Ausgabe 
10.6.1909
 
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Kaiser will, das; diese Werke zu seinem besonderen Gebrauch ohne Rand seien, um keinen Platz zu verlieren. Tic Bände sollten 500 bis 600 Seiten stark sein, mit gebrochenem und abgelöstem Rücken gebunden und mit möglichst dünner Decke. Diese Bibliothek sollte aus ungefähr 40 Bänden religiösen Inhalts, 40 Bünden epischer Dichtungen, 40 Bänden Theater, 60 Bänden Poesie, 100 Bänden Romane, 60 Bänden Geschichte bestehen. Ter Rest bis tausend würde durch geschichtliche Denkwürdigkeiten aus allen Zeiten nus- gefüllt werden.

Tie religiösen Werke wären das Alte und Neue Testament in den besten llebersctzungen; einige Episteln und die wichtigsten anderen Werke der Kirchenväter, der Koran, Mythologie; einige ausgewählte Abhandlungen, über die verschiedenen Sekten, die in der Geschichte am meisten Einfluß gewonnen haben, z. B. die der Arianer, der Kalvinisten, der Reformierten nsw., eine Kirchengeschichte, wenn sie in der vorgeschriebenen Bandzahl be­griffen werden kann. .. ~ ,

Tie Epiker wären Homer, Lucan, Tasso, ^elemach, Die Henriade usw.

Tie Tragödien: von Corneille nur das, was sich auf der Bühne erhalten hat; von Racine Tie feindlichen Brüder, Alexan­der und Tic Prozeßsüchtigen nuszuschlicßcn, von Crobillon nur Rhadamist, Atrcus und Thyest aufzunehmen, von Voltaire nur das, was sich auf der Bühne erhalten hat.

Geschichte: einige gute chronologische Werke auszunehmen, sowie die bedeutendsten alten Urtexte und das, woraus man fran­zösische Geschichte in allen Einzelheiten kennen lernen kann. Man kann die Abhandlungen Machiavellis über Titus Livius, den Geist der Gesetze,"Die Größe der Römer und was man von den Geschichtswerken Voltaires mit Recht behalten kann, unter die Rubrik Geschichte ausnehmen.

Romane: Tie neue Heloise und Die Bekenntnisse von; Rousseau. Die Meisterwerke Fieldings, Richardsons und Leagcs usw. dürfen natürlich nicht fehlen; die Erzählungen von Voltaire.

Man darf von Rousseau weder den Emile, noch eine Menge unnötiger Briefe, Denkschriften, Reden und Abhandlungen auf­nehmen; das nämliche gilt von Voltaire.

Der Kaiser lvünscht einen sachlichen Katalog mit kurzen Be­merkungen zu erhalten, die die bedeutendsten Werke bezeichnen, und einen Bericht über die vermutlichen Truck- und Buchbinder­kosten dieser tausend Bände, ferner darüber, welche Werke eines jeden Schriftstellers jeder Band enthalten könnte, was jeder Band wiegen würde, wie viele Kisten nötig wären, von welcher Größe diese sein müßten und welchen Raum diese einnehmen wurden."

Wie man sieht, mutete Napoleon seinem Bibliothekar nicht gerade, eine besonders dankbare Arbeit zu. Barbier sollte eine Zusammenstellung von Werken machen, die tausend Bände füllen würden, aber er durfte nur solche Werke auswählen, die Napoleon genehm waren. Ta wäre es natürlich viel einfacher gewesen, wenn Napoleon seinem Sekretär das Verzeichnis der Werke diktiert hätte, die er in seiner Reisebibliothek vereinigt zu sehen wünschte. Bald kam er übrigens darauf, daß 3000 Bände für die geplante Biblio­thek nötig wären, die man auf 30 Kisten verteilen könnte. Von jedem Buche sollten 50 Exemplare gedruckt werden.

Tie Kosten für Satz, Papier, Druck und Binden berechnete Barbier ans 4 Millionen Franken. Dazu wären dann noch die Ausgaben für 125 Kompilatoren, 25 Schriftsteller und einen Dichter aus die Dauer von 6 Jahren gekommen. Tie Herstel­lungskosten waren wohl etwas reichlich bemessen und sie waren dem Kaiser ofsenbar zu hoch, denn er verzichtete darauf, sich für seine Reisebibliothek die Bücher selbst drucken zu lassen.

Barbier mußte ihm nun aus vorhandenen Ausgaben eine Bibliothek zusammcnstellcn. Hierauf bezieht sich folgendes Schrei­ben des Baron Meneval an Barbier:

La Malmaison, 20. März 1809.

Der Kaiser fragt nach, ob seine Reisebibliothek bereit ist. Ich empfehle Herrn Barbier, mit Ansmerksamkeit ;u_ wählen und vortreffliche Bücher auszunehmen, denn Sc. Majestät hält darauf, etwas Ausgezeichnetes zu haben, sowohl hinsichtlich der Wahl der Bücher, als hinsichtlich der Schönheit der Ausgaben' und der Eleganz der Einbände. Wenn die Epiker noch nicht' dabei sind, so darf man keinen Augenblick verlieren, sic hineinzutun."

Nun beeilte sich Barbier, die Auswahl zu vollenden und Napoleon nahm die Bibliothek mit auf seinen Feldzug in Oester­reich. Kurz nach der Einnahme Wiens und wenige Tage vor der zweitägigen Schlacht bei Aspern und Ehling ließ er folgenden Brief an Barbier schreiben:

Schönbrunn, 14. Mai 1809.

Ter Kaiser hat gefunden, daß seine Bibliothek schlecht bestellt ist. ES sind darin viele nutzlose Bücher. Zu diesen gehören die folgenden Werke, die Se. Majestät aus der Bibliothek hat cnt- scrnen lassen: die Werke von Parny, 5 Bände, 12°; die Werke von Bcrtin, 2 Bände, klein 12°; das Theater der Dramatiker zweiten Ranges, 8 Bände, 12"; die Abhandlungen über Tacitns und Gallust, 4 Bände, 12°; die Lebensgcschichtcn der berühmten Seefahrer, 12 Bände, klein 12°; die Briese von Terpaty über Italien, 3 Bände, 12°; Tic drei Reiche der Natur von Delillc, 2 Bände, 12°; die Geschichte Jovians, 2 Bände, 12°; die Briefe der Ran von Sövigna, 11 Bände, 12°; die Hirtengedichte, 1 Band, 12°; die Äusgewählten Stücke von Busfon, 1 Band, 12°; die

Denkwürdigkeiten von La Ro'uchesoucauld, 1 Band, 12°; die Er- iunerungen von Fran von Eaylus, 1 Band, klein 12°; die Kölner Bibel, 1 Band, 12°; die Jliade, 2 Bände, 12°; den Tasso, 2 Bünde, 12°; den Camoöns, 3 Bände, 12° die Aeneide, 4 Bände, 12°; den Milton, 3 Bände, 12°.

Die sechs letzten Werke sollen aiisgetanscht tverdcu und zwar gegen eine Bibel von Sach, 12°; eine Jliade, klein 12°; einen Tasso, klein 12°, italienisch und französisch; einen Camoäns, klein 12°, emp Aeneide in Prosa, klein 12°; einen Milton in Prosa, klein 12°.

Ter Kaiser will, daß kein poetisches und literarisches Werk in 12° sei. Dieses Format muß allein für geschichtliche Werke und Chroniken Vorbehalten werden.

Die Sammlung der griechischen Romane ist in einem zu großen Format.

Tic Kölner Bibel ist schlecht und unleserlich gedruckt.

Tic Acncidc und der Milton sind in Versen; Sc. Majestät wünscht prosaische Uebersehungen.

Elf Bände von der Fran von Savigna nehmen zuviel Platz ein; man sollte eine Auswahl ihrer Briese in einem kleinen Format suchen.

Alle übrigen Briefe sind als nutzlos verworfen worden.

Sc. Majestät wünscht, daß Herr Barbier folgende Bücher schicke, um sie zu ersetzen: einen Tacitns in französischer lieber» setzung in 12°, einen Gibbon in 12°, einen Diodorns von Sizilien in 12°, das Gedicht vom Mitleid, klein 12°, einen Gil Blas in klein 12°.

Tie Denkwürdigkeiten von Rctz sind auf sehr häßlichem Papier und schlecht gedruckt; man muß sie gegen ein besseres Exemplar vertauschen.

Somit sollte man folgende Werke schicken:

1. einen Tacitns in französischer Uebersetznng, 2. einen Gibbon, 3. einen Diodorns von Sizilien, 4. die Denkwürdigkeiten von Retz, 5. eine Auswahl aus den Briefen' der Frau von Seoigne, 6. eine Bibel von Sach, diese 6 Werke in 12°, 7. eine Jliade, 8. eine Aeneide in Prosa, 9. einen Tasso, italienisch und französisch, 10. einen CarnoanS, 11. einen Milton in Prosa, 12. eine Aus­wahl der griechischen Romane, 13. einen Gil Blas, 14. das Gedicht vom Mitleid. DieS alles lvon Nr. 7 an) in möglichst kleinem Format.

Auf Befehl des Kaisers: Mencväl."

Es mag Barbier wohl nicht leicht gewesen sein, all diese Werke gerade in den angegebenen Formaten ausfindig zu machen. Na­poleon legte nämlich Wert ans kleine Bände. Tas Duodezformat der Franzosen entspricht dem deutschen Oktavformat, das z. B. für Romane allgemein üblich ist. Schöngeistige Werke wünschte er nur in einem kleinen Format zu besitzen. Auch sonst erteilte er zuweilen Aufträge zur Beschaffung von Büchern, die seinem Bibliothekar manche Mühe verursacht haben werden.

Ein andermal erhielt Barbier einen Rüssel dafür, daß er dem Kaiser die Novitäten des Buchhandels nicht schnell genug zuschickte. Selbst ans dem russischen Feldzug kümmerte sich Na­poleon um die neuen Bücher.

Obgleich Napoleon sich aus seinen Feldzügen manches an- eignete, was er als Eroberer beanspruchen zu können glaubte, war er doch darauf bedacht, die ans Bibliotheken entliehenen Werke zurückzugcben. Ties ersehen wir aus folgendem Brief an Barbier:

Paris, 26. Februar 1813.

Am Anfang des letzten Feldzugs hat der Kaiser den Herrn Baron von Moneval beauftragt, einige Werke über Rußland und Polen von der Dresdener Bibliothek zu entleihen. Herr Msneval hat dem königlichen Bibliothekar in Dresden einen Empfangsschein darüber ansgestellt. Seitdem sind diese Bücher mit dem Gepäckwagen, auf dem sic sich befanden', verbrannt. Ter Kaiser wünscht, daß man diese nämlichen Werke hier aiis- suche und sie der Dresdener Bibliothek znrückgcbc. Ich schreibe dies dem Herrn Barbier auf Befehl des Kaisers.

Der Kabinettssekretär: Baron Fain."

Auf der Insel Elba beklagte der Kaiser sich ost über die Bescheidenheit feiner Bibliothek, obwohl er mit seinem Gepäck eine Anzahl Bücher erhalten und seit seiner Ankunft iit Porto Ferrajo viele dazu gelaust hatte, sodaß er an die 500 Bände besaß. Als er eines Tages mit dem Bergwerksdirektor Pons d' Härault über den Mangel an Büchern sprach, sagte dieser, er glaube, man könne mit fünfhundert Bänden sehr gut sein Leben aiissüllen.Ja," entgegnete Napoleon,ein Leben der Zerstreuung, aber nicht ein Leben voller Arbeit, denn nm gute Bücher zu schreiben, muß man viele Werke studieren; aber trotz großer Studien sind gute Bücher selten."

Hiernach scheint Napoleon die Absicht gehabt zn haben, auf Elba ein Buch zn schreiben. Er hat diesen Plan aber nicht ausgesührt. Früher hatte er allerdings verschiedene Abhandlungen verfaßt, n. a. eine Geschichte Korsikas. Er sagte 1792 einmal: Meine Arbeit ist beendet, verbessert, kopiert, aber unter den gegenwärtigen Umständen wird man sie nicht drucken. Auch gut! Ich habe nicht mehr den kleinen Ehrgeiz Autor zn sein."

Daß Napoleon die Bücher liebte, erklärt sich daraus, daß er die geistige Macht zn schätzen wußte. Er war in der Welt­literatur sehr bewandert und legte manchmal ein sehr treffendes