91
gekehrt wäre, wtt dem Beter ein guter Sohu zu fei«, an seiner Seite zu arbeiten "
„Dann wäre ich nicht hier," unterbrach Haller mit klangloser Stimme.
„Du nicht hier!" rief sie betroffen. „O vielleicht doch! Ihr seid ja Altersgenossen! Ihr hättet euch treffen, hättet Freunde, Brüder werden können. Dcmke doch nur, wie schön das gewesen wäre! — Weißt du auch," sie blickte scheu zu ihm auf, „daß mein Bruder keines natürlichen Todes starb, daß er ermordet wurde?"
Er zuckte zusammen, als habe eine Natter ihn gestochen. „Ich dachte, er sei auf der .Heide erfroren?", kam xs mühsam von seinen Lippen.
„Ja, so hieß es, aber es war anders," sagte sie. „Ich habe noch zu niemand davon gesprochen, den 'Vater fürchtete ich zu sehr, und die Mutter wollte ich nicht betrüben, sie wies mich erregt ab, als ich einmal eine Frage danach stellte. Eine Magd, die zn jener Zeit bei uns war, hat es mir gesagt. Ecn Wanderbursche hat ihn erschlagen, nur ihm sein Geld zu nehmen, Und er ist straflos geblieben, das Gericht hat ihm nicht geglaubt, als er sich selbst an- geklagt hat. Der Vater hat auch geglaubt, daß mein Bruder erfroren ist, aber die Mütter soll wissen, daß cs anders ist. — Einen Menschen, der einem nichts getan, nmzu- bringen, bloß des Geldes willen, ist das nicht entsetzlich? — Du wirft mich für töricht halten," fügte sie hinzu, sich an Haller anschmiegend, „aber oft, ivcnn ein Fremder mir die Hand entgegenstreckte, hat mich der Gedanke beben gemacht, ob es nicht die Hand von nceincs Bruders Mörder sei, die ich berühre."
„Er hat die Tat vielleicht hart gebüßt!"
„Gebüßt? Er ist ja straffrei geblieben!"
„An der inneren Strafe kann er um so schwerer getragen haben."
„Ein Mörder bleibt er doch," sagte sie, leise in sich erschauernd.
„Gott vergibt jedem reuigen Sünder, und du könntest es nicht?"
„Vergeben?" sagte sie nachdenklich. „Vielleicht könnte ich das, aber ihn ohne Schauder in meiner Nähe dulden, nein, das könnte ich nie!"
„So hältst du es für unmöglich, daß ein edles Weib einem solchen Menschen in Liebe angehören könne?"
„Einem Mörder? Wie könnte sie das? Müßte nicht immer die Gestalt des Erschlagenen zwischen ihr und dein Gatten stehen?"-
„Wenn sie aber von seiner Schuld nicht wüßte, und er jeden Atemzug daran wendete, sie glücklich zu machen?"
„O, sprich nicht so!" bat sie. „Wie kann jemand einen andern glücklich machen, der selbst für immer vom Glück geschieden ist! Kannst du dir eine Ehe glücklich denken, wo der Gatte der Gattin nie den Grund seiner Seele erschließen kann, weil er eine Blutschuld darin trägt? Wenn sce dann doch davon erführe, müßte sie nicht wahnsinnig werden? — Du bist ganz blaß geworden," sagte sie plötzlich, ihn liebevoll betrachtend. „Warum sprechen lvir aber .auch von so schrecklichen Dingen, statt uns 511 freuen, daß Unser Gewissen rein ist?"
„Und wenn nun eine Schuld auf mir läge?"
„Eher würde ich mich selbst für schuldig 'hallen!" rief sie voll stolzer Zuversicht. „Ich iveiß nicht, ob es das dnnlle Geschick meines armen Bricders oder die glücklose Ehe meiner Eltern war, was mich ernster ins Leben sehen ließ, als andere junge Mädchen. Was dir aber zunächst mein Herz zuivandte, Geliebter, das war das schrankenlose Vertrauen' in deine Ehre, deine Güte, deine Tüchtigkeit. E glaube, eher ertrüge ich es, dich tot als von einer
-t.§u sehen!" Sie schlang ihre Arme leiden- schastlrch nm seinen Hals und verbarg ihr Gesicht ansschlnch- zend an seiner Brust.
hielt sie eine Meile fest an seinem Herzen, dann küßte er ihr Mund, Augen, Haar. „Du sollst dich deines Gatten nm zu schämen haben," sagte er fest. „Doch jetzt konliii, die sonne ist niltergegangen, es ist Zeit, ins Hans AU ßeijcii.
,A «drfnlcn -rage erschien Haller nicht bei den »enteilt* fonieit Mahlzeiten. Er ließ sich imt rmerwarteten, unau- geitehmen Geschäften entschuldigen, und sein Antlitz, das sclt- Mn gealtert rind verfallen aussah, bezeugte, daß er keinen Vorlvaud gebrauchte. Am Wend des dritten Tages trat .er plötzlich reisegerüstet vor die Frauen. Wenn' er die
Fabrik vor großen Verlusten bewahren wolle, müsse er sogleich eine Reise nach Amerika antreten. Vergebens bat feine Brant, daß er einen andern für sich gehen lasse.
„Du wirst nicht glauben, daß ich ginge, wenn cs nicht ftin müßte."
„Mer jetzt, jetzt vor der Hochzeit?" stammelte sie.
„Ich glaube gewiß, daß es uns beiden leichter fettt wird, «ns jetzt zu trennen als später. Hätte ich dich einmal beschien," fügte er, ktnr seiner Braut verständlich hinzu, „fände ich vielleicht die Kraft nicht mehr, meine Pflicht zu tun. Ich habe die Leitung der Geschäfte für die Zeit meines Abwesenheit dem jungen S. übergeben," fnhr er dann lauter fort, „er ist euch ergeben, ihr könnt üt jeder Lage auf ihn rechnen."
„Du versprichst, bald wieder zu fommen?" bat sie, an seiner Brust schluchzend.
„Ich verspreche, mit meinen Gedanken gar nicht fort von dir zu, gehen-" sagte er voll ernster Zärtlichkeit. Er löste sie sanft von sich -und legte sie in die Mine dev Mutter. „Behüte sie für mich, bis lvir ivieder vereinigt find," bat er.
„Uild du behüte dich für IMS, mein Sohn," sagte die Mutter, dem Scheidenden mit bangem Herzen nachsehend.
Wieder saß der Geistliche üt dem kleinen Städtchen, nach mühsamen Ämtsgeschäften ausruhend, allein in seinem Studierzimmer^ und ließ die Eindrücke des Tages in sich nach klingen. Seine Gedanken beschäftigten sich mit dem Manne, der vor einigen Monaten tu gleich einsamer Stunde fein Herz vor ihm ans geschüttet. Haller hatte ihm feine Verlobung mitgeteilt. . Aber statt der erwarteten Vermäh-- lungsanzeige hatte er heute einen Brief mit den wenigen Zeilen erhalten: „Gott vergibt dem Sünder, aber seine Tat ungeschehen machen, kann auch er nicht. Die Hand, die einem Menschen das Leben nahm, oärf sich nicht nach Glück ans- strcckeu."
Da trat die Fran des Geistlichen mit der Lampe und mit dem Abendblatt ins Zimmer. „Sagtest du nicht, daß dich Direktor Haller ans H. vor einiger Zeit ausgesucht hat? Da lies !"
Sie wies auf eine, an.hervorstehender Stelle sich befindende Notiz, diese lautete:. „Ein beklagenswerter Unfall, dem das Leben eines unserer verdientesten Mitbürger zum Opfer fallen dürfte, hat sich heute bald uach dem Auslaufen der für Newyork bestimmten „Germania" zugetragen. Ein Knabe, der einzige Sohn seiner Eltern, bestieg trotz des Verbotes in einem unbeachteten Augenblick das Deckgeländer und stürzte in das Meer. Da das Schiff bereits in voller Fahrt Ivar, trieb er sogleich so weit vom Schiffe ab, daß seine Rettung bei der ziemlich bewegten See unmöglich schien. Ehe aber noch ein Boot ausgesetzt werden konnte, sprang Herr Haller, der bekannte und geschätzte Leiter der Bergerschen Maschinenfabrik hier in H„ dem Knaben nach. Es gelang ihm, denselben zn erreichen und so lange über Wasser zu halten, bis beide in ein Boot ausgenommen würden. Mährend aber der Knabe vollkonuuen unversehrt seinen Eltern zurückgegeben werden konnte, scheint Direktor Haller, vielleicht durch Anschlägen an das Boot, schwere: innere Verletzungen erlitten zu habeu. Er wurde nut aller Sorgfalt nach H. zu rückgeb rächt, doch erklären die Aerzte seinen Zustand für hoffnungslos."
„Er hat den Tod gesucht," sagte der Geistliche, das Blatt erschütternd sinken lassend, „Gott nehme seine Buße gnädig an."
„Er hat den Tod gesucht," kam es auch über die Lippen der Mutter, als die Unglücksbotscyaft sie erreichte, und das Uebennaß des Jammers entrang ihr der Tochter gegenüber das Geheimnis, das sie so lange und sorglich gehütet hatte. ■—
In dem Kranken hause, in das man Haller gebracht hatte, stand noch am selben Tage, au dem das Unglück sich zugetragen, eine junge Dame mit bis in die Lippen blassem, aber gefaßtem Antlitz vor dem diensthabenden Arzte.
„Ich bitte, Direktor Haller sprechen zu dürfen."
„Er ist für niemand zu sprechen/'
„Ich l>üt seine Braut."
„Sein Zustand verlangt absolute Ruhe."
„Er ist in großer Gefahr?"
Der Arzt bejahte ernst.
Sie preßte die Hände fest zufämmeu. „Er darf nicht sterben- bis er gehört hat, ivas ich Hm^zu sagen Mw."


