Ausgabe 
10.5.1909
 
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Ja, Amerika ist doch mächtig groß, haben Sie beim keine Verwandten dort?"

Nein, ich dachte ich könnte da dienen."

Können Sie denn schon ein bißchen Englisch? Das müssen Sie zuerst lernen."

Ich hin man so hartlehrig", versetzte Tine.

Na, denn bleiben Sie man lieber hier, denn sind Sie in Amerika verraten und verkauft. Brot wird ja allent­halben gebacken."

Suchen Sie sich doch lieber 'ne Stelle in Hamburg", redete ihr jetzt das älteste der ihr gegenübersitzenden Mädchen zu. Sie erzählte weiter, wie gut sie es gehabt hatte, als sie vor einigen Jahren in Hamburg in Stellung gewesen war.Die Arbeit ist leicht," sagte sie,und es gibt feine Geschenke und hohen Lohn."

Ja, Hamburg ist eine schöne Stadt", pflichtete das andere Mädchen bei.

Ja, aber ich kenne keinen Menschen dort", meinte Tine kleinlaut.

Ich nehme Sie mit zur Mietsfrau)" sagte das Mädchen, dann haben Sie morgen schon eine Stelle, und nacht- bleiben können Sie auch bei der Frau." .

Das leuchtete Tine ein. Ja, warum mußte sie absolut nach Amerika? Warum sollte sie nicht in Hamburg bleiben, wenn es so viel Umstände machte, nach. Amerika zu kommen, wenn es dort nicht einmal schön war! .Hamburg war ja eine große Stadt, da würde sich gewiß kein Mensch um sie kümmern.

Ehe die große Elbftadt mit ihren Türmen und Masten sichtbar wurde, war Tine schon mit sich im reinen: sie wollte in Hamburg bleiben.

Als Jan am Nachmittag vom Husumer Wochenmarkt nach Hause fuhr, ging ihm mancherlei durch den Kopf. Er war so in Gedanken versunken, daß er ganz überhörte, was die Großdeern ihm vom Butterverkauf, vom Handeln und Feilschen der Frauen erzählte.

Die Schweine waren verkauft, das Sparkassengeld ab­gehoben. Tine war fort, Hans und Hof/in bester Ordnung, jetzt war seine Zeit gekommen, jetzt ging es fort in die weite Ferne.

Jan Thomsen hob den Blick. Er spähte scharf nach dem fernen Westen, aber kein Segel zeigte sich.

Wir bekommen bald Schnee", meinte die Großdeern.

Jan antwortete nicht. Seine Gedanken spannen sich weiter fort. Heute noch wollte er nach Hamburg schreiben wegen der Ueberfahrt. Dann wollte er noch einmal zu Kantors, noch einmal, bevor er der Heimat den Rücken drehte, wollte er Frauke in die klaren blauen Augen sehen. Und dann ja, der Brief war noch nicht fertig, der Brief an Tine, den er am Tage seiner Abreise an sie abschicken wollte, aber noch heute sollte er fertig werden.

Der Wagen fuhr in die Trist ein. Jan hielt einen Augenblick, damit die Großdeern absteigen und das Hecktor

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Spätinghof.

Roman von K. v. d. Eider«:

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Endlich saß sie drinnen, in einem Frauenabteil dritter Klasse. Ihr Paket hatte sie auf dem Schoß, das Bündel lag in einem Netz über ihrem Kvpfe. Ein befreiender Atem­zug entrang sich ihrer Brust.

Sie blickte zum Fenster hinaus. Doch rasch fuhr sie zurück in ihre Ecke: dicht am Zuge vorbei gingen zwei Bauern aus Witzwort.

Es stiegen noch zwei Frauen zu ihr in den Wagen, aber es war niemand darunter, den sie kannte. Endlich fuhr der Zug ab. Unterwegs sank Tine doch ein bißchen der erzwungene Mut. Fremde Leute stiegen fast bei jeder Station ein und aus. Manche waren neugierig, andere gleichgültig.

Neben ihr stieg eine junge Frau mit zwei Kindern ein, ihr gegenüber saßen zwei Dienstmädchen, die sich in Hamburg einen Dienst suchen wollten. Mit diesen Leuten fuhr Tine eine längere Strecke zusammen.

Nach und nach! wurde man bekannt. Die junge Frau z-eiste nach Newyork zu ihrem Manu. Sie erzählte, was ihr Mann ihr von Amerika geschrieben hatte: wie viel Rot und Elend es dort gäbe, wie schwer es ihm geworden wäre, Arbeit zu finden, und daß er schon gut Englisch sprechen könnte.Er konnte aber auch Hochdeutsch wie ein Pastor", fügte die Frau hinzu. Freude und Sorge sprachen aus ihrem abgehärmten Antlitz.

Die Kinder wurden ungeduldig. Das älteste bekam einen Klaps, und als es dann noch mehr schrie, einen halben Wecken, den es tränenden Auges in den Mund stopfte. Das Kleinste stillte die Frau au der Brust. Tine stellte schüchterne, ängstliche Fragen. Ob alle Leute in Amerika Englisch sprächen, ob man dort auch Dienstdeerns brauchte, ob es in Amerika viele Mörder gäbe.

Ja," meinte die Frau achselzuckend,das glaube ich wohl. Wenn in Amerika einer totgeschlagen wird, da kräht kem Hahn nach. Und arbeiten müssen die Menschen, daß sie Blut schwitzen, und dann auf Stroh schlafen und dabei knapp das trockene Brot."

Ach Gott!" entfuhr es Tines Munde.

Ob es dort Dienstdeerns gibt, weiß ich nicht. Mein. Mann hat nichts von Dienstdeerns geschrieben, aber Englisch muß jeder können, sogar die Packtrüger."

Tine schwitzte vor Angst. In ihren Augen war Amerika jetzt ein Land voller Räuber und Englisch sprechender Pack- träger.Ich wollte auch eigentlich" nach Amerika", sagte sie zaghaft.

Wo wollen Sie denn da hin?"

Das weiß ich nicht."