Ausgabe 
10.6.1909
 
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Och was!" Der Gendarm wurde ungeduldig; ohne viel Aufhebens hatte man den Kerl fortschaffen wollen, und nun dauerte das Gezeter schon so lange, daß bald die ganze Straße boll Neugieriger stehn 'würde.Dummes Weibs- bild, von d e m Feuer is ja gar keine Red'! Brand hat er angelegt, der Schubjack! Vorau jetzt, marsch!" Er stieß seinen Häftling der Tür zu.

Ter Willelm Brand angelegt?! Tie alte Frau hob verwundert die Hände. Es konnte einer glauben, ihr Willelm hätte Brand angelegt?!

Jesus Maria," sie schlug ein Kreuz und faltete dann die Hände,esu en Sund!" Das war ja ein Verbrechen! Ihr Willelm ein Verbrecher? Das war ja beinah zum Lachen!Ha, ha!" Sie stieß ein kurzes, auf­geregtes Lachen aus:Mi, Hahr Schandarm, fit ebbes dicht däu Willelm net!"

Allons," sagte der Gendarm und schob den Willelm zur Tür hinaus.Das wird sich ja finden. Hat der Kerl 's nicht getan, werden fe'it Euch scheu bald retour schicken!"

Ja, das würden sie auch! Des war sie ganz sicher.

*

So bald, wie die Witwe Driesch sich'» gedacht hatte, kam ihr Willelm nun doch nicht zurück. Viermal schon lvar sie darum in des Ortsvorstehers Haus gewesen, und auf der Straße, auf dem Acker schrie sie ihm nach:

Häh, Nikla, wanneh kömmt däu Willelm redur?"

Auch er wußte nichts, zuckte nur die Achseln und ver­tröstete sie, sah er ihr banges Gesicht und ihre verlangenden Äugen, mit seinem steten:Seid doch uet esu gäck, Kathrei», Kän kömmt bal redur!"

Nun waren schon vier Wochen in» Land gegangen; das Tamienwäldchen beim Torf strömte überstarken Harz­dust aus, langsam sickernde, bernsteinfarbene Rinnsale tränten die rissigen Stämme hinab, alle Feuchtigkeit schien den Bäumen entwichen. Durch die Stille des August- Mittags hörte man das Fallen der Nadeln und das Knistern von Zweigen und Zweigleiri. Zu sehr hatte die Sonne ob ihnen geglast.

Ueber die Felder kam mehliger Duft; das Korn war gehauen. In Schwaden lag's am Boden; die Weiber rafften, die Männer banden und setzten die Mandeln auf, und die Kinder, die jetzt frei an der geschlossenen Schultür vorüber durften, liefen über die Stoppel und sammelten die ver­streuten Aeyren. Das Dengeln der Sensen am Feierabend, oiese eintönige Musik des Torfes, hatte aufgeyört, dafür knarrten jetzt am Tag die Ochseuwagcn über die zu tenuen- hartem Lehm gebrannte Straße hinaus, undhott und Hahr" und Peitschenknall erschütterten die Luft über den flimmernden Feldern.

Alles lvar draußen. Nur Kathrein Driesch nicht; die hätte nichts zu ernten. Still saß sie in ihrer Hütte und hörte, war das Rattern der auszieheudeu Wagen verstummt, nichts als das Surren der Fliegen und da» Knastern des Reisigfeuers im Herd. Sie schürte, wie immer, denn wenn er heimkam, sollte er's doch nach seinem ,,EH»"*) finden. Und wie sie so dasaß, lässig die Hände, sie konnte nicht arbeiten, was auch, lvozu auch, er lvar ja nicht da kamen ihr die Gedanken: Jesus, weim sie dem Willelm was antaten?! Wie lauge hielten sie ihn denn nur da?! Nun glaubte sie dem Nikla nicht mehr der log ja, trotz {einer grauen Haare! Der wich ihr aus: gestern abend hatte ie's deutlich gemerkt.

Da lvar sie aus ihn zugelaufen, gerade als er vorm beladenen Erntewagen her Heimschritt, die Heugabel über der Schulter.

Wanneh kömmt däu Willelm?!"

Er aber hatte den Kopf auf die Seite gedreht und übers Wetter angefangen mit seinem Sohn, dem Matthes, der hinter ihm schritt.

Häh, Nikla?" Wär er taub? Sie hatte ihn ange- packt, am Hemd vorn bei der Brust, und hatte ihm ins Gesicht geschrieeu:

Wanneh kömmt hän?" Nun mußte er's doch Hören-

Aber statt ihr Antwort zu geben, war er unwirsch gelvorden:

Laoßt mech in Ruh," und hatte den Ochsen, die uni et in Joch, die Köpfe gesenkt, mühselig daher schnauften, mit der Peitsche eins übergehauen:Häh, häh, Luderzeug, voran, häh, häh," und war schnelleren Schritts weitergezogen mit

*) ä son aise bequem.

Napoleon I. und die Literatur.

Bon Tony Kellen.

(Nachdruck verboten.)

Mitten zwischen den großen Schlachten, über die wir aus Anlaß ihres 100. Gedenktages jetzt so häufig Artikel in den Zei­tungen lesen, fand Napoleon noch Zeit, sich mit den verschiedensten geistigen und wirtschaftlichen Angelegenheiten zu befassen. Man weiß ja, wie umfassend sein Interessengebiet war und mit welchem Scharssinn er selbst die ihm scheinbar fernliegenden Tinge durch­drang. Weniger bekannt aber ist seine Kenntnis der Literatur und seine Bücherliebhaberei, und es dürfte deshalb manchem er­wünscht sein, etwas Näheres darüber zu erfahren, zumal er sich vor genau hundert Jahren mit der Zusammenstellung einer eigenen, ganz nach seinem Geschmack ausgcwähltcn Bibliothek befaßte.

Tie Vorliebe Napoleons für Bücher stammt schon aus seiner Jugend. Freilich war das Motiv derselben mehr der Wissens­drang als die reine Bibliophilie. An der Fürstcntafel in Erfurt erzählte er selbst:Als ich erst Leutnant in der zweiten ArtiUcric- kompagnie war. . ." (da die kaiserlichen und königlichen Gäste über diese Erinnerung betroffen waren, Hub er nochmals an:) Als ich die Ehre hatte, ein einfacher Leutnant in der zweiten Artilleriekompagnie zu sein, lag ich drei Jahre zu Valence ür Garnison. Ich liebte viel Gesellschaft nicht und lebte Zehr zurück­gezogen. Durch eine günstige Fügung wohnte ich bei einem Buch­händler, einem sehr unterrichteten und wohlwollenden Manne. Ich las zu wiederholten Malen während der drei Jahre, die id) zu Valence in Garnison stand, seine ganze Bibliothek durch, und ich habe nichts vergessen, selbst von den Dingen, die in keiner Be­ziehung zu meinem Beruf standen." .

So lange seine Mittel knapp waren, wird er sich wohl nidjt viel Bücher nngeschafst haben. Als er aber auf den .Kaiscrthrvu ge­langt war, faßte er den Plan, für seinen Bedarf eine eigene Bib­liothek drucken zu lassen, und zwar sollte dies, da er fast immer auf Feldzügen unterwegs war, eine Reisebibliothek sein. Wie er swl diese dachte/ ersehen wir aus dem Schreiben, das auf )ei|Un Befehl Baron Mencval am 17. Juli 1808 aus Bayonne an Bar­bier, den Bibliothekar des Kaisers, richtete. Dieses merkwürdige Schreiben lautet: . K

Ter Kaiser wünscht eine Handbibliothek von ungefähr tauieno Bänden in Klein-Tnodez und in schönem Druck zu haben, -»er

Sohn Und Kitecht und mit dem Enkelkind hoch oben auf den goldenen Korngarben.

Und sie hatte ohne Antivort dagestanden lind wie tief­sinnig zur Erde auf die weißen Schaumflocken gestiert, die den angestrengten Ochsen aus dem Maule geklext waren.

Warum hatte ihr der Nikla nicht stand gehalten?! Die ganze Nacht hatte sie darum nicht schlafen können, und wenn sie auch fleißig gebetet hatte, Ruhe hatte sie doch nicht gefunden. Sonst hatte der Nikla doch gern mit ihr ein Wort ausgetauscht, nie wär er ihr vorbeigegangen?! Jäh ward sie des plötzlich inne: auch andere wichen ihr aus! Ihr Nachbar zur Linken, Heid's Josef, dessen Häuschen sich so dicht an das ihre lehnte, als wären die zwei eins, sah sie früher nie hinten int Gärtchen Unkraut jäten oder ihren Kappe» begießen, ohne daß er sich über den Zaun lehnte, mit ihr ein Schwätzchen zu halten und ihre Nachbarin zur Rechten, die Schueidersch, eine Wittib' wie sie, die nur die Hand zum Feustercheu herauszustrecken brauchte, um än ihrem Feustercheu zu pochen, hatte auch schon seit Tagen nicht bei ihr angeklopft. Was hatten die beim sie war sich keiner Unfreundlichkeit bewußt und einen Klatsch hatte sie nicht an gefangen wär's etwa wegen dem Willelm?! Jesus, der arme Jung, was hatten sie nur gegen den? Und er hatte das Vieh doch so sorgsam ge­hütet; jede Küh war ihm lieb, und war ein Ferkel müde, so trug er's heim auf den Armen. Nein, einen so guten' Hirten kriegten sie nie wieder. Jetzt mußte das arme Vieh immer int dunstigen Stall bleiben, niemand fand während der Ernte Zeit, es ins Freie zu treiben. O je, die würden schon noch einseheu, was der Willelm wert war! Aber so waren die immer gewesen: ist ,einer lauge in der Fremde draußen, der ist nicht mehr einer von ihnen und nun gar der Willelm, der besonderer war als alle, den guckten sie scheel an. Mochte auch sein, daß sie ihm das Geld, das er als Rente bezog wie ein pensionierter Herr neideten, ihm's vielleicht auch nicht gönnten, daß er dazu noch den Posten als Gkmeindehirt gekriegt hatte. Es langte nun so schön für sie beide'; nun brauchte sie auf ihre alten Jahre nicht mehr in Tagelohn gehen wie früher ach ja, was war ihr der Willelm doch für ein Glück! Andere Männer in seinem Alter haben längst Fran und Kinder, aber sie hatte den Sohn noch so ganz für sich allein!

(Fortsetzung folgt.)