Urteil an den Tag. Es wäre sehr interessant, einmal all seine mündlichen und schriftlichen Aeutzerungen über die verschiedenen Schriftsteller zusammenzustellen, soweit sie uns erhalten sind. Mau würde daraus ersehen, daß er die Schriftsteller zumeist sehr scharf charakterisierte, aber auch, was bei der Eigenart seines Geistes leicht erklärlich ist, einzelne, die in der Literaturgeschichte jetzt unbestritten einen hohen Rang einnehmen, mit Unrecht ignorierte oder geringschätzig behandelte, lieber Homer sagte er: „Tie Ilias steht neben der Bibel und ist das Zeichen und Unterpfand der Zeit. Homer war in seiner Schöpfung Dichter, Redner, Geschichtsschreiber, Gesetzgeber, Geograph und Gottesgelehrter: er war der Enzyklopädist seiner Epoche." Zu Nar- bonue äußerte er sich einmal: „Taeitus ist ein unzufriedener Senator, ein Trotzkopf, der sich, in seiner Studierstube sitzend, mit der Feder in der Hand, rächt. Er zeigt gleichzeitig beit Groll eines Autokraten und den eines Philosophen." Wie so viele seiner Zeitgenossen schwärmte er für Ossian, und er behauptete sogar, dieser sei durch ihn Mode geworden. Corneille und Racine schätzt er sehr hoch, dagegen urteilte er wegwerfend über Shakespeare. Ueber Jean Jacques Rousseau sagte 'er zu Corvisart: „Er war ein großer Mann, das heißt, ein großer Schwindler, dieser Rousseau! Mer in seiner Art war er ein großer Manu, er hat schöne Sachen gemacht." Bei einer andern Gelegenheit sagte er: „Voltaire hat am meisten zur Revolution! beigetragen. Man las seine Schriften in allen Bedientenstuben." Heber Bernardi» de St. Pierre, den Verfasser von „Paul und Virgiuie" sagte er: „Aus den Schreibereien eines Mannes,kann man keinen Schluß auf seinen Charakter ziehen: Bernardi» de St. Pierre, der so gefühlvoll und so schwärmerisch schön schreibt, ü»d in Bezug auf Humanität so herrliche Grundsätze hat, ist einer der schlechteste» Männer in Frankreich gewesen." Ebenso abfällig äußerte er sich über den Verfasser von „Ata'la". „Chateaubriand," sagte er, „ist ein Großsprecher ohne Charakter, er hat ■eine gemeine Seele und eine wahre Wut, Bücher zu schreibe». DaS ist einer von den Elenden, die auf eine Leiche spucken! Er gleicht den Insekten, die sich an Kadavern mästen, den Lebenden aber nicht zu nahe zu kommen Wagen." Zum Großherzog von Frankfurt sagte er: „Kant ist ein dunkler Mensch, den ich nicht liebe." Wieland gegenüber bekannte er: „Ich liebe die erhabene Poesie, die pathetischen und kraftvollen Schriftsteller, vor -allem die tragischen Dichter." In ähnlichem Sinne sagte er zu Goethe: „Die Tragödie sollte die Schule für Fürsten und Völker fein; das ist das höchste, wonach der Dichter zu streben hat. Die Tragödie erwärmt die Seele, erhebt das Herz, sie kann und soll Helden schaffen. Vielleicht ist Frankreich für einen Teil seiner große» Taten unferm Corneille Dank schuldig. Ja, Wenn Corneille noch lebte, ich ivürde ihn zum Fürsten machen." Dieses Wort ehrt ebenso sehr Napoleon löte den Dichter; denn noch nie hat ein Monarch die Bedeutung eines Dichters so hoch geschätzt. Daß Napoleon selbst die Literatur nicht gefördert hat, erklärt sich aus den Zeitverhältnissen. Die Kriege und die politischen Interessen nahmen alles in Anspruch, und voit den damaligen französischen Schriftstellern hat keiner dem Kaiser imponiert, am- allerwenigsten die Baronin vott Stasi, die er haßte, sowohl weil sie eine Frau war, als auch, Weil sie Deutschland mehr Gerechtigkeit widerfahren ließ, als er es mit den Pflichten des Patriotismus für vereinbar hielt. So kam es, daß er einen direkten fördernden Einfluß auf die Literatur überhaupt nicht auszuüben vermochte. _____________
Vermischte»,
*’ Amüsante „Ko n st i t u t io u s s che rze" werden im „Gaulois" erzählt. Nach dem Tode Alexander I. war in Petersburg ein Ausruher -ausgeb rochen, weil Nikolaus I. zum Thronfolger erklärt würde an Stelle des Großfürsten Konstantin, des jüngeren Bruders des perstorbenen Zaren. Großfürst Konstantin würde von der Thronfolge ausgeschlossen, weil er eine morganatische Ehe eingegangen war. Die Volkserregung wollte einige fortschrittliche Geister dazu benutzen, um ein parlamentarisches Regime zu erlangen. Sie eilten durch die Straßen und stifteten das Volk an, bei allen Kundgebungen laut zu rufen: „Es lebe der Großfürst Konstantin und die Konstitution!" Aber die guten Muschiks waren sich über den Begriff des Wortes Konstitution nicht recht im Klaren und sie berieten, was das wohl bedeuten könne. Schließlich einigte man sich darauf, daß nur die Gemahlin des Fürsten damit gemeint feilt könnte und so durchzogen damals lärmende Massen die Straßen von Petersburg und riefen mit leidenschaftlicher Begeisterung „Hoch lebe Großfürst Konstantin und die Großfürstin Konstitution!" . . . Als König Ferdinand ll. von Neapel, der Vater Franz' II., von seinen Untertanen bestürmt wurde, eine Verfassung zu erlassen, erschien der König freundlich lächelnd auf dem Balkon seines Schlosses und fragte die auf dem Platze demonstrierende Volksmenge:
„Was ivollt Ihr, meine Kinder?" „Wir wollen eine Verfassung !" „Das ist alles? Deswegen braucht Ihr nicht so viel zu lärmen. Ich werde Euch eine geben, ich werde Euch zwei geben, ich werde Euch drei geben, ich gebe Euch, so viel Ihr wollt." Das Volk aber ivar entzückt über diesen guten König. „Es lebe der König! Es lebe die Verfassung!" Und jubelnd zog das Volk davon, zur Verzlveiflung der Carbonari, die die Unruhen hervorgerufen hatten und nun erlebten, daß das Volk nicht begriff, um was es sich han-i bette, und den Spott des Königs nicht verstand. Gütiger gegen seine Untertanen verfuhr der König der Araukaner. Es war ein Franzose, der bei den südamerikanischen Indianern Häuptlingswürde erlangt hatte und bei seiner Rückkehr nach Europa sich mit größtem Ernst den Titel „Aurelius, der erste König von Araukanien" beilegte. Er war übrigens ein sehr gutmütiger Herr, der auf seine Karriere sehr stolz war. Wenn man ihn nach seinen Untertanen fragte, pflegte er mit allem 'Ernst zu antworten: „Ich habe ihnen alle Fortschritte der Zivilisation beschert; sie haben ihr Parlament." „Nein, wirklich? Und wie versammeln sich die Abgeordneten? Haben sie ein Parlamentsgebäude?" „Nein, sie versammeln sich zu Pferde auf einer Waldlichtung; ich präsidiere zu Pferde, und wer das Wort ergreifen will, muß in die Mitte des Kreises reiten, um zu sprechen." Kurz, aber harmonisch verlief die Tagung des ägyptischen Parlamentes, das Jsmäil Pascha eines Tages einberief. Der verschwenderische Kh-edive, der es fertig brachte, eine Milliarde auszugeben, hatte eines Tages den Einfall, sich den Luxus einerVerfassung zu gestatten, um in politischen Dingen nicht weniger „liberal" zu fein, als in seinen Privatangelegenheiten. Er berief also ein ägyptisches Parlament ein und nahm selbst die feierliche Eröffnung vor. Mit der Linken stützte er sich auf den Säbelknauf, die Rechte breitete er weit aus und hielt folgende Ansprache: „Ich will, daß meine Untertanen sich einer völligen Freiheit erfreuen; sie selbst sollen mir ihre Sorgen und Beschwerden vorbringen und dieses Parlament soll sich, nach dem Vorbild aller Parlamente, in zwei Lager spalten: Zur Linken die Opposition, zur Rechten die Än- hänger der Regierung." Ein freudiges Murmeln des Beifalls ging durch die Schar der Abgeordneten; mit energischem Tone fuhr der Vizekönig fort: „Mso schön: Me meine Freunde und Anhänger mögen sich jetzt zur rechten Seite begeben und alle meine Feinde ans die linke." Bei diesen Worten entstand im Saale ein fürchterlicher Tumult? Alle, die links gestanden hatten, stürzten auf die rechte Seite des Saales, stürmten die Bänke, drängten sich zu-, sammen und im Laufe von 10 Sekunden war die linke Seite völlig leer. Jsmäil-Pascha mochte wohl einige Lust zum! Lachen verspüren; aber er blieb ernst, blickte eine Weile schweigend und nachdenklich auf diese Parteigruppierung und sagte dann nicht ohne Befriedigung: „Also gut. Ich sehe, daß ihr alle meine Freunde seid und daß eine Opposition gegen meine Regierung nicht besteht. Es ist daher auch überflüssig, euch wieder zusammenzurufen." Und damit wurde oie Sitzung geschlossen und von einem Parlamente war üie mehr die Rede bis zu dem Tage da Tewsit- Pascha seinem Vater auf dem Thron nachfolgte.
* P e ch. Nachtwächter: „Was sitzen Sie hier unter dev Laterne?" — Betrunkener: „Wo soll ich denn hin, kein Mensch weiß ja, wo ich wohne!"
* Na ja! „Sie schatten ja so betrübt drein — was fehlt Ihnen denn?" — „Ein reicher Schwiegervater."
Zitateu-Rätfel.
Aus jedem der folgende» Zitate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Zitat ergibt:
1. Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? —
2. Gar vieles kann, gar manches muß geschehn, Was man mit Worten nicht bekennen darf.
3. Schlecht weht der Wind, der keinen Vorteil bringt.
4. Die Welt wird schöner mit jedem Tag.
5. Schon manchem widerfuhr des Schicksals Ungemach . -«
6. Etwas fürchten und hoffen und sorgen
Muß der Mensch für den kommenden Morgen.
7, Die Boten bringen traurige Mähr.
Auflösung in nächster Nummer»
Auflösung der Charade in voriger Nummer:
Aufrichti g.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».


