226 —
folget* Hering, der würde mich fitrieten. Aber ihr kümmert ench ja nicht um mich. — Ein salzer Hering!"
Durch die Wohnstubentür guckte bic' alte Lehmbecksche, Mamsells treueste Milchkunbin, herein.
„Ach, bu liebe .Zeit, Mamsell," rief sie. „Sie können mich dauern. Sie sehn ja aus, als wenn Sie schon brei Tage unter die Erbe gelegen hätten. Nein, wer hätte bas gedacht, Has; Sie so schnell daran glauben müßten; sie waren ..."
„Ich bin ja noch nicht tot!" schrie Trienlieschen mit »o lauter Stimme, daß sie selbst darüber erschrak. „Wartet doch man die Zeit ab!"
Lehmbecksche retirierte in größter Eile nach, der Kirche. „Gott beivahre," sagte sie zu Wiebke, „die hält's mit dem Denker, ich sag' nichts, weint sie sich nicht noch mal herans- rappelt. Dieser Schlag Leute ist zäh. Ich sag' nichts!"
Bei Mamsell Fant jetzt doch der Gedanke an den Tod. Er kam im in er wieder und ließ sich nicht abweisen. Während ;te, das Gesicht der Wand zugekehrt, die rotkarierte baum- ivollene Bettdecke bis über die Ohren zog, grübelte und überlegte sie. Immer finsterer wurden ihre Gedanken; ihr .Geist arbeitete fieberhaft.
Boni Doktor wollte sie noch immer nichts wissen; sie hegte kein Vertrauen zu der ärztlichen Kunst.
„Totbleibeil kamt ich auch ohne Doktor", sagte sie.
„Aber dem Pastor Föimt ihr mal Bescheid sagen."
„ Der Pastor wurde geholt. Wenn der alte gutherzige Herr aber annahm, daß Mamsell ihr Herz vor ihrem Tode erleichtern und Frieden mit ihrem Herrgott schließen wollte, dann hatte er sich getäuscht. Die' Kranke hatte nichts anderes tut Sinn, als ihr Testament zu machen, ttnd da Pastor Reimers öfters bei dergleicheit Anlässen geritfen wurde und in der Abfassung vvit Testamenten eine gewisse Uebung besaß, so schickte sie zu ihm.
Wohl einige Stunden saß der in feinem Amte ergraute Mann an dem Krankenbette, und alle seine Einwendungen, all sein Kopfschütteln fruchteten nichts. Es wurde ein Testament, so wunderlich und heillos, luie es nur in dem Kopfe dieses unseligen Weibes entstehen konnte.
Der Hauptpassus lautete: „Im Falle ich sterben sollte, wahrend die Kühe auf der Fenne sind, bekommt Jakob Thomsen den Hof mib alles, was dazu gehört; sterbe ich aber zu der Zeit, da die Kühe im Stalle sind, fällt der Hof mit allem Zubehör an Johann Thomsen. Derjenige von ihnen, der leer ausgeht, bekommt 1000 Taler, die auf der Stadtsparkasse in Husum stehen, und außerdem nur, was ihm der Erbe noch aus freien Stücken gibt."
So ungefähr laiitete das Testament, das von der Alten, dem Pastor und einigen rasch herbeigeholten Nachbarn Unterschrieben imtrbe.
Als alle gegangen waren, legte Trienlieschen sich zu- frieden in ihre Kissen zurück. Jetzt mochte der Tod kommen, sie hatte ihr Werk vollendet, das klügste Werk ihres Lebens. Sie hatte keinen benachteiligt; sie hatte sich eine Waffe geschmiedet, die ihr Leben erhalten und verlängern sollte Ein Grinsen überflog ihre Züge Sie dachte an ihre Kühe, die ihr mehr wert waren, als die Menschen. Die Kühe sollten das Geschick der Menschen bestimmen.
-> t&Wi Neffen sprach sie offen über ihr Testament. Zu Jan sagte Jie: „Das Testament habe ich deinetwegen gemacht, weil du bei mir geblieben bist. Teilen läßt sich der Hof nun mal nicht; aber dein wird er darum doch Ich sterbe tnt Winter, paß auf! Ich kann die Kälte nicht vertragen. Es kommt ja auch nicht darauf an. ob ich sie eimge nage früher hereinnehme. Ich sorge schön für dich, daß du den Hof kriegst." 1
..... Jak redete sie anders, als er mit finsterer, drohender Miene an ihr Bett trat. „Entweder sterbe ich im Frühjahr oder tut Herbst," sagte fic, „bann sterben ja meistens
rÄeutC;- ?u W ja immer Glück, bn sollst sehen, du trtegst den Hof." ‘ 1 ’ '
*'rtj3te Jak barsch. Er war in äußerst w ^aitu.ei, diesmal war er dem finsteren, listigen Weibe doch nicht gewachsen.
Wh in ihre Bettdecke hinein. „Ich
J’Vfe a2nat e '«-ac()te ,u\ --Jetzt wird mir keiner \ Einer Nnrd ben anderen bewachen.
J/W toird arbeiten und sorgen, daß der Hof instand .chüh pflegen und mein Leben zu er- halten suchen, bis feine Zeit zum Erben kommt. Jetzt
ist Jak an der Reihe, er wird mich schon über den Winter hiiiwegbringen, damit er mich im Sommer beerben kann us'd den Winter über pflegt mich Jan. Ja, es ivar die höchste Zeit, daß ich etwas tat. Auf fremde Leute ist in solchen Zeiten kein Verlaß, das sehe ich an der Wiebkedeern* ihretwegen konnte ich umkommen. Wer die Jungens, die habe ich jetzt am Tau." ' e
, Fs schiett wirklich, als hätte die Alte recht; als hätte I"h stak überlegt, wie schlecht es um ihn stünde, wenn die Me letzt im Winter stürbe und er mit ein paar tausend aJcart baren Geldes davongehen sollte. Er bekümmerte sich setzt mehr als sonst um £ie Kranke: er brachte ihr an den: nächsten Markttage aus der Apotheke in Husum Bruch tee, und Brustzucker mit. Wiebke mußte heißen süßen Tee kochen und ent Süppchen bereiten, wie es kleine Kinder nach der Entwöhnung bekommeii.
sie nur jetzt nicht stirbt," dachte er, „nachher will ich die Karre schon lenken."
. , z Auch Jan kam der Gedanke: „Wie, wenn die Tante! setzt stürbe?' Er nahm sich vor, falls ihm der Hof zufiele, dem Bruder außer dem Sparkassengeld alles zu neben, was sich auf dem .Hofe entbehren ließe, nnb ein paar von beit besten Fen,teil nnb bic Hälfte des Viehes bagtt, bamit jjat auch fein Fortkommen fände. Ihm, der so ein zügelloses Temperament besaß, der stets geherrscht, nie eigentlich gedient hatte, würde es schiverer als Fan fallen, sich fremden Leuten unterznordtten.
r ipat jedoch eine Wendung zur Besserung ein. Der
Husten ließ nach; nur der Appetit wollte sich, noch nicht eiiistelleii. 1 1
„Ein salzer Hering! Ein salzer Hering mit Senf/« knurrte die Tante, „der wird mich kurieren!"
„Ich muß ihr den Willen tun", dachte Jak. „Wenn sie eine Gier darauf hat, hilft es ihr vielleicht."
„Sei still," fuhr er sie an, „ich hol dir ben Hering."
--Aber einen milchernen", sagte sie. llnb als er schon an bet wur war, schrie sie noch so laut sie konnte: „Such bir ben allergrößten aus!"
_®er Hering wurde gebracht. Mamsell aß ihn uutev Makeln und Schelten.
1 . --Hu, ich lass' mich nicht unterkriegen. Klein ist er man. Nein, den Gefallen tu ich ben Leuten nicht. Der Kopf ist halb ab. Haha, totbleiben? Ne, ber salze Hering bringt mich wieder* in Schick. Greulich schmeckt er! Ha, ich fühl' mich schon halb gesnnb! So'n alter, überjähriger Hering! Die Mannsleute lassen sich immer alles anschmieren."
Mamsell saß aufrecht im Bette nnb kaute. Sie aß noch einen Happen Brot, um ben Geschmack loszuwerben, und trank drei Tassen Tee, weil der Durst sie heftig plagte. In ber Nacht schwitzte sie sehr, nnb am nächsten Tage fühlte sie sich bedeutend Wohler.
' Sie erholte sich wirklich. Es schien, als ob ihre eiserne Willenskraft die Krankheit unterjochte. Einige Tage darauf i/v ise schon, die Feuerkieke unter ben Füßen, in ihrem Lehnstuhl, nnb acht Tage später kroch sie schon wieber int Hanse umher.
„Ich lasse mich nicht unterkriegen!" sagte sie mit trium- phierendem Blick. „Ich heiße Trienlieschen Goos!" , . „Sie hat ihre Seele bem Teufel verschrieben," sagten die worffeilte. „Dafür läßt er sie noch ein paar Jahre leben." ' T .
Jul- l>er in der letzten Zeit mit finsterer Miene umher- gegaitgen lvar, iunrbe wieder besserer Laune. Wenn nur erst der 12. Mai da wäre, der Tag, an dem nach althergebrachter witte die Kühe auf die Weide getrieben wurden, dann war es ihm egal, was aus dem alten Weibe würde, ^aun mochte sie seinetwegen in die Graft fallen, er würde teiiieu Finger rühren, um sie heraüszuziehen.
Jan machte sich weniger Sorgen des Testamentes wegen. „Wie es kommt, so kommt es," dachte er. „Weirn es nicht anders sein kann, nehme ich die tausend Taler von der Sparkasse und pachte mir eine kleine Landstelle mit ein paar Kühen nnb Schafen. Knapp wird es wohl werden, denn, ^ak wird mir gewiß nicht eine Katze zugeben. Tüchtig arbeiten müssen wir dann wohl; aber Frauke wird sich schon U.1 Ä*es ftnden!" Obgleich zwischen Franke und ihm nie ein Wort über ihre Liebe und über die gemeinsame Zukunft gefallen war, war er ihrer doch so sicher wie seiner selbst.
(Fortsetzmig folgt.)


