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»usumchen konnte, da kam den Weg entlang eine ältere Fran, sie machte dienstfertig das Hecktor ans.
Es war Stina Duhr, die Hebamme des Dorfes. Ein- nral war sie auf Spättnghof aus-- und eingegangen, zu der Zeit, da Tine den Knaben gebar. Seitdem hatte Fan die Fran nie wieder in der Nahe gesehen. Es war ein Zufall, Last sie gerade jetzt des Weges kam und Jan das .Hecktor öffnete, aber weshalb lächelte sie ihn so vertraulich an?
„Na, nun wird der Bauer mir auch bald mal wieder was W verdienen geben," sagte die Alte, „was gibt's, wenn es ein Zunge ist?"
Jan wandte sich Halb um. Jetzt schloß die Alte das Heck: sie lachte noch aus vollem Halse.. Vielleicht hatte ihr das verdutzte Gesicht des Bauern Spaß gemacht.
Die Großdeern kicherte. Jan rückte unruhia hin und her. Was hatte die Frau gesagt? Stand es so? Oh, das fte^ crft6iitto1&-iAe$ MKstx.kkWr. Ein Mrd, das ttmrd« Kindes würde Tine nichts Schlechtes denken.
Wie ini Traume stieg Jan vorn Wagen; wie im Traume ging, er umher. Warum hatte sie es ihnr nicht gesagt, was schon die Leute auf der Straße wußten? Zu fein, zu scheu war ihre Seele. Wie konnte er so blind sein!
Nein, nun konnte er nicht reisen, nun mußte er es noch einmal mit Tine versuchen, in Geduld und Liebe. Ja, er wollte sie lieb haberr, er wollte gut zu ihr sein und geduldig ihrem sonderbaren Wesen gegenüber. Beide Arme iW'ffte er ausbreitem wenn sie wiederkam.
Das Lachen des alten Weibes mit Hecktor stieß seinen Lebensplan um.
Mit neuer Lust arbeitete I« in Hans und Hof, und er empfand eine heimliche Freude darüber, daß es' nun doch alles anders kam, daß er nun nicht fort mußte in die Fremde.
Vierzehn Tage wollte Tine fort bleiben; die Zeit war bald um. Wie lang ihm diesmal die Tage geworden waren.
Es fiel Jan ein, daß der Brief noch in der Schatulle lag, der Brief,, den er in einer trüben Stunde geschrieben hatte, der unvollendet geblieben war. Jetzt sollte er in den Ofen wandern.
Jan stand vor der Schatulle und zog den Brief hervor. Er hielt ihn in der Hand, er besah die Aufschrift und wurde starr vor Erstaunen. Was war das? Es war nicht fein Brief. Das schreiben, das er jetzt in der Hand hielt, war an ihn selbst gerichtet und von Tines ungeübter Hand schrieben. Sein Brief aber war verschwunden.
Jan stand und las. Er traute seinen Angen nicht. .Wie mit Flammenfchrift prägten sich die Worte seinem Gedächtnis ein. Er las:
„Lieber Jan!
Dein Brief, den ich unversehens gelesen hab' hat mich ein büßchen vorn Kopf gestoßen aber wenn Du es doch mal mit mir nicht anshalten kannst,, dann will ich man lieber gehen das kommt mir zu denn mir gehört doch, nichts vom Hoff und ich kann doch nicht allein Herr sein .wlf son großen Hoff. Ich kann das nicht zugeben daß du davon gehst das kann und kann ich nicht. Und ich glaub auch das ist mir bestimmt daß ich nach Amerika soll und was einem bestimmt ist entgeht man doch nicht. Das ist das Schicksal was in die Karlen geschrieben steht. Ich werd' auch in Amerika walk mein Brot finden, ivo schon so viele rüber gegangen sind, die es nicht gereut hat. Bloß eins will ich Dir sagen, daß ich glaube, daß Du der beste Mensch von der Welt bist und nimm mirs nicht vor übel daß ich mir das in den Kopf gesetzt hatte. Ich fahre nun nicht nach Mutter sondern gleich nach Amerika und wünsche Dir noch, daß es Dich recht gut geht. Heirate nun mal lieber Frauke Messens die paßt besser zu Dich und werde glücklich und mach Dich keine Sorge und Umstände wegen meiner.
.Unter herzlichen Grüßen
Deine Tine."
Jstn diesen Brief Wort für Wort las, wußte er, vM sem Werb ihm in dem Augenblick, da er sich ihr näher- aerückt glaubte, da er ihre scheue, seine Seele erkannt hatte, für immer verloren war, und zwei Tränen rollten seine Wangen herunter, die ersten, die er seit seiner Kinderzeit geweint hatte. '
*
Tine hatte in Hamburg bald eine Stelle bekommen, als Aushilfe auf einige Monate, wie sie es selbst gewünscht hatte. Die Mietsfrau hatte sie zu der Herrschaft begleitet und beim Abschied gesagt: „Wenn es nicht mehr geht, kommen Sie tmeder zu mir, ich werde Ihnen schon eine Unterkunft besorgen."
So war sie denn der größten Sorge enthoben und fand sich mit Hilfe der anderen Mädchen bald in ihrem Dienstverhältnis zurecht.
Tines Herrin war eine junge Hamburger Großkaus- mannsfrau mit hellblauen Augen, glatt zurückgestrichenem, hellblondem Haar und einem Teint tvie Milch und Blut. Es war eine "sehr junge und sehr tüchtige Hausfrau, die ihre Dienstboten gut anlernte und das Hauswesen wie an einem Schnürchen lenkte. Sie behandelte ihre Leute nicht unfreundlich, das Essen war gut und reichlich, die Arbeit den Kräften angemessen, und um die Privatangelegenheiten
—- D-°nt-prt kümmerte sich Frau Lüders nicht.
Tine war es ganz recht so. Die durfte wieder arbeiten nach Herzenslust, brauchte nicht zu sorgen, was gekocht, wann gewaschen werden sollte. Niemand fragte fier „Was soll ich tun? Wie soll ich dies und das machen?"
Sie „tat, was ihr aufgegeben, sie aß, was ihr gereicht wurde, und ihr Mut hob sich.
Anfangs ging sie ungern auf die Straße, weil sie fürchtete, es könnte ihr jemand aus der Heimat begegnen. Nach und nach verlor sich auch dies Gefühl; Hamburg war ja so groß.
Es . war ihr nur. peinlich, wenn ihr manchmal ein Herr dreist ins Gesicht sah, sie dachte dann jedesmal, es wäre vielleicht jemand von der Polizei, der sie suchte, uud sie wurde glühendrot und lief schnell, daß sie davonkam. Daß man sie wegen ihres lieblichen Antlitzes und ihrer herrlichen, braunen Augen ansah, fiel ihr nicht ein.
Sie dachte oft an Spättnghof und an Jan. Sie stellte sich im Geiste vor, wie er jetzt ohne, sie glücklich und zufrieden lebte, und in der Gewißheit, ihm zuliebe ein Opfer gebracht zu haben, fühlte sie sich zufrieden.
Da kam die Zeit, vor der sie sich gefürchtet hatte, die Zeit, da sie ihren Dienst verlassen mußte.
Sie ging zu der Mietfrau, uud diese wußte sogleich
«Ja, ja," sagte sie, „ich dachte schon, daß Sie bald kommen würden, ich erwarte dieser Tage noch ein paar Mädchen, denen es so geht. Ich will Sie schon unterbringen. Behalten Sie Ihren Mantel man an, ich gehe gleich mit Ihnen. Znerst gehen wir zu Fräulein Petersen, und wenn die ihre Stube nicht frei hat, gehen wir weiter zu Frau Leidig. — Fräulein Petersen wohnt ganz, in der Nähe."
„Ich möchte nicht gern zu einem Fräulein," meint« Tine, „die sind immer so fein."
„Ach, Fräulein Peteren ist nicht fein, eher grob; aber Si ist 'ne gute Seele. Sie ist so 'ne Art Mhersch, hat ’ne ohnung von zwei Stuben und Küche; es sind aber man kleine Löcher. Früher hat sie mit ihrer Schwester, zusammen- gewohnt; sie haben beide genäht. Bor ein paar Jahren hat sich, die Junge verheiratet mit 'nem kleinen Beamten; das heißt, er ist groß genug, hat aber man 'ne kleine Stelle. Na, nun vermietet sie ihre Stube, wenn es so paßt, aber nur an anständige Mädchen. Sie kann ja die Groschens brauchen, und sie weiß auch mit alles Bescheid. Aber wie gesagt, jedeeine nimmt sie nicht bei sich ein. Ra, mit Ihnen hat das keine Nv. Sie sind ja eine Frau. Bloß eilt bißchen wunderlich ist sie, aber daran gewöhnt man sich." —
(Fortsetzung folgt.)
Die Gsmanen.
Aus der Geschichte ihrer Herrschaft.
Von Dr. Ernst Rieding er.
Nachdruck verboten.
Wieder einmal, wie schon so oft, sind schwere Tage übd« den Staat und die Dynastie der Osmanen gekommen. Die' berühmte Schlangensäule auf dem wunderbar an der Hagia Sofia gelegenen Hippodrom und der Achmed-Moschee, von der die Sage behauptet, daß sie einst den Dreifuß der delphischen Pythia getragen habe und mit dem von Herodot erwähnten Weihgeschenk nach der Schlacht von Platää identisch sei, ist Augenzeuge von Dingen geworden, wie sie für


