Donnerstag den 10. Juni
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1909 — Nr. 89
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Brennende Liebe.
Novelle von ClaraViebig.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Ein seltsames Lachen verzog das düstre Gesicht des Sohnes: nun schlief sie — nun schlief sie — nun ging er — seine Oefen anstecken — Huh, ihn fror — da wurde er wieder warm — hei, wenn die Funken tanzten und*die rote Glut fauchte, einem entgegenschlug, als wollte sie einem das Hirn ausdörren — heiß, immer heißer,---ha, wer
kam da, wer wollte ihn stören?!
Zusammenschreckend blieb er plötzlich stehn, die Stirn wie im Schmerz krampfend.
Außen drückte eine Hand kräftig auf die Klinke; die immer unverschlossene Tür gab nach, und aus der weichen Dämmerung des milden Sommerabends traten der Gendarm und der Gemeindevorsteher in die überheizte Dunkelheit der Witwenstube.
„Schlaoft Ihr eweil schon?" sagte etwas verlegen der Gemeindevorsteher. „Häh, Kathrein, exrusört! Hört ehs!"
Aber der Geridarm hatte den, deswegen sie kamen, schon beim Kragen gepackt und ihn uiedergeduckt mit einer Faust, die an Widerstreben gewöhnt war.
Ofen-Willelm dachte nicht daran, sich zu sträuben; scheu die Schultern hochziehend und den Köpf zwischen die Schultern steckend, duckte er sich. Nur einen unzufriedenen, unbehaglichen Laut stieß er aus, wie unsanft aus dem Schlaf gestörte Kinder tun.
Die Alte, die der laute Ruf des Gemeindevorstehers nicht geweckt hatte,, wurde jetzt sofort wach und setzte sich im Bette auf:
„Willelm, wuh Kiste? Wat haste, Willelm?"
„Hän es hei — nor ruhig," sagte der Gemeindevorsteher und tappte nach dem Herd, die Glut aufzüstören, daß sie hell leuchtete. „Kathrein, seid eweil verstännig, maacht kein Ambra!*) Dän Willelm hei, dän hole mir eweil eböes mit, dän — dän soll — dän muß — dän —"
„Dän Willelm mitholen — waor dann?!" Das Weib stutzte. „Dän Willelm, nä, dän bleiwt hei," sagte sie kurz entschlossen und tastete nach ihren Röcken auf dem Schemel am Bett.
„Bleibt nor liegen, bleiwt noren l St---!"
Der Gemeindevorsteher wollte ihr die Hand auf den Mund legen, aber schon hatte sie die goldenen Knöpfe der Uniform Klinkern sehn, und in sinnloser Angst vor 'm Gendarmen einen hellen Schrei ausgestoßen. Mit beiden Füßen zugleich fuhr sie aus dem Bett und stand nun zitternd vor den Männern.
Was wollten die hier?! Bei Nacht noch dazu?! In verständnislosem Entsetzen irrten ihre Augen von einem zum andern. Nun sah sie den Griff, mit dem der Gendarm
*) embarras = Wirrwarr.
ihren Willelm gepackt hielt. Was, was hatte ihr WilleW getan? ^Nichts hatte der getan, loslassen sollten sie ihn, gleich auf der Stell'!
Zeternd ging sie gegen den Gendarmen an, aber der schob sie unsanft' beiseite.
„Halt Euer Maul, Frau,' sagte er kurz, „macht Euch kein Ungelegenhcit. Voran!"
Er stieß den Verhafteten zum Fortgehen in den Rücken. Aber die alte Frau packte ihn am Uniformschoß und hielt ihn fest mit ungeahnter Kraft.
„Dän Willelm, dän Willelm," schrie sie in höchsten Tönen, „wat haot hän dann gedahn, wat haot hän dann gedahn?! Hähr Schandarin, och, laoßt hän doch hei, dän maocht jao sein Läwen kein Schpitackel, dän zieht jao gleich in't Bett, dän säuft net, dän zankt net, dän es alleweil ruhig — och, duht ihm neist! Jeses Maria, Hähr Schandarm, liewer Hähr Schandarm, duht dem Könd neist!"
Die Zähne klapperten ihr in Furcht und Schluchzen; sie hatte den Uniformschoß fahren lassen und versuchte nun, rhren Sohn dem eisernen Griff zu entwinden. Sie wußte wohl selbst nicht, daß sie dabei kratzte und kniff.
Der Gendarm hatte alle Mühe, das Weibsbild abzuschütteln, zumal sein Arrestant, durch das Beispiel der Mutter angesteckt, sich auch zu sträuben begann. Endlich schaffte ein kräftiger Stoß die Alte beiseite, und Handschellen!, im Nu aus der Tasche gezogen, fesselten den Verbrecher.
„In't Kittchen —?!" Der gellende Schrei der Frau hallte von den rußigen Wänden wider. Sie lag auf den Knie en und rang die Hände: „Nikla, Nikla! Hähr Schandarm! Hährgott im Himmel! Wat haot hau dann gedahn?! Ech schwören, dän es esu unschullig wie neugeboren! Dän schnied't ke Gras uf andrer Leut's Wies, "dän bricht ke Aestche im Wald ahf — dän cs noch nie öwer dän Zaun gestiegen, für Aeppel zu pflücken beim Hähr Pastor —. glauwt et, glauwt et doch, bei meiner ewigen Tätigkeit, dän es esu ene gude Jung! Hän haot mer immer Kaffee on Zucker erufgeschickt, on en schwaarz Schörz für nach, der Kirch ze giehn, on hän haot sich ahffottegrafiere laoßen für sein Modder — on se alle Jaohr uf einen Dag besucht! Och, hän es esu gud, glauwt et doch noren! Ech will stärwen uf der Stell, wann ech net de pure Waohrheit saon! Ritla" — sie wandte sich flehend an den Ortsvorsteher — „Nikla, dir kennt mech seit Menschegedenk', saot, havn ech Eich je wat fürgemaach? Helft mer doch! Laoßt hän doch hei!"- Sie machte Anstalt, seine Kniee zu umklammern.
„Seid doch net esu gäck, Kathrein," murmelte der Ortsvorsteher zurückweichend. „Eier Willelm kömmt jao bal redur, et es uor für dat hän sich ausweist — hat hän —; hm —!" Verlegen mied er den angstvoll sich einbohrenden Blick der Frau. „Hm, dat mer et zu wissen krieht — no, dat hän et net es, dän hei alleweil dat Feuer anfänkt!"
„Dat Feuer — hei dat Feuer — ?!" Ganz verwirrt glotzte die Frau narb ihrem Herd. „Nä, dat sänken ech immer sälwer an!"


