sprünge doch in ruhigen Bahnen gelaufen, seit er mir Helene einig i war, das; ihre Liebe eben nur eine bis zum Herbst reichende | Episode ihres Lebens sein sollte, nun ihm aber eine Anzahl Tage davon geraubt wurden, ja, es beinah so schien, als solle die Sache Überhaupt zu Ende sein, da erwachte alles in ihm, was er an Trotz, Auflehnung, Leidenschaft und- Schmerz in sich ruhen hatte.
Nie war ihm die kleine Helene so lieblich, so begehrenswert! erschienen als in den Tagen, als er sie nur mit seinen geistigen' Mugen sah und sie sich immer wieder vergegenwärtigte, ihre junge, kindliche Gestalt, ihr iveiches,. süßes Gesichtchen mit dem Teint, der zart wie ein blaßrosa Rosenblatt wirkte, ihre seltsam schrägstehenden, schwärmerischen und zärtlichen grauen Augen im .Kranze der langen, dunklen Wimpern, über die verschatteud die goldbraune Haartrolle fiel, während die Flügel der breiten, schwarzen Schleife, die sie im Nacken durch die Flechten gezogen trug, einen reizvollen Hintergrund für ihr ganzes Gesichtchen bildeten. Und wie schön >var ihr Mund mit seinen blaßroten und doch frischen Lippen, wie entzückend ihr zuerst scheues, sich zu leidenschaftlicher Hingebung steigerndes Anschmiegen, Ivie rührend ihr offenherziges Geplauder —
Und das altes sollte er ganz ohne Grund schon jetzt entbehren. ■
Er geriet in eine Art Fieberznstand, der seinen Höhepunkt erreichte, als er eines Tages vom Fenster aus Helene im Schwarm der Pensionärinnen Fräulein Möllers Vorbeigehen sah, etwas blaß wie ihm schien, aber inr lebhaften Gespräch mit Lisbeth Schäffer, die den blonden Kopf noch gerader und selbstbewußter trug als sonst.
Bis dahin hatte er wenigst' noch geglaubt, sie könnte krank sein, obgleich sie ihm aucg dann doch wenigstens eine Nachricht hätte senden können, während es für ihn unmöglich War, sich mit ihr in Verbindung zu setzen.
Er konnte nicht mehr schlafen, seit er sie von weitem gesehen.
Halbe Rächte stand er regungslos an seinem „Glückszaun", der diesen Namen nicht mehr verdiente, und starrte auf die toten, dunklen Fenster der Billa Möller und in den düsteren, schwul duftenden Garten, aber nichts regte sich, kein vorsichtiger Mädchcnfuß schritt durch die Gänge.
In diesen Stunden vergeblichen Wartens flohen die Gespenster der Sorge, die ernste Gestalt der Pflicht und die lichten Geister der Sohnes- und Bruderliebe vor der sieghaften Göttin im purpurnen, goldnmsäumten Gewand, vor der Liebe zum Weibe. Sie schlichen gebeugt in den Hintergrund, aber dort blieben sie stehen, zäh, ausdauernd, treu und unerbittlich, der sicheren Rückkehr gewärtig. Auch die Liebe ist nicht immer allmächtig' und muß oft matt, müde und mutlos den Kampf aufgeben.
Aber jetzt fühlte Hans von Hassingen noch Kampfesmnt in sich und gewann die Neberzeugung, daß sein Gefühl für Helene jenes echte sei, das sein Ziel findet, wenn man' zu tourten versteht.
Dieses Warten erschien ihm leicht gegen die Art des Wartens, die ihn jetzt folterte.
Schon war die Halste der Zeit verstrichen, welche das Bataillon auf dem Schießplätze zubringen sollte, als ihm eines Mittags, er kam gerade von der Kaserne und wollte nach Harrs, ein kleines, hageres Männchen. begegnete, das eine dunkelblaue Livree trug, einen Weidenkorb am Arm hatte und-aus rot utnrärrder- ten Angen verschlagen und lebhaft umherblickte — derZaPpel-PhilipP Kus dem Pensionat Möller.
Der junge Offizier kannte die etwas zweifelhafte Rolle, die er bei den jungen Tarnen spielte, ans Helenens naiven, offenen Mitteilungen, und daher erschien ihm der kleine, häßliche Mann mit seinem wackelnden Kopfe und seiner Trinkernase wie ein vom' Himmel gesandter Engel.
Philipp Trampusch stand sich sehr gut mit allen jungen Herren des Ortes, man konnte nie wissen, ob man nicht einmal seine Dienste anbieten könnte, um ein paar Groschen auf einige Schnitt Bier zu verdienen, denn seine Frau, die Köchin und Wirtschafterin int Möller scheu Hause war, hielt ihn sehr knapp und gab ihm nur an hohen Festtagen etwas Geld in die Hand.
Er zog also devot die Mütze vor dem blonden Offizier und erleichterte diesem dadurch, ihtt aitzusprechen.
Um sich nicht auffallend lange mit ihm zu unterhalten, denn cs fmutte hier jeden Augenblick jemand kommen, der das Faktotum der Pension Möller kannte, steuerte Hassingen! sofort auf sein Ziel los und sagte rasch:
„Können Sie mir einen Brief an Fräulein Falk besorgen?" Ter Alte wackelte stärker mit denr grauhaarigen Kopfe.
r „Cs ist sehr gefährlich, Herr Leutnant."
Tas sagte er natürlich nur, um ein größeres Trinkgeld hcraus- znschlagen, und Hassingen kehrte sich auch nicht, ast den Ein- tvmf, sondern meinte: '
„Na, Sie werden'»' schon machen, Alter, cs soll mir äüch auf ein Trinkgeld nicht ankommen. Mollen Sie bett Brief in' meiner Wohnung, Luisenstraße 6, parterre, abhvlen?"
„Bewahre, Herr Leutnant!" Das dürre Männchen machte seiitenr Spitznamen alle Ehre. „Das könnte auffallen. Ich werde in einer Viertelstunde, die Luisenstraße hertutterkommen, und toenttl ich da Ihren Burschen treffe — warum soll ich nicht mit einem.' Soldaten reden — es kann ja ein guter Bekannter von mir sein."
„Gut. Ich danke Ihnen, Philipp."
Hassingen griff leicht mit der Hand an die Mütze und eilte! weiter.
In fliegender Hast warf er, 51t Hause angekommen, einige Zeilen auf eine Briefkarte:
„Mein süßer Liebling! Ich vergehe ja vor Sehnsucht nach Dir, warte allabendlich am Gartenzaun, aber Du kommst nicht. Was hab' ich Dir getan, daß Tu so grausam bist? Erlöse mich von diescit Qualen und laß heut abend um 11 Uhr nicht vergeblich warten Deinen Dich heißliebeitden, jetzt sehr traurigenl Hans."
Tann erschien Stadthagen mit seinem rosigen Gesicht, seinen vergißmeinnichtblauen Augen, die er immer voll unbedingter Er-, gebenheit und Treue auf seinen Leutnant richtete, und nahm, ohne mit den weißblonden Wimpern ztt zucken, Brieschen und! ein Markstück mit bett nötigen Anweisungen entgegen.
Schott tut cf) zehn Minuten erschien er wieder und meldete:
„Es ist alles besorgt, Herr Leutnant."
Ter Zappel-Philipp erreichte unterdes, nachdem er das Markstück schmunzelnd in der Westentasche, das Briefchen in der Tasche! des Livreerocks geborgen hatte, die Villa Möller, packte den 'satat, bett er vom Gärtner geholt, aus und sann nach einem Vorwande, den jungen Damen unauffällig in den Weg zu laufen, wenn sie sich in den Eßsaal begaben.
Bald hatte er's gefunden. Er nahm aus der Kammer, wo- Bcsen und Pützsachen aufbewährt mürben, ein Oelkäunchen und schickte sich an, bie Türen zu ölen, zuerst unten, dann, als der dumpfe Ton des Gong die Tischzeit ankündigte, war er in seiner ganzen Behendigkeit int oberen Korridor, gerade, als die Tür rechts an der Treppe sich öffnete und Lisbeth Schäffer in den' Spalt trat.
„Nun, Philipp, was wollen Sie denn da?"
Ter Alte hob mit der einen Hand das Kännchen hoch, mit der anderen griff er nach bet Rocktasche.
„Nur die Türen ölen, gnädiges Fräulem."
Seine kleinen, blauen Angen Mutterten vielsagend, und Lisbeth begriff sofort. Die trat rasch vor, so daß der Alte von ihr gegen den Gang zu gedeckt wurde, und er hatte Zeit, der eben er- scheiitenden Helene fein bereit gehaltenes' Brieschen ziizustecken. Sie verbarg es, vor Ueberraschung halb betäubt, in den Faltest ihrer Binse. Es war alles das Werk einer Sekunde.
Im nächsten Moment schon klang die energische Stimm« Fräulein Möllers neben ben Dreien.
„Was machen Sie denn hier, Philipp,^Türen ölen? Ich habe Ihnen doch schon oft genug gesagt, daß Sie mit dem Beginn! solcher Arbeiten warten sollen, bis die jungen Damen sämtlich ihre Zimmer verlassen haben. Sie werden immer vergeßlicher."
Als Helene nachdem Wen oben in ihrem 3 immer Hassingens Zeilen las, schluchzte sie zwischen Glück und Schmerz und bedeckts die undeutlichen, eiligen Buchstaben mit Küssen.
Ihr banges, törichtes Kinderherz hatte ja gefürchtet, er würde! sie in diesen Taget! vergessen und verschmerzen, nun las ficS, wie leidenschaftlich er sich nach ihr gesehnt hatte, wie sehr rr sie liebte.
(Fortsetzung folgt.)
Darwin als Tier- und Menschenfreund.
Durch die Jahrhunderte der Menschengeschichte zielst sich, tote ein roter Faden, ein Suchen und Sehnen nach! hem Urgründe des Seins, ein Forschen nach den Gesetzen! des Werdens und Vergehens der Weltenkörper, die ihre Bahnen durchs ewige All dahinwandeln. Die große Fragen ivie all jene Weltenkörper entstanden, wie das Leben selbst entsteht, wie, wodurch und warum es sich so und so entwickelte und so entwickeln mußte, sie marterte das kleine! Menschengehirn, seit es zn denken begann.
Der Mann, dessen 100. Geburtstag wir feiern, begründete durch seine Lehren eine neue Zeit, das Zeitalter des Darwinismus.
Anderen Federn möge es an anderer Stelle Vorbehaltes sein, Darwins Lehren zu würdigen, deren hauptsächlichste die Mstammnngslehre, kurz, besagt, daß sich alles LebW


