Ausgabe 
10.5.1909
 
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die wildbewegte und blutgetränkte Geschichte des Osmanen- tuins in Europa seit seinem Auftreten: auf der Welt-Ahne bezeichnend fhtb. Das grausige Geheul jener Taufende von Janitscharen, das in den Mordtagen des Jahres 1826 von hier bis zu dem in höchster Naturfchönheit Prangenden asiatischen User deS Bosporus hinübergellte, hat vor wenigen Tagen ein, wenngleich minder schreckliches, Echo gesunden, und von diesem blutgetränkten Platze, an dem vor 32 Jahren das erste türkische Parlament tagte und rühmlos endete, ist wiederum vor wenigen Tagen die Militärrevolution aus­gegangen, die das nach den serbischen Vorgängen kaum halbwegs beruhigte Europa aufs neue in Sorgen stürzt. Niemand vermag zur Stunde zu sagen, welche Folgen diese in ihren Ursachen noch unklare Bewegung nach sich ziehen wird. Sicher dagegen ist aber, daß die Dynastie Osmans, deS Begründers des türkischen Reiches, in höchster Gefahr schwebt, sich wieder einmal durch bett in der Zamilje zur Tradition gewordenen Verwaudtenneoro zu zerfleischen. Zum Schutze der Europäer dampfen bereits ganze Ge- Mvader und einzelne Kriegsschiffe der Großmächte, da­runter auch die neuesten deutschen Turbinenkreuzer, dem Aegäischeu Meere und der Dardanellenpforte zu. Mit ganz anderen Gefühlen als in Goethes Tagen aber folgt von einer Zeitungsausgabe zur nächsten auch der deutsche Bürgers- UMun, den es einst ruhig ließ,wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen", den ' Ereignissen, die sich zu überstürzen scheinen.

Plötzlich, wie ein in der Sprache der Astronomen als U'ova 'bezeichneter Stern, tauchen vor wenig mehr !als einem Jahrtausend die Türken, die schon im Altertum friedsam die Abdachung vom persischen Tafelland zur aralo-kaspischen Niederung bewohnt hattet!, am geschichtlichen Horizonte auf. Zum Islam bekehrt, warfen sie zwar schon damals unter ! Führung ihres krietzstüchtigsten Stammes, den Seld- . schuken, die Kriegsfakel in das brandbereite, ausgetrocknete ; Gespärre gar manches vorderasiatischen Reiches. Mit volleri Stoßkraft aber setzen sie sich erst in Bewegung im Lause Jener hochasiatischen Völkerwanderung, die durch das un­aufhaltsame Vordringen der Mongolen eingeleitet wird, ttm sich vor den bestialischen Zerstörungsinstinkten dieser Horden zu retten, die später aus ihrem Schoß heraus den typischen Vertreter hochasiatischer Grausamkeit, den Steppen- sohn Timur Lenk gebären, vertauschen um das Jahr 1225 an 66 600 türkische Krieger ihre angestammten Sitze in Ehorassan mit den wilden Gebirgslandschaften Armeniens. Führer ist ihnen hierbei ihr Stammeshäuptling Suleiman I., der im Gegensatz zu der üblichen Darstellung, als Be­gründer der noch heute herrschenden Dynastie zu bezeichnen ist und 1231 im Euphrat ertrank. Die Armut des Landes veranlaßt das Volk unter Ertogrul, Suleimans Sohn, Kriegsdienste bei Alaeddin, dem Seldfchukensultan von Konia zu nehmen, der ihnen blühende Landstriche im nordwestlichen Phrygien zum Wohnsitz anweist, lind wie es so oft zutrifft, daß der Appetit beim Essen kommt, so erzeugt auch hier die glücklich veränderte Lage, das Kennenlernen der Reich- Muer Kleinasiens den Hunger nach mehr, die unersättliche Eroberungssucht, die zum Schrecken der Völker vom Ararad W nach Wien und bis zur GrenKe der grünen Steiermark ausgedehnt wird.

Schon Ertogrul war es geglückt, dem dahinwelkenden byzantinischen Kaisertum der Päläologen verschiedene Ge­biete zu entreißen. Erst sein Sohn Osman aber war es, der die wilden Horden in die erste staatliche Organisation hineinzwang und damit zum Schöpfer der seinen Namen tragenden Dynastie und des' Staates wurde. Die Geschichte hat ihn mit dem Beinamenel Ghazi" (d. i. der Eroberer) geschmückt, und siegreich war auch wirklich! sein Walten vom Regierungsantritt 1288 bis zu seinem im Jahre 1326 erfolgten Tode. Alle Räuber der türkischen Stämme, die übrigens tat Talent, Mut und Disziplin den entarteten .Griechen um vieles überlegen waren, strömten dem kühnen Führer nach Karahissgr, dem festen Sitze seiner Herrschaft zu. Während kleine türkische Teilfürsten den Griechen Kenschreä, Tripolis am Mäander, Sardes, Ephesus' und manche andere Stadt Kleinasiens! eroberten und die Inseln des ägäischen Meeres verheerten, konnte Osman sich schon 1299 als unabhängig erklären und erlebte noch! kurz vor seinem Tode die Eroberung, der bithynischen Hauptstadt Brnsfa, wo drei Meilen entfernt vom Spiegel des Mar- niarameeres im Schatten des mH fischen Olymps, in präch­tigen Ahnengruften sein Leichnam! und diejenigen der

nächsten fünf Ostnänensultane, umgeben von einem halben Tausend von Gräbern der berühmtesten Staatsmänner, Ge­lehrten, Künstler, Dichter, Musiker und Aerzte ans der Glanzzeit des Osmanenregiments bestattet sind.

Die furchtbare Macht, die sich knapp 100 Kilometer vor den Toren des goldenen Byzanz niedergelassen hatte, zögerte nicht einen Augenblick, zum Angriff auf die zum jüngsten Tag gereiften christlichen Staatengebilde vorzu- gehen. Osmans Sohu Urchan, der erst den Einzug als Sieger in Brussa hielt, um sich unmittelbar von dort an das Sterbelager des Vaters zu begeben, schuf nach ver­geblichen Versuchen, aus feilten Horden eine reguläre, tür­kische Armee zu bilden, schon 1330 jene ebenso berüchtigte wie berühmte Gardetruppe der Jauitscharen, eine Schar von Löwen an todesmutiger Kampflust, vor deren Ungestüm! die Feinde liinweoo-ch?.'"".»to «)»«.. »*» e>turme. Von je fünf gefangenen Chrrstenknaben ließ er den körperlich tüchtigsten auswählen und bei türkischen Bauern in die Erziehung geben,Zoo der Jüngling, der nie heiraten durfte, wie ein antiker Spartiaie an das Ertragen schwerster Strapazen, aber auch an besinnungsloses Blut­vergießen gewöhnt wurde, bevor man ihn in die Janid- scharengarde einreihte, bereit hoher Sold und sonstige Be­vorzugungen freilich aber auch bald jenen unsäglichen Hoch­mut und Un'botmäßigkeit gebaren, denen ihre höchsten Ge­bieter, die Großherren selbst, so ost zum Opfer fielen.

Schon 1357 setzten Urchans Scharen über die Där- danellen nach dem thrakischeu Chersones über, wo sie in Gallipoli, damals noch eine der wichtigsten Städte des sinkenden byzantinischen Reiches, festen Fuß faßten, worauf unter Murad I. 1360 die Residenz von Brussa nach Adria- uopel verlegt wurde. Der Ansturm auf Konstantinopel führte zwar noch nicht zum Erfolge, dafür aber sanken die südslawischen Reiche der Balkanhalbinsel in Trümmer, als erste die serbischen Teilfürstentümer in Makedonien und in der vom serbischen Heldenliede hundertfach besungenen ersten Schlacht auf dem Amselfelde (Kossowo 1386), wo am Abend des blutigen. Ringens Sultan Murad von einem verwundeten serbischen Krieger erdolcht wurde, das Zareu- tum des Knez Lazar.

Der unerhörte Siegeslauf der Osmanen, der in den folgenden 180 Jahren mir selten durch einen Stillstand auf- gehalten wurde, kann hier nur durch Anführung der wich tigften Ereignisse beleuchtet werden. Schon 1391 wagst Bajezid I., derWetterstrahl", beit er^en Einfall nach Ungarn, dessen König Sigmund er 1396 bei Nikopolis eine siegreiche Schlacht lieferte. Im Jahre 1394 wurde Bul­garien unterworfen, beim folgten Makedonien, Thessalien und die Walachei, und schließlich trugen feilte Scharen ihr' Waffen sogar bis nach Hellas hinunter. Während m. Bajezids Lebensabend ein noch mächtigerer, der grause lahme Timur" über, ihn kam, der ihn in der Ebene von Angora am 28. Juli 1402 besiegte, und bis zu seinem Tode in strenger Gefangenschaft hielt, setzten seine Nachi- folger die Eroberungen fort. Im Jahre 1430 wurde von Murad II., dem Sohne des auf der Eberjagd tödlich ver­unglückten Mohammed I. Saloniki erobert. Der Sohn dieses! Sultans, der eine Ausnahme eines natürlichen Todes durch Schlagfluß starb, Mohammed der Siegreiche, machte 1453 dem oströmifchen Reiche ein Ende und verlegte feine Residenz nach Konstantinopel, machte Serbien zu einer tür­kischen Provinz, unterwarf das Königreich Bosnien, dessen letzten König Stephan Tomas er hiurichten ließ, eroberte die Herzegowina, Albanien, die Krim, Epirus, die jonischen Inseln und machte sogar den Versuch, auf italienischem Boden in Otranto festen Fuß zu fassen. Zum höchsten Glanze erhob sich die Osmanenmacht unter Bajezid II, einem friedfertigen Fürsten, der die Künste und Wissen­schaften begünstigte und die seinen Namen tragende, präch­tige Moschee in Konstantinopel erbaute, gerade seiner Friedensliebe wegen aber bei den kriegslustigen Janit- scharen Unzufriedenheit erregte und auf Anstiften seines Sohnes Selim von feinem Leibarzt vergiftet wurde.

Nur kurze Zeit unter Selim I., der 40 000 auf tür­kischem Boden lebende Schiiten ermorden ließ und den Titel eines Chalifen annahm, und unter Suleiman II., dem Prächtigen", der den bis dahin nur nach mündlicher lieber» lieserung geleiteten Staat durch weise Gesetze ordnete, dauerte die Periode des höchsten Glanzes. Mit feinem Tode, der den mehr als 70jährigen vor der ungarischen Feste Szigeth in der Marmarosch ereilte, war das Glück