagen, ich! könnte sonst diese Nacht nicht schlafen."

Als Darwin vor der Königs. Untersuchungs-Kommissioni im Jahre 1875 in Sachen der Einschränkung der Tier­versuche sein Zeugnis abgeben sollte, beantwortete er die ihm vorgelegten Fragen folgendermaßen:

Frage 4664. Sie haben der Eingabe aufrichtig stei- gestimmt?

Antwort:Ich stimmte ihr aufrichtig bei; ich hatte Gelegenheit, dieselbe kürzlich durchzulesen zur Zeit als dieser Gegenstand anfing, öffentlich besprochen und erörtert zu werden; ich las sie sorgfältig durch und stimmte der­selben lebhaft bei."

Frage 4667. Sie waren niemals selbst, soviel ich glaube, direkt oder indirekt in Berührung mit der Ausübung von Versuchsexperimenten an lebenden Tieren?

Antwort:Niemals!"

Frage 4672. Nun in Betracht, ein schmerzhaftes Ex­periment ohne Betäubungsmittel zu versuchen, ivenn das­selbe Experiment mit Betäubungsmitteln gemacht werden kann, ober kurzweg, irgenbetne Pein, bie nicht ganz not­wendig ist, enteilt Tiere zuzu fügen, was ist Ihre Ansicht über diesen Gegenstand?

Antwort:Es verdient Verachtung und Abscheu'"

Am 12. Februar feiern wir Darwins Geburtstag. Nester ein Bierteljahrhundert weilt der Große schon nicht mehr unter uns. Aber sein Geist, der Geist der Liebe zu Mensch und Tier, der Barmherzigkeit gegen alles, was da fühlt, wird fortleben. Mdg die nie rastende Wissenschaft über manches, was Darwin für wahr hielt, auch heute schon