Ausgabe 
10.7.1909
 
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ein und begleitet mit ihren stimmungsvollen Klängen den Brautzug in seinem Anmarsch. Das Brautpaar nimmt Stellung auf dem Teppich vor dem Altäre. Im Halbkreise umstehen die kleinen Mädchen und Brautjungfern des Altares Rückseite. Ter männliche Teil des Hochzeitszuges begibt sich in das Chor, der weibliche Teil nimmt auf den Frauenbänken im Schiff der Kirche Platz.

Die Orgel geht in zarte Register über und verstummt. Der Geistliche vollzieht die Trauung. Bei den eindringlichen, herzlichen Worten des Geistlichen fließen die Tränen an den Wangen der Braut hinab, auch die Mütter des Paares weinen, dazu feuchtet sich noch manch anderes Auge in der Kirche. Kräftig schallt das Ja des Bräutigams bei der ewig bindenden Frage des Geistlichen durch die Kirche, weich und nur ivie ein Hauch das der holden Braut, der die zart geröteten Wangen unter dem grünen Myrtenkranz ein gar liebliches Aussehen verleihen.

Die der Braut zunächst stehende Brautjungfer nimmt ihr das Bukett ab (es fehlt dieses auch bei den ländlichen Hoch­zeiten nicht) und-hält dieses bis die Einsegnung vorüber.

Während das Brautpaar, nachdem es die Handschuhe von der rechten Hand gestreift, sich die Hände reicht zum Bund des Lebens und der Geistliche die Einsegnung vornimmt, intoniert gang Pianissinn die Orgel : O, welche heil'ge Stunde!

Tic Trauung ist vollendet. Der Geistliche drückt dem Brautpaar seine herzlichsten Glückwünsche aus. .Das Braut­paar umgeht den Altar und legt, in ein Papier gewickelt, das Opfer auf denselben, welches hernach in die Opferbüchse kommt, die später nochmals im Hochzeitshäuse zirkuliert.

Die. majestätischen, frohen Klänge der Orgel begleiten nun h.en Auszug derBrautleute" aus der Kirche, der in der gleichen Ordnung wie der Einzug sich vollzieht.

Auf dem Rückzüge kracht hier und da aus einem Fenster oder einer verborgenen Ecke ein Schuß; es sind Ehrenbezeu­gungen/ die dem Brautpaare gelten, insbesondere dem Bräu­tigam, da er als Soldat gedient.*)

Im Hause angekommen, nimmt das Brautpaar Aufstel­lung im Hausgange. Hier gehen nun alle Glieder der Hoch­zeitsgesellschaft an ihm vorüber, gratulieren dem Braut­paare durch Händedruck und wünschen ihm Viel Glück und Segen.

Tie Gäste nehmen nun nach freier Wahl an ben ge­deckten Tischen Platz. In der großen Wohnstube sitzen die Männer, in der Kummer die Frauen, einige davon auch in dem vorderen Raum; von der Oberstube nimmt die Jugend Besitz, und bei ihr plazieren sich auch Minna und Heinrich, das junge Paar.

Der Kaffee wird aufgetragen, nachdem bei vielen Männern ein Schluck ans einem Glase, das aus einem der Krüge gefüllt, den Borwärmer gespielt. (Früher folgte der Trauung statt Kaffee stets die Hauptmahlzeit, ein Gebrauch, der sich fast ganz verloren hat.) Pfarrer und Lehrer als Ehrengäste sind anwesend; sie bleiben zum Hochzeitsmahle da, das gegen Abend folgt.

Rach dem Kaffee wird Wein und Konfekt genossen, Dre Zungen lösen sich, die Unterhaltung wird reger, leb­hafter; eilte heitere, fröhliche Stimmung bemächtigt sich aller Gäste. Die vorderen, oberen Fensterflügel werden geöffnet, um dem dichten Zigarrenrauch Abzug zu ver­schaffen.

: Nicht jeder Hochzeitsgast ist indessen ein Freund von Wein und Süßem. Der alteHannjörg" sagt:Aich, sei das Werk nitt gewuhnt; aich hake mich Hai läiwer on den," damit deutet er auf den vor dem Fenster hinter seinem Rücken stehenden Branntweinkrug und gießt sich eins nach dem andern ein. Wenn der Hannjörg erst an- geraucht war, odera wink innerm Dach" hatte, dann war er ein gar lustiger Kauz. Seine Witze und Späße erheiterten dann die ganze Gesellschaft und seineSchlager" wurden mrt lautem Lachen erwidert. Deswegen sieht man den Haninorg auch sehr gern bei fröhlichen Anlässen, ins­besondere bei der Hochzeit.

. W/ ?er Abend hcreindäminert, bricht die Hochzeits­gesellschaft mit Ausnahme der bejahrten Leute auf und unternimmt unter dem Vortritt des Brautpaares einen Zug durch die Dorfstraßen, wobei den nächsten Verwandten em ganz kurzer Besuch abgestattet wird.

(Schluß folgt.)

*) Im Sommer werden dem Brautpaar manchmal Sträußchen ans den Fenstern geworfen.

Johann Calvin.

Zur 400. Wiederkehr seines Geburtstages (10. Juli). Von Dr. F r i tz M ittelmann (Berlin).

Unter den großen Reformatoren des 15. und 16. Jahrhunderts ist Calvin der kleinste. Aber er ist der universellste Geist. Weder der einseitige nationale Fanatismus des Allslawen Huß beseelte ihn, noch die urwüchsige Kraft des durch und durch deutschen Martin Luther oder des national engherzigen Helden vom Cappeler Berge: Calvins innerstes Wesen ist sein Streben nach Universalität. Seinem klaren, scharfblickenden Verstände ging nachdrücklicher als allen anderen die Idee einer Einheit aller Evangelischen ans; wenn seine Bestrebungen gleichwohl scheiterten, so lag dies nicht nur an der Halsstarrigkeit der anderen Reformatoren, sondern zum großen Teil ail seinem eigenen, unbeugsamen, unnachgiebigen Sinn.

Noch mehr als bei Luther steht im Mittelpunkt seines Lehr­gebäudes das gedruckte Wort der Bibel, und was ihn überdies scharf vom großen Wittenberger Mönch unterscheidet, ist seine Stellung zur römischen Kirche. Hing Luther hie und da doch tiefer mit dem Papsttum zusammen als er sich selbst eingestehen wollte, so war dem Genfer Reformator diese Rücksichtnahme fremd. Er kämpfte mit dem heiligsten Eifer gegen Rom, wetterte gegen, Papst und Kirche in so persönlichem Haß, ja trieb seinen Fana­tismus so weit, daß er die Forderung einer unversöhnlichen Feind­schaft zu einer Art Dogma in seinem Lehrgebäude erhob.

Als Calvin auftrat, hatte Luther bereits tiefe Breschen in den festen Wall des Papismus geschlagen, sein trotziger Kampf und sein glänzender Sieg hatte das Ansehen des Papstes mächtig er­schüttert. Kämpfte Luther gegen eine bis dahin unbesiegte, ja. kaum augegrissenc Zwingburg, war sein tlnternchmcn tollkühn und verwegen bis zum äußersten: ein einzelner gegen eine ganze Welt, und was für eine Welt! so lägen für Calvin die Dinge anders. Er konnte lvciterbauen aus bem von den anderen Reformatoren gesicherten Fundament, und umfassender, umge­staltender eingreifen, da er von Hause ans freier der alten Kirche gegenüberstand: der Bruch mit Rom war für ihn nicht das glänzende Ergebnis eines fast übermenschlichen Seelenkampfes wie bei Luther, sondern das Ergebnis eines rein logischen Denkens.

Gleich dem deutschen Reformator entstammte Calvin nicht den bevorzugten Kreisen. Er wurde, am 10. Juli 1509 in Royon in der Picardie als Sohn eines bischöflichen Sekretärs geboren und nachdem er bereits im Alter von noch nicht 1.2 Jahren eine Kaplanei erhalten hatte, wandte er sich aus den Wunsch des Vaters ganz der Theologie zu. Seine Erziehung genoß er zum größten Teile im Hause einer befreundeten Adelsfamilie und eignete sich dort frühzeitig den feinen Ton und jene gewandte Art des Umgangs an, die ihn so scharf von der grobkörnigen Derbheit Luthers unterscheidet. Mit 13 Jahren fiedelte Calvin icach Paris über und fand seiner tüchtigen Fortschritte wegen bald Aufnahme int Kollegium de Montaign, der selben Anstalt, in deren Hür- sälen wenige Jahre später auch Ignatius von Loyola den Grund zu seiner Bildung legen sollte. Tann studierte er, einer plötzlichen Entschließung seines Vaters folgend, einige Zeit an den Unioersi- täten Orleans und Bourges die Rechte und zeichnete sich durch großes Wissen bald so auS, daß man ihm aus freien Stücken den Toktortitcl antrug, den er jedoch ablehnte. Den größten Ein­fluß hatte in dieser Zeit der deutsche Humanist Melchior Volmar ans ihn, der Calvin für das Studium der Antike begeisterte.. Ter Humanismus, der in Frankreich bekanntlich in noch viel höherem Maße als in Teiitschland ein Hauptträger der Oppo­sition gegen die herrschende Kirche war, brachte Calvin der Theologie wieder näher, zumal Orleans und Bourges starke Parteigänger der evangelischen Sache waren. Zunächst freilich teilte er nur lene konservative religiöse Opposition, die im ganzen auf dem Boden des Papsttums stehen blieb; an einen Luther oder Zwingli als Vorbilder dachte er noch nicht; ihn reizte vorerst noch der literarische Ruhm der Erasmus, Reuchlin und Lefövre.

Bald aber vollzog sich ein tiefer Wandel in seinen Anschau- ungen. Nachdem er durch einen Kommentar zu Senecas Abhand­lunglieber die Milde" wegen der freien Gesinnung, mit der er darin die Grundsätze der absoluten Regierungsform geißelte, nicht geringes Aufsehen erregt hatte, vertauschte er beit Kodex des Justinian endgültig mit dem Evangelium und stand in Paris bald so int Vordergründe der reformatorischen Bewegung, daß man den erst Vieruudzwanzigjührigen als einen Hauptpfeiler der neuen Kirche schätzte. Doch obgleich Margarethe von Navarra, die Schwester Franz I. von Frankreich, ihm ihre besondere Gunst schenkte, mußte er aus der Hauptstadt und Frankreich fliehen, bis er nach langer Irrfahrt in Basel Ruhe fand.

Von hier aus brachte er seinen bedrängten Glaubensgenossen in der Heimat Hilse, und zwar in einer Art, die die Welt in Erstaunen und Aufruhr versetzen sollte; mit derJnstitmio religionis christianae", dem Fundamentalwerk der Calvinschcn Lehre, beginnt für die Kirche des Abendlandes eine neue Epoche.

Dieses für den sranzösischen Protestantismus kanonische Buch ist eine spstematische Darstellung der neuen Glaubenslehre, die wichtigste Tat Calvins, das Programm seines Lebens. Tie Lehre Calvins hat die Ernmgenschaften der deutschen Reformatoren zur notwendigen Voraussetzung. Von einer historischen Entwick-