422
| Die „Braut“.
I Hochzeitssitten und 5p o chzeits g cbr än che im Vogelsberg. ZQ. ,.
<vxr .. lRachdr. vcrb.).
Von H e r m a n n S t r a ck.
(Fortsetzung.)
Hi. Der Hochzeitstag.
I Der Hochzeitstag ist angebrochen; es ist ein Donners- I lag, der nach uraltem Brauche als ein Glückstag für ein I Brautpaar angesehen wird. (Kleine Hochzeiten werden da- I gegen auf einen Sonntag abgehalten.)
I af J>n Hochzeitshanse ist'alles bis ins kleinste vorgerichtet. I xn, der einen Seite des Schlafzimmers zieht sich eine lange I -Pasel hm, sie wird gebildet von drei Tischen, die man asi- I emandergerückt. An der gegenüberstehenden kleineren I Bwnd, darinnen die Stubentür sich befindet, steht ein etwas I kleinerer Tisch, ein gleicher quer an der Vorderseite. Tie I -Ische sind gedeckt mit blütenweißem Leinen, das früher I selbst^geivvben ivurde, setzt aber meist gekauft wird. Auf I den Tafelii stehen in langen Reihen die Goldkaffeetassen, I sre säumen ein die Teller, die hoch beladen mit Radanen- I und süßem Blechkuchen. Dazwischen thronen gesüll'e Wein- I s'Bscheu, !nährend die Branntweinkrüge auf' den Feuster- I banken stehen. Dieselbe Einrichtung findet sich auch in der I Kammer und in einer Oberstube des Hauses.
I . Die Brant zieht sich mit Hilfe des Nähmädchens, das I den Braiustaat angcfertigt, vorerst mit einem einfachen, l schwarzen Tuchkleide — das seidene wird erst zur Kirche I getragen —- an zur ZiviIsta n ds: ra uu n g, die am Bormittage der Hochzeit im Schulhause stattfindet. Zn dieser gesetz- Ucheu Handlung folgen dem Brautpaare nur die zwei Zeugen, die Väter des Brautpaares (oder wenn der eine oder beide gestorben, andere nahe Verwandte).
.. Tas^ Hochzeitshaus füllt sich nun mit den geladenen Hochzeitsgästeii. Man setzt sich aber noch nicht um die gedeckten Tische, sondern nimmt irgendwo int Hause Platz.
Die „Bräutmahre" (Brautjungfern) haben am Vormittage in der Kirche den Altar geschmückt. Ein reicher Flor von Blattpflanzen und Blumen, künstlichen zum Teil, da es Winter ist, ziert den Altar; ein breiter Teppich liegt vor seinen stillen ansgebreiket; der Gang durch die Kirche ist mit Efeublättern bestreut.
Vom Kirchturme, läutet die große Glocke das Zeichen, daß der Pfarrer eingetroffen ist.
Jetzt ordnet sich auf dem Hose vor dem Brauthause der Hochzeitszug. Voran stellt sich das Brautpaar, ihm folgen zunächst die kleinen, meist weißgekleideten Mädchen mit Kränzlein im aufgelösten Haar, daran reihen sich die Brank- jnngfraueu, hiernach die Frauen. Nun kommt das männliche Geschlecht in derselben Ordnung: Knaben mit Sträußchen an den Mützen und Hüten, die Burschen („Bräul- burschen"), zuletzt die Männer.
Heller Sonnenschein strahlt vom blauen Himmel, ein Zeichen guter Vorbedeutung für den künftigen Sonnen- schein. im Hause des jungen Paares, (ilebrigens legt man auch das gegenteilige Wetter, Regenwetter, als gutes Zeichen aus; mau sagt dann: es regnet der Braut Glück in den „Schnatz" (Brautkranz).
Aus den Fenstern der Häuser, die die Straße eiuföitmcn, durch welche der Brautzug schreitet, gucken überall Neugierige. Andere ninstehen itt dichter Schar die Kirche, noch andere eilen in die Kirche, um hierin der Trauung beizuwohnen.
Da läuten die Glocken in vollem Chore. Sic haben einen eignen Klang diese Hochzeitsglockei,! Ihr Ton läßt die Brant tief erbeben, Tränen perlen ans ihren Augen. Das Mutterherz bleibt auch nicht ungerührt, die Mutter zieht das Taschentuch und trocknet ihre Tränen. Sonst überall stolze, fröhliche Gesichter im Zuge.
Der Brautzug zieht zur Kirche.
Das vorauschreitende Brautpaar wird scharf aufs Korn genommen von den Augen der Zusehenden, insbesondere die Braut, die^sittsain zur Linken des Bräutigams schreitet. (Nach der Trauung geht sie rechts vom Bräutigam.) Sie besteht vor den Kennerblicken der Musternden, und man hört hier und da murmeln:
„A schü Braut, die Minna! A schünes Bräntpoar!" dlnf der Orgelbank oben auf der Emporbühne in der "itujc sitzt der Lehrer und beobachtet scharf das Eingaiigs- kor. Da kömmt das Brautpaar' in Sicht. Die Glocke» schweigen, brausend fällt die Orgel mit vollen Registern
ckuch nicht latsch und gabeu's gehörig zurück. Selbigmal ist der Pfarrer Schreiner dazwischen gekömmen. Sonst hätt's blutige Köpf' gesetzt."
„No, ich bring' dir kein' Anhang mit," sprach Friedmar. „Aber uns' Gesellen und die Lehrbuben sollst du laden. Wann man so zusammeri schafft das ganze Jahr, gehört man auch beieinander, wo's lustig hergeht."
Tie Meisterin war's gern zufrieden. Im Laufe des Gesprächs sorschte sie nach den „Leuten" ihres Verlobten in Fischbach, und wie's ihm vormals in seinem Heimatsort ergangen. Friedmar hielt nicht hiiiterm Berg und sprach sich offen aus. Da war nur noch die einzige Schwester seiner Mutter, eine alte, gichtbrüchige Frau, die nicht mehr vom Platz konnte nut) ärmlich in ihrem Häuschen saß. Von seiner Jugendzeit war nicht viel zu erzählen. Er war einer bliitarmeii Taglöhnerin Sohn, ©einen Vater hatte er nie gekannt. Als kleiner Knirps schon hatte er schaffen müssen, daß ihm das Blut aus den Nägeln sprang. Auch später, als er herangewachsen war, kam kein Geld in seine Finger. Der Mutter Löhnung reichte nicht ans, Nahrung, Holz und Licht aufzubringen. Da mußte er beispringen und tat's auch gern. Sonntags, wann die Burschen mit ihren Mädchen ins Wirtshaus zogen und ihren „Jacks" trieben, saß er still hinter den geflickten Fensterscheiben und rauchte feinen Knaster. Einmal, Himmelfahrt, hänselten ihn die Burschen, weil er keinen rechten Sonntagsstaat trug. Ta kam eine fürchterliche Wut über ihn. Teu'Laus- bubeu mußte er doch die Stange halten können. Damals kündigte er dem Sägmüller auf, wo er für siebzig Pfennig wi Tagloyn stand, und ging unter die Pflasterer. , Auf emmal glückt's ihn,, und er brachte sich vorwärts. Jetzt fah ihn in Fischbach keiner mehr über die Achsel an. Die Mutter starb. Er hatte ihr noch ein besser Leben machen komien. Das war sie wert, benn eigentlich hatte sie ihre Gutheit um alles gebracht. Es gibt so Menschen, die nichts abichlagen mögen und hintennach von den Nichtsnutzern verlacht werden, die sie ausziehen. Akkurat so war's der Mutter ergangen. Er selbst stand nun an den Dreißig. I Die Spinnstube und das „Geduschel" mit den Mädchen waren so an ihm vorbeigewischt. Deshalb ging er doch aufrecht und war kein Spielverderber. Aber geruhig war er geworden. Manchmal im Wirtshaus daheim war's ihm I Ipahig zu mut, wenn die Burschen sich wegen ihrer Scbatz- geschichten in beit Haaren lagen. Da fiel ihm der Schäfer- hannes in Fischbach ein, der auf dem Hang'saß und in sich hiueinlachte, wenn drunten seine Häinmel aneinander fuhren I
Die Meisterin hörte mit Teilnahme und Spannung I bic Lebensgeschichte ihres Verlobten. Das gefiel ihr, das I er )o in'ch von der Leber weg sprach. Dabei kam seine! ganze Bravheit heraus. Kein Falsch war an ihm, ein Mann I von niteni schrot und Körn. Hatte es der Nachbar Kivping I mrvl immer gesagt? Und der hatte einen scharfen Blick I
Die Meisterin legte nun das Mäntelchen der Zurück- I Haltung ad, das sie vorsorglich nmgehängt hatte, und trat I Mit vertraulichem Wort hervor:
„Weißt du, Friedmar, dach du so in Armut aufge- I wachsen bist, war ja grausam hart für dich; aber geschad't I Ijflt dir's nicht. Grad' dadurch hast du dich aufgerappelt I und bijt in die Höh' gekommen. Guck, ich bin ja von ver- I möglichen Leut'. Deswegen hab' ich doch keine Zuckerplätz' I daheim gekriegt. Wo die Mutter früh fehlt, haben die I Äinber viel ausznsteh'n. Der Vater hielt uns unter der I Fuchtel. Gott könnt' einen bewahren, wann int Haushalt I was daneben ging. Daun war der Vater blau vor Zorn I Wie ich schon lange eingesegnet war, hat er mich noch ge- I ohrfeigt, daß es geklatscht hat." 's war ja mein Vater, I aber ich könnt' das ewige Geschrei nicht ertragen. Selbig- I mal hat mein Mann selig in Herrnberg gearbeit’. Der wollt' I miet) Par tu. Und ich hab' mich nicht gesperrt. Daun ich I wollt' aus dem Haus. No, und ich hab' mich nicht zu be- I klagen gehabt. Du hast den Meister gekannt. Der war I feit in seinem Sinn und von treuer Art. Wanu's manchmal I gefjogelt hat, das ging auch herum. Ihr habt all' euer I ©putzen, ihr Mannsleut'. Da muß man euch auskenneu." I
. Der Lbergesell verzog seinen Mund zu einem behaglichen I Grinsen und sagte: „Ich hab' keine Angst, Meisterin. Wir I werden fchon miteinander auskommen. Und wann eins das I „Dippchen" mal überkochen läßt, setzt's das andere ruhig I boin Feuer. Da kann nie nichts passieren."
(Fortsetzung solgt.j I


