Ausgabe 
10.3.1909
 
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.Immer streifte er verstohlenen Blickes die roten, schön ge­schwungenen Lippen. Warum' kachelte sie so m'itbc ? Das Lächeln Hätte etwas Aufreizendes, Lockendes. Er musste sie küssen. Den ganzen Weg schon dachte er an. nichts anderes. Nnr einmal! Es war ja Karncvalsrecht, das zu nichts verpflichtete, nichts be­deutete. Auch keinen Treubruch gegen seine kleine Helene. Wie skrupellos waren andere darin, junge Bräutigams, Ehemänner, wie vst hatte er cs im Manöver miterlebt, wenn da jeder Kutz Hätte eine Treulosigkeit sein sollen', o weh!

Tie Gartenpforte klirrte, sie waren nm! Ziel.

Trotz der noch frühen Abendstunde war die vornehme kleine Pcnsioiisvilla schon verschlossen, das Licht gelöscht.

Heut dauerte cs ein Weilchen, ehe Hans von Hassingcn das Schlüsselloch fand, es kam' davon, weil seine Hand zitterte. Die junge Frau stand schweigend zur Seite. In der Stille hörte inan deutlich, daß sie Hastig und gepresst atmete, als ob sie etwas beängstige. Einmal räusperte sie sich leicht.

Endlich drehte sich der Schlüssel knackend im Schloß, die Wr öffnete sich mit leise knarrendem Geräusch.

Tie junge Fran trat rasch auf die oberste Stufe und ivollte wieder das elektrische Licht entzünden, aber Hassingcn hielt ihren alisgestreckten Arm fest.

Was tun Sie, Hans?" stammelte sie, bemüht einen scherzen­den Ton anznschlagen.

Bon der Straße drüben fiel greller .Lichtschein über ihr reizendes, erblaßtes Gesicht, aber die Augen, in denen er sich spiegelte, strählten warm und zärtlich.

Tas gab dem Manne den Mut, den Arm um die biegsame Taille zu legen, aber als er sich zu den. roten, verführerisches Lippen Herabneigte, durchblitzte ihn im Fluge einer Sekunde der Gedanke, die junge Fran könne seine Kühnheit als Nichtachtung Auffassen, und er fragte leise:

Darf ich, Lena?" ,> lind ebenso leise kiangs zurück.

Weil Karneval ist, Hans, Rosenmontag."

Und sie küssten sich. Aber cs Ivar nicht der flüchtige Kuß, der zu nichts verpflichtet, der nichts bedeutet, es war ein langer, sehnsüchtiger Kuß, einer von denen, die ewig sortbrenncn und auf ewig binden.

" XII.

Hans von Hafsingcn erwachte am anderen Morgen mit schmer­zendem Kopf und wirren Sinnen.

Er hätte einen regelrechten Kater, obgleich er, der immer Mäßige, auch gestern in Mainz viel weniger als alle anderen getrunken hatte.

Leine Lippen 'waren vertrocknet, im, Munde ein ekler, pappiger Geschmack, hinter der Stirn ein Gefühl von Tumpfhcit und Schmerz.

Es war wohl auch ein moralischer Jammer, der den physischen Verstärkte. Ans dem Nachttisch lag' neben der schäbigen Brieftasche das noch in Neuheit glänzende Portemonnaie, das er vor kurzem zu seinem Geburtstage vonMuttern" erhalten hätte.

Es war seit gestern um zwölf Mark leichter geworden, neun Mark hätte allein die Zeche im Koblenzer Hof betragen, er hatte sie ohne Wimpernznckeu gezahlt, die anderen hatten cs sehr billig gefunden - er auch.

Für ihn waren es vier Theaterbesuche weniger. Wie alle Menschen, die ihre Mittel peinlich genau einteilcn müssen, rechnete er den verausgabten Betrag gleich in Werte um. lind diese: vier verlorenen Theaterabende schienen ihm ein zu hoher Preis für den Rosenmontag in Mainz.

Als ers gedacht, flog lichte Röte über seine Stirn.

Es war ein Häßlicher Gedanke gewesen. Lena von Rieding hatte ihn nicht verdient, hatte auch nicht verdient, daß er, ihn denkend, zur Heuchelei stempelte, was gestern doch wahres Emp­finden gewesen.

Bei der Fahrt nach Mainz, beim: Bummel durch die Straßen, allem mit ihr im Trubel der Messe und auch später noch hatte er sich sehr glücklich gefühlt, hatte nicht einmal seiner kleinen Helene gedacht Ter Mißmut war erst gekommen, als die reizende Iran auch anderen znlächelte, war wieder verschwunden int Mo­ment des Alleinseins mit ihr. War er eifersüchtig gewesen? Er sagte sich,'s. ehrlich, daß cs beinah so aussah. Oder wars nur verletzte Eitelkeit, geheimer Aerger, daß andere sich Rechte anmaßten an der Tarne, die nach «(teilt Brauch im .Karneval mir einen zu ihrem Ritter schlagen durfte. Taß lie ihn dazu erwählt, hatte sie ja oft genug Nezcigt. Sie bevorzugte ihn, jeder konnte cs bemerken, aber es -lag zu viel Offenheit unb Unbefangenheit in ihrer Gunstbezengung, um schwerwiegende SWisse daraus zu ziehen.

Rur der Küß gab dein, jungen Dssizicr zu denken, .dieser

Kuß, dessen, Brcuncu er noch jetzt spürte, daß sein Blut answälkte und feilt Herz rascher pochte.

So küßt eine Lena von Rieding keinen Mann', der ihr nur eine flüchtige Karneva(staune ist. J

Aber was konnte er ihr anders sein? Dieser verwöhnten, eleganten, reichen Weltdame, er, der arme Infanterie-Leutnant, der nichts hatte als seinen Degen und sein unbeflecktes Wappen­schild

Ter kleine Artillerist hätte so leichthin von einer Möglichkeit gesprochen, vor der ihm schwindelte, die fr fast angstvoll von sich abwies.

Seine arme kleine Helene mit ihrem felsenfesten Vertrauen und der unbewußten Leidenschaftlichkeit ihres Wesens. Wie durste er nur daran denken, ihren Platz in seinem Herzen oder auch nur an seiner Seite könnte eine andere einnehmen. Sie würde cs ja nicht überleben, das arme Ting, jetzt noch nicht. Erst mnsstcn die Kräfte zermürbt werden im vergeblichen Warten, dann brach ein junges Herz lautlos und unbemerkt, hätte nicht mehr das Aufbäumen, das vom raschen Entschluß zur verzweifelten: Tat die Brücke schlügt.

Helene Falk fühlte sich zu unglücklich und fremd unter den! Ihren, in deren geschäftigem', dem Erwerb nachhastendcu Kreise sie die Verträumte, Untätige war, seit die Liebe zu Hans Hassingen ihr jedes Interesse an der übrigen Welt genommen hatte.

Schied er plötzlich ans dem Bereich ihrer Zutunftshoffnungen, so wyr sie wohl dazu fähig, in der jungen Kraft der Empörung aus dem Labyrinth des Lebens in ein friedlicheres Reich zu, flüchten. Dem Manne war ja erst aus ihren Briefen klar ge­worden, wie leidenschaftlich dieses junge Geschöpf fühlte.

Es war ihm je nach seiner Stimmung beglückend und be- ,ängstigend erschienen.

(Fortsetzung folgt.)

Ans den Berliner Märztagen.

Aufzeichnungen des Grafen Eduard, v. Waldcrsev. lSchluß.)

Angriff auf die Barrikade n.

Nach einer genauen Darlegung der Anordnungen bei den Truppen wird der Angriff auf die Barrikaden im einzelnen geschildert:Ter Kampf war also beschlossen und nach der Lage der Dinge unvermeidlich. Es mochte i/2ö Uhr nachmittags sein, als er begann. Nachdem als voran­gehende Aufforderung zum Anseinandcrgehcn ein drei­maliger Wirbel von den sämtlichen Bataillons-Tambours gegeben worden war, wurde ein Geschütz auf der Langen Brücke plaziert und eine Granatladung abgefeuert. Gleich darauf rückte das Füsilier-Bataillon des 1. Garde-Regi­ments in Augrifsskolonne in der Königstraße vor, wurde aber schon durch eine Barrikade an der Heiligengeist- Straßenecke aufgehalten und erhielt Feuer ans den Fenstern der ncbenliegenden Straßen, während die Barrikade selbst unbesetzt war. Um die Aufwiegler zu delogieren, schlug man daher die Haustüren ein, drang in die Häuser und stieß, alles, was mit den Waffen in der Hand' gefunden wurde, nieder.... So wurde eine Barrikade nach der andern genommen; man gelangte aber erst, als es finster wurde, zum Alexanderplatz, wo nun auch die Frankfurter Ba­taillone unter einem Kugelregen eintrafen. Gefangene hatte man hier in der Königsstraße wenig gemacht; die Sol­daten waren so erbittert, daß sie lieber kurzen Prozeß machten.

Während das hier vorgiug, war man auch an anderen Punkten vorgerückt: ein Bataillon des 2. Garde-Regiments in der Ober-Wallstraße bis zur Jägerstraße. Dasselbe war auf eine Barrikade gestoßen, zu deren Konstruktion man die eisernen Laternenstangen vor dem Gouvernementsgebäude mitbenutzt hatte; auch in den Fenstern des CafesZum Vater Rhein" hatte man Feuer erhalten. In diesem Hause wurde bei dieser Gelegenheit ein sich aus dem Fenster zeigen­des Frauenzimmer von einer Kugel tödlich getroffen. In dieser Zeit passierten den Schloßplatz einzelne Leute, die, als man sie untersuchte, Munition bei sich führten, also den 3nfuriertön dieselbe zutragen wollten.

Auf dem Gendarmenplatz war Las Regiment Alexander aufgestellt und nahm von hier aus allmählich die Barrikaden bis zur Leipziger- und Schützeustraße, und obgleich viel aus