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Er Wie sie nicht unterbrechen können, und -cks' sie geendet, fallt seine Antwort nicht gleich. .
Er Ivar in diesem Moment stolz aiif sie, stolz aut chre Reinheit und Charaktersestigkeit, mochte auch immer ein gut Lei! filljle Berechnung dabei sein. Tas verzieh Efpach ihr, denn erdachte selbst zu vernünftig in diesem Punkte. Ein Mädchen, das er zu seiner Frau machen Ivvllte, musste so denken, wie die stlbst- bewußte, blonde Lisbeth dachte.
Eine große Glückseligkeit stieg in ihm auf, und er fühlte erst jetzt so recht, wie innig verwachsen sein Fühlen schon mit dem Mädchen war, trotzdem sie ihm in all diesen schwülen duftenden Sommernächten nicht die geringste Vertraulichkeit gestattet, ihm aber reichlich Gelegenheit geboten hatte, ihr Wesen und Denken kennen zu lernen.
Und deshalb besann er sich nicht länger, den letzten, entscheidenden Schritt zu tun, sondern sagte, den Mund dicht an ihrem rosigen Ohr und umspielt von dem Duft, den Fraulein Möller so haßte und den er, als zu ihr gehörig, reizvoll fand:
„Wenn du mich lieb hast, Lisbeth, mein süßes Mädchen, dann brauchen wir doch nicht Abschied zu nehmen, daun srag ich, sobald du erst zu Hause bist, bei deinen Eltern an, ob ich ihnen als Schwiegersohn willkommen bin, und dann wirst du in kurzer Zeit meine Fran. Oder sagst hu da auch: Das mag ich nicht." .
Er nahm sie beim Kopf und wandte ihr Gesicht herum.
Mochte sie auch noch so kühl und besonnen auf ihr Ziel losgesteuert fein, es war doch der Mann ihrer Liebe, den sie sich mit erzwungener Sprödigkeit erkämpft, und deshalb war der Jubel, der aus ihren Augen strahlte, die Weichheit, die ihre Lippen seife öffnete, so echt, wie bei jedem anderen warm und ehrlich Mnpsindenden Mädchen.
Sie brauchte ihm nicht erst zu sagen: „Ja, ich will deine Frau werden," er las es ans ihrem glückstrahlenden Gesicht und Merkte es an der Bereitwilligkeit, mit der sie sich zum erstenmal' freiwillig an seine Brust schmiegte.
Sie wehrte sich auch nicht, als er sich, herabn'eigte, um ihre schmalen, stolzen Lippen mit dem ersten, heißen Lieücskuß zu schließen.
Die nächste Viertelstunde gehörte dem Rausch ihrer Liebe. Dann besprachen sie, ruhiger geworden, ernsthaft die nächste Zukunft, in der fürs erste Hassingen respektive .Helene die Vermittler ihrer Korrespondenz spielen sollten, bis Lisbeth von ihren Eltern die Erlaubnis zum Verlassen des Pensionats erhalten haben würde.
Der Mutter mußte sie natürlich eine vollkommene Beichte ablegen, aber sie fürchtete sich nicht davor.
„Mama weiß ganz genau, daß sie sich aus mich -verlassen kann, wenn ich behaupte, du bist der rechte Mann für mich — Über die Rendezvous wird sie ja schelten und auch mit Recht, aber da die Sache gut ausgefallen ist, wird sie sich schnell versöhnen lassen."
Es war die Zuversicht der verwöhnten „einzigen Tochter"..
Espach sah erst recht kein Hindernis auf seinem Wege. Seine Eltern würden sich freuen, daß er ihnen eine Tochter zu führ le, die zu alledem noch auf dem Lande ausgewachsen war und dem Gedanken, später eine Gutsfrau werden zu müssen, durchaus freudig gegenüberstand.
Sv schieden sie als zwei glückliche Menschen, vor denen das Leben wie eine glatte Straße lag, umsäumt von den frischgrünen Bäumen ihrer Hoffnungen, bedeckt mit den Blüten ihrer Liebe. Es lag in den Verhältnissen, daß ihre Gefühle nichts Ueber- schwängliches. Krankhaftes und Sentimentales hatten, sondern mit Hellen, frohen, klaren Augen mitten im praktischen Leben standen.
Lisbeth fühlte eine tiefe, freudige Genugtuung mitten durch daZ erregte, zitternde Pochen ihres jungen Herzens, als sie vorsichtig, sich möglichst im Schatten haltend, durch den Garten zum Hause schlich.
Es war eine herrliche Sommernacht. Groß, ruhig und klar ftanb am graublauen Himmel der Mond zwischen den schwach blinzelnden Sternen.
Vom Turm der Marktkirche schlug es die Mitternachtsstunde, M Lisbeth Schäffer sachte den losen Fensterflügel des kaum' einen 'Halben Meter vorn Erdboden entfernten Fensters int Erdgeschoß der Pension Möller öffnete,
Sie hatte schon vorher die niedrigen Schuhe ausgezogen, schlüpfte geräuschlos durch das Fenster, drückte es behutsam wieder zu und stieg mit Katzentritten unhörbar die läuserbelegte Treppe Lis zum ersten Stock empor.
Das erste Zimmer dicht an der Treppe und zugleich das einzige Schlafzimmer, das auf den Garten - hinaussab, während Mtf dieser Seite sonst nur Lehrzimmer, unten Ssrelsesaal und
Musikzim'mer lagen, war das von ihr und Helene Falk bewohnte. Die Tür war nur angelehnt.
Als Lisbeth Schäffer diese Tür langsam und vorsichtig hinter sich ins Schloß drückte, atmete sie ans.
Sie war diesen heimlichen, verbotenen Weg zum letztenmal gegangen. Nach der glücklich überstandenen Gefahr erging es ihr ähnlich wie dem Ritter, der ahnungslos den gefrorenen Bodensee überritten und, als er hörte, welches Wagnis er vollsührt, vor Entsetzen tot umsauk — es überlief sie glühend heiß bei dem Gedanken, was die Folgen gewesen, wenn Fräulein Möller ihr leichtfertiges Tun entdeckt hätte.
Sie hätte es nicht erleben mögen, von Fräulein Möller, die sich ihrer „Kinder" liebevoll annahm und sie nach besten! Kräften zu liebenswürdigen, gebildeten und tätigen jungen Damen! erzog, mit Schimpf und Schande entlassen zu werden.
Es siel wie eine Last von ihr ab, und ihre Gestalt richtete sich noch straffer und selbstbewußter auf.
(Fortsetzung folgt.)
Aus einsamer Heide.
Novelle von Helene S t ö k l.
(Nachdruck verboten.) . (Schluß.)
Er hatte die .Hände vor sein Antlitz geschlagen, und die heißen Tränen tropften durch seine Finger. „Und Sie wandten sich nicht von mir? Sie taten mir nur Gutes all diese Zeit?"
„Ich sah, daß Sie Ihr Lehen zur Buße geben wollten," erwiderte sie mit zuckenden Lippen. „Und es war noch etwas, das mich hinderte, zu hart zu urteilen," fuhr sie leise sort, „Ich trug selbst schuld au dem Tode meines Kindes."
Er ließ die Hände von feinem Antlitz sinken und starrte sie überrascht an.
„Meine Schwäche war schuld gewesen, daß mein Sohn verdarb. Hätte ich nicht seine Fehler versteckt vor deut Vater, solange er klein war, ihn, als er größer ward, für die Strenge des Vaters zu entschüdigeu gesucht, indem ich ihm hinter dessen Rücken Geld zusteckte und seinen Leichtsinn dadureh begünstigte, es wäre nie dahin gekommen, daß der Vater ihn aus dem Hause stieß. Das Geld, das Ihnen zur Versuchung ward, hatte ich ihin heimlich gesandt, der Vater konnte wohl aussagen, nichts von einer gefüllten- Brieftasche bei seinein Sohn zu wissen, ich aber wußte davon, und ich wußte also auch, daß die Selbstanklage, des fremden Wanderburschen wahr^ sei. — Wie hätte ich aber verdammen können mit der Schuld ans der eigenen Seele! Und," sie strich ihm mit der zitternden Hand das Haar aus dem Gesicht, „einen Sohn mußte ich dochIjabett!"-
„Mutter!" Sie hielten sich beide weinend umjchluugeu.
„So glaubst du, daß auch Einma verzeihen wird?"- fragte er nach einer Weile.
„Sie darf nie davon erfahren!" sagte sie, hastig ihre Träiten trocknend. „Sie kennt die Macht der Versuchung nicht; warum sie auf die Probe setzen, ob ihre Liebe das Entsetzen über die Tat überwinde. Wenn es dir schwer fällt, deine Seele vor ihr verschlossen halten zu müssen, so nimm es als Buße hin. Sie hat ihren Bruder nicht gekannt, er hat keine Rolle in ihrem Leven eingenommen, lasse sie bei dein Glauben bleiben, daß er den Tod durch die Kälte saud. Und mm komin mit mir zn ihr, nimm sie an dein Herz, damit nicht auch sie von mir genommen werde."
Es war einige Wochen vor dein für die Hochzeit Hallers und Emnras bestimmten Tage. Haller saß mit seiner Braut auf einem erhöhten Platz int Garten unter einer Esche, deren lang herabwallende Zweige sie von der übrigen Welt absonderteu, ohne ihnen doch die Aussicht in diese ganz zu nehmen.
„Es ist seltsam," sagte das junge Mädchen sinnend, „wie diese Tage, in denen ich mit meinem bisherigen Lebest abschließen soll, alle Erinnerungen in meiner Seele checken, auch solche, von denen ich selbst nicht wußte, daß sie noch existierte!?. Ich denke iiicht nur deS dahingegangenen Vaters, ich denke oft auch des Bruders, der so früh feinen Tod fand. -
Sie sah nicht, wie er bei ihren Worten erblaßte, sondern fuhr, träumerisch vor sich hinblickend, fort: „Ich kann | mir kein Bild, mehr von ihm machet?, ich war noch jü nein damals. Er soll den Eltern viel Kummer gemacht haben, aber er war ja noch so jung! nicht älter, als ich jetzt bull I Wie leicht hätte er sich ändern können. Wenn et* zurück--


