Ausgabe 
10.3.1909
 
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den Häusern von feiten der Aufrührer geschossen wurde, so begnügte man sich jedoch, nachdem man in feie Gebäude eingedrungen war, dieselben zu verhaften.

Ter Angriff gegen die vom Schloßplatz aus vorliegende Barrikade in der Breiten-Straße begann erst, als es schon völlig dunkel geworden war. Auch hier eröffnete feie Ar­tillerie den Kampf, und einige Granaten flogen ab. Dann ging unmittelbar darauf ein Bataillon von Kaiser Franz- Major Falkenstein, in der Breiten-Straße vor, ihm folgte das 2. Bataillon 1. Garde-Regiments, Major Kleist. Es dauerte nicht lange und feie Verbarrikadierungen waren genommen, nicht ohne einzelne Opfer von seiteii des Mili­tärs, denn feie Jnsurierten schossen zuweilen meuchlings aus Verstecken, aus Kellerfenstern und Dachluken. Es gab manchen Blessierten. Am hitzigsten war der Kampf bei feer Wegnahme des Kölnischen Rathauses, !vo manchein Auf­wiegler der Garaus gemacht worden, man sprach von 16 Leichen, welche man daselbst gefunden. Sonst wurden bei dieser Gelegenheit viel Gefangene gebracht; die Grenadiere- brachten sie einzeln nach dem Schloß augeschleppt, wobei es manchen Kolbenstoß gab, wovon mitleidige Seelen bei Hofe die Soldaten abbringen wollten.

Der alte Prinz Wilhelm (Bruder Friedrich Wilhelms III.) stand während dieser Vorgänge, umgeben von seinen beiden Söhnen, Prinz Adalbert und Waldemar, auf dem Schloß­platze und schaute dein allen anscheinend mit großer Ruhe zu. Plötzlich ging ein Schuß über unsere Köpfe weg und schlug in ein Fenster des Schlosses ein. Wie wir nachher sahen, hatte feie Kugel das Krügersche BildDie große Pa­rade" getroffen, und nach feer Oeffnung, welche die Fenster­scheiben hatten, konnte man deutlich die Linie verfolgen, wonach feer Schuß von einer gewissen Dachluke am Schloß­platz ausgegangen fein mußte.

Tas Sturmläuten von den Kirchtürmen horte feie ganze Nacht nicht auf, auch sah man au verschiedenen Pnnkten Feuersäulen emporlodern.

Der Kampf wurde aber für feie Truppen überall siegreich fortgesetzt, gegen Morgen war man int Besitz der Königs­straße, des Stadtteils bis diesseits der Spree, feer Sinfeen zum Brandenburger Tor und der Schützeustraße bis zum Potsdamer Tor. Nur ein Fall ist vorgekommen, wo feie Truppe nicht ihre Schuldigkeit getan, und zwar eine Kom­pagnie der auswärtigen Infanterie, welche in der Fricferichs- stadt sich schlug, indem sie nach einer Barrikade vorzugehen verweigerte. Zufällig war in diesem Augenblick Adjutant Graf Münster hier erschienen, der Hauptmann hatte il)m geklagt:Denken Sie, wie es mir geht! Tie Kompagnie ivilt nicht vor." Darauf hatte Graf Münster den Degen gezogen Und die Kompagnie auf feie Barrikade geführt und sie ge­nommen."

Im Schloß.

Zn den Zimmern und besonders in feer Halle des Monarchen sah es, wie man in einem so verhängnisvollen Moment denken kann, auch sehr bewegt aus; feer König schien aber zu dem festen Entschluß gefommcn, nunmehr ein kräftiges Handeln dem revolutionären Treiben eutgegen- zusetzen. Leider gestaltete er an diesem Tage sehr vielen Personen Gehör, die feen Monarchen mit Vorstellungen nnfe Ratschlägen bestürmten. So sprach Viitcke und Fürst Lich- nowsky zum Könige; sie rieten zum Nachgeben; es sei keine Erneute, es sei der Ausdruck fees allgemeinen Volkswillens. Auch Gras Munn hatte gesagt:Mit Bajonetten können Eure Majestät nicht mehr regieren." Auch erschien eine Depu­tation, an feer Spitze feer greife Bischof Reau der in voller Amtstracht (mit ihm der Buchhändler Tr. Gumbinner, feer Ar. Loewe, feie Bezirksvorsteher Lademann und Ring und der Stadtverordnete Reimer). Der Bischof sagte ungefähr so:Zu Eurer Majestät Hauptstadt fließt Blut, Allerhöchst- dieselben wollen diesem Einhalt gebieten nnfe befehlen, daß das Militär zurückgezogen werde und nach den Kasernen abrücke." Der König erwiderte darauf, daß zuerst das Volk die Stellttitgen ansgeben möge, er wolle alles bewilligen, äder nur der Bitte, nicht der Gewalt."

Unmittelbar darattf aber wird erzählt, wie feer König, den man vergebens zur Abreise nach Potsdam zu bestimmen versucht hatte,in diesem Moment schlecht ßeraten war und schon wieder einen andern Entschluß gefaßt hatte." Sy iväre es gekommen,daß der Monarch mehr feen Einge­bungen seines Gemüts und Herzens folgte und feie unglück- lichs BekanntmachungAn meine lieben Berliner" selbst redigierte, feie feer Professor Hensel nach einer Buchdruckerei beförderte, feie im Rayon feer Jnsurierten lag." Der 19. März brachte daun neue Unterhandlungen, feeren Folge der Befehl an die Truppen, sich aller Feindseligkeiten zu enthalten, nnfe feer Abmarsch, feer Truppen aus Berlin war.

D as L ei ch e nb eg än g n is.

Von feen Ereignissennach feer Katastrophe" sei nur noch das Leichenbegängnis der im Kampfe gefallenen Bürger hervorgehobeii:So ging feer Zug am Schlosse vorüber, wo Seine Majestät der König jedesmal auf feem Balkon erschien, sobald die Särge vorbeikamen nnfe dieselben durch Ab- nehmen fees Helms grüßte. Auch feie Bürger in feem Zuge nahmen feie Hüte ab und grüßten ehrerbietig. Es war eine merkwürdige Ruhe und Ordnung bei diesem Leichenbegäng- nis, selbst auf dem Platz fand gar kein Drängen feer Ziv- schaUer statt, wozu sonst der neugierige Berliner so sehr geneigt ift. Ich befand mich mit den Umgebungen fees! Königs an den Fenstern des Sternsaals. Wenn eine Ab- teitung Särge vorüber war, so trat der König wieder itt feen Saal vom Balkon hinein und stellte sich feann öfters! feiuter uns, um zu sehen und nicht gesehen zu werden.

war hier davon feie Rede, daß man zuerst verlangt; höbe, daß das Militär (das Regiment Alexander) ein Spa­lier zu dieser Feierlichkeit bilden sollte; es tourfee möglich, feieS zum Glück noch abzulehnen und dagegen des Königs Erscheinen zuzusichern.

Nachdem dieser, nicht zu leugnen, großartige Leicheu- zug vorüber toar, dinierte feer König; es saufe in der .Halle statt, wozu ich auch befohlen toar . . ." C. W,

Gustaf af Geijerstam.

..Test' Tod hat feen großen nordischen Erzähler Gustaf af Gerjerstam mitten aus feem Schaffen feiner gereiften,1 :st0nnesjahre hinweg gerissen. Uns Deutschen Ivar dieser schwedische Dichter so nahe vertraut und so liefe geworden, boß toir ihn Wohl zu feen Unseren rechnen mochten. Seins Meisterwerk, der wundervoll klagende Saug vomBrüder­chen", traf mit feiner tiefen Todessehnsücht und seiner melancholischen Seeleulyrik auf verwandte Seiten unseres deutschen Fühlens; neben Hermann Bang erschien er als feer berufenste Erbe jener hohen künstlerischen Tradition des Romans, feie Ionas Lie begründet und zurückgelassen. Gerjerstams Dichtung führte ihn tief nnfe immer tiefer hu lei ii in die Labyrinthe und Dunkelheiten der Seele; ganz! nach innen, zu feen dunkeln Pforten fees Unbewußten und kaum Geahnten führte ihn sein Pfad. So ist er zn dein Poeten des Todes und feer Ewigkeit geworden, zu feem Ge­stalter jener lautlosen geheimen Kämpfe, die grausamer und quälender sind als alles körperliche Leiden, zum Ver­künder jener schweigenden Stimmen feer Menschenbrust, feie feie Rätsel des Lebens erzählen, zum Schilderen feer Ab­gründe, feie sich jäh int Gemüt auf tun nnfe durch die Herzens ans einig geschieden werden.Der Kampf der Seelen" ist feer Titel eines seiner Romane, und solch aufreibende, in lant- loser Stille erbarmungslos geführte Seeleukämpfe bilden den Stoff seiner ergreifeudsterl Erzählungen. Wie auf Bil­dern nordischer Maler, feie ihm in feer Stimmung verwandt infe, besonders Hanimershois, sind seine Menschen von feenil gespenstischen Helldunkel eines ganz in sich gekehrletr Trän- meus umspielt; sie leben und lieben zusammen, aber in seinem Innern trägt jeder fein Heiligstes selbst, das feem anderen fremd ist, nnfe urplötzlich merken sie, daß sie allein stehen, weltenfern von feem, feer ihnen am nächsten war, mit; mit verzweifelter Sehnsucht streben sie, Brücken zu schlagen, über feie Klüfte des Innern nnfe können einander doch nw finden und trauern nnfe sterben. Sie haben alleeine/* kranken Punkt, der nach innen blutet.;"

Zu einer langen Entwicklung hat sich Geijerstam zu dieser Verinnerlichung, zu dieser nur in dem Zwischenreich des Gefühls sich entfaltenden Psychologie Lurchgeruna-^