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lief der Abgrund auch scheinen «lag, der daS Fühlen und Denken' des zähen, gegen Fremde bei aller Liebenswürdigkeit verschlossenen Japaners von uns trennt, die sorglose Jugend sucht, ganz !vie im Westen, auch im fernen Osten im heiteren Spiel Erlösung der Phantasie urid Betätigung der erwachenden Lebensenergien In den Gärten lassen die Knaben im fröhlichen Wettkampf ihre Drachen steigen, mit blitzenden Augen und von der Anstrengung des Laufens geröteten Gesichtern stürmen sie über Helle Kieswege und treiben ihren Reisen. Die kleinen Mädchen aber Hüpfen und springen mit den bunten Puppen auf dem Rücken, ihre zart- farbenen Kimonos flattern im Winde und die Puppen werden derb geschiittelt, aber die kleinen Mütter wissen, daß die hölzernen Babys das Rütteln wohl ertragen intb nichts lieber haben, als tüchtig durcheinander gewirbelt zu werden. In den Spielen der Knaben offenbart sich der alte kriegerische Sinn der Japaner; mit Vorliebe betreibt die männliche Jugend das „Fahnenspiel". Die muntere Schar bildet zwei Parteien, die eine mit kleinen weißen, die andere mit roten Flaggen. Dann ein Signal: ein wildes fröhliches Ringen beginnt, wie in einer Schlacht prallen die beiden Parteien gegeneinander, ein jeder sucht dein Feinde Flaggen zu entwinden und die Partei, die schließlich die meisten Fahnen, erobert hat, wird feierlich zum Sieger erklärt. Jin Jn- liercn Japans, Ivo die Aufnahme westlicher Sitten die Lebensgewohnheiten des japan. Volkes noch nicht so stark beeinflußt hat, bietet die Straße der Kinderwelt eine Quelle unerschöpflicher Zerstreuungen und Belustigungen. Denn hier sind die Straßen iwch wahre Jahrmärkte, im Freien produzieren sich Akrobaten und Schlarigenmenschen, aus den Sttaßen kochen die fliegenden Zuckerbäcker ihre Leckerbissen, dort läßt ein Schlangenbeschwörer seine Schlangen tanzen und hier macht ein Zauberkünstler aus einem kleinen Glase eine endlos rieselnde Wasserquelle laufen. Wenn aber der Himmel schwer und grau über den Stödten lastet, wenn ein kalter Wind pfeift und rauschende Regenschauer gegen die Bambuswände des Hauses prasseln, dann sitzen die Kleinen zu Hause und lauschen phantastischen Märchen. Es müssen nicht Erwachsene sein, die die Kinder unterhalten, sie selbst erzählen sich die alten! Sagen, die sie hörten, Estschichten von wohltätigen Feen oder bösen Dämonen, die über das Leben und Glück der Menschen Gewalt haben. Wenn die kleine Gesellschaft dann des Lauschens müde wird, versucht sich der kindliche Geist an Rätseln, aus kleinen Bauklötzen entstehen schlanke Pagoden oder sröhliche Gesellschaftsspiele lassen das frische Kinderlachen durchs ganze Haus tönen. Die Kleinen sind nicht wie die europäische Jugend an ein Zimmer gebunden, die leichten Bambnswände, die die Gemächer des japanischen Hauses abteilen, sind verschiebbar und wenn die Eltern es erlauben, kann dann in kurzer Zeit ein kleines Zimmer zu einem wirklichen großen Spielsaal erweitert werden, wo jugendlicher Uebermnt Licht und Raunt genug hat, sich unbeschränkt auszutoben. Japan ist das Land der Feste, die Kinder gehen dabei nicht leer aus. Jur März wird das große Puppenfest gefeiert, das nicht weniger als sieben Tage dauert. Schon lange vorher bereitet die kleine Japanerin sich auf dies Ereignis vor, ihre Puppen werden neu gekleidet, bisweilen auch verkleidet, jedes Mädchen arrangiert eine eigene kleine Puppenausstellung, ui der sie ihre Schätze zur Bewunderung bereitstellt, die kleinen! hölzernen Bäuerinnen, Tänzerinnen und Geishas, die Samnrai- puppcn, die noch das Schwert der Väter und die phantastische alte Rüstung tragen. Dann kommen die Freundinnen, die Herrlichkeiten zu bewundern, die kleine Wirtin legt stolz ihren schönsten Kimono an, die Lippen werden besonders sorglich gepinselt und die schönsten Silberspangen funkeln im Haar. Am 5. Mai aber ist der Ehrentag der Jungen, das große „Fest der Knaben". Alle Eltern, die einen Sohn ihr eigen nennen, befestigen an ihrem Hause Drachen, die fröhlich in der Lust schweben. Jeder Drachen bedeutet einen Knaben und die Größe ist genau abgestimmt nach dem Alter des Kindes. Sie haben die Forni von Karpfen, denn der Karpfen gilt als ein tapferer, kühner Fisch, der sogar gegen den Strom schwimmt. Und dieses Sinnbild kann als Wahrzeichen der japanischen Kuabenerziehung gelten. Während die kleinen Mädchen kunstvolle Tänze erlernen, die seltsam gesorntte japanische Laute schlagen und in der Kunst des Blumenbindens eine Meister- schast zeigen, die jedem europäischen Blumendekorateur neidvolle Bewunderung abnötigen könnte, lernen die Knaben den Tuschpinsel führen, um zu schreiben und verraten schon dabei als Kinder jenen frappierenden Wissensdrang und jene zähe ziel- bewußte Energie, die sie dereinst als Männer befähigen soll, gleich dem Karpfen tapfer und kühn zu sein und gegen den Strom zu schwimmen...
Vevmischtss.
* Der Man« der Diva. Heitere Bilder Ms der Vergangenheit des Theaterlebens, ans der großen Zeit der Comödie Jranyaise kurz vor Ausbruch der Revolution, läßt Georges Claretie in einem Aufsatz der Deutschen Revue aussteigen, den er einer der berühmtesten Schauspielerinnen ihrer Zeit, der „idealen Soubrette" Moliöre'scher Stücke, Marie Joly, widmet. Di« Schauspielerin, von der Rivavol geschrieben hat: „Sie allein läßt »eich in Mokiöre alles finden, was ich in ihm entdecke, wenn ich ihn lese," deren früher Tod die größte Trauer unter den/ Zeitgenossen und eine ganze tränenselige Literatur hervorrief.
war ein echtes Theaterkind. Zuerst sollte sie Tänzerin werdest, aber der -vchauspieler Pröville „urteilte nach der Grazie ihrer N-Se, daß ne Geist besitze," und ließ sie für das Schauspiel! ausbiwen, m dem sie bei ihrem Antrittsspiel als Torin« im „Tartüffe" ihre hohe Begabung entfaltete. Ihre Volkstümlichkeit nahm immer mehr zu und bald erschien neben ihr eine ander«! von ihr unzertreuMche Figur, die durch ihr eigenartiges Be- nehmen nicht minder Aussehen erregte, als sie durch ihre Kunst: ihr Gatte. Der Mann der M'lle. Joly — denn ihren Mädchennamen behielt sie bei — spielt in der Geschichte der Comddi« Frangaise neben seiner Gattin eine wichtige Rolle. Er Ivar der typische eifersüchtige Ehemann, der Lnstspiel-Gemahl, der sich aus einer Komödie hinter die Kulissen der Bühne verirrt zu haben schien, der mit seinen tollen Wutausbrüche« Gelächter erregte und zuweilen auch ernstere Zwistigkeiten entfesselte. Der Stall- Meister und ehemalige Rittmeister Fvuquet Tulomboy, Ritter des königlichen Militärvrdens vom heiligen Ludwig, der me Hand der berühmten Schauspielerin erobert hatte, ivar ein sehr Ivohl- habender Herr, aber ftirchtbar jähzornig und eifersüchtig. Als ein Herr des „Ancieit Regime" trug er in seinem Degen sein Recht zu Händeln und Uebergriffen aller Art, hatte eine wahre Leidenschaft für Zweikämpfe und gab an Rauflust und einpfind- lichem' Ehrgefühl dem „Ritter von der traurigen Gestalt" nichts nach. Oft hallten die Kulissen der Comedie von dem Lärm der geräuschvollen Auftritte wieder, die er seiner Gattin imb ihren Verehrern machte. Besonders die Reimschmiede und Federfuchser konnte er nicht leiden. An einem Juliabend dcS Jahres 1 Machten die beiden jungen Dichter Marie-Jvseph Ctzönicr und Legouv« der Marie Joly in ihrer Loge in der Comädie den Hos. Ter Gatte, der dabei saß, litt Folterqualen, aber er beherrscht« sich. Zwischen den beiden Nebenbuhlern, die sich nm den Gatten gar nicht kümmern, entsteht ein Streit und sie verlassen aufgeregt die Loge, une im Zweikampf die erhitzten Gemüter abzukichlen. Ter gutmütige Gatte, der sich zuerst über diesen Streit gefreut, bekommt Angst, daß sich die beiden jungen Herren die Gurgehck abschneiden, läuft ihnen nach und will sie trennen. Aber alÄ ihn Legvuvö zurückweist, wird Tulomboy wütend und bearbeitet den armen Dichter 'mit Stockhieben, Faustschlägen uub Fußtritten, bis er blutüberströmt .zusammenfinkt. Chdnier stehl ruhig dabei und sieht zu, wie der Gatte statt seiner Genugtuung nimmt. Legouvä bleibt schließlich bewußtlos und mit geschwollenem Gesicht halbtot auf beim Pflaster liegen, und der ehemalige Rittmeister kehrt, stvltz auf seine Heldentat, mit der Seelenruhe und! dem guten Gewissen eines Beleidigten, der gerechte Rache genommen, in die Loge seiner Frau zurück. Tas Zwischenspiel kostete ihn nachher 5000 Lire Strafe. Ein Dorn im Auge war ihm auch der Dichter und spätere Revolutionsheld Fabre d'Eglaw tim*, der Mlle. Joly huldigte. Als seine Frau in einent Stück Fabres dis Hauptrolle spielte, beschloß er sich zu rächen. Bei der Erstanfsührung nahm er inmitten seiner Freunde Platz, angetan! mit einer grauweißen Kapotte und mit einem großen Hut mit schwarzer Kokarde. Kaum war der Vorhang aufgezogen, so bc- gann er zu schreien: „Tas ist abgeschmackt! Das ist schlecht!" und verlangte, von den Seinen unterstützt, daß ein anderes! Stück gespielt werde. Da erscheint Marie Joly auf der Bühne. Ter Gatte springt auf, schwenkt seinen großen Hut und rüst: „Seht ihr? Sie verhilft allen Stücken zum Erfolg, aber dieses kamt sie nicht durchbringen!" Großer Tumult im Saal. „Wer ist denn der große Kerl?" lachte nm«. „Wie, das wifsen Sie nicht? Tas ist doch der Mann. Der Mann der Marie Joly!" Man will ihn Hinauswersen. Tulomboh schleudert Beleidigungen unter das Publikum und fordert alle Welt heraus. Ter Vorhang muß heruntergelosseu werden: das Stück ist aus, bevor es begonnen. Ter ehemalige Rittmeister aber stürzt wutschäumend auf die Straße, packt alle, die nicht seiner Meinung sind, beiiiti Kragen und fordert sie zum Kampf. „Sie werden mir alle Genngttrung geben, alle! Ich bin Offizier!" Dieser eifersüchtige Raufbold wurde nach dem Tode seiner Fran zum rührseligst Verherrlicher ihrer Tugend und Schönheit.
Bäuerliche Sprichwörter und Redensarten.
Wohl kaum etwas ist bezeichnender für die Gemüts'lagc Nick» die Lebensauffassung eines Volkes, als seine Sprichwörter und Redensarten. Wohl sind ein großer Teil Allgemeingut der Mnpch- heit, soweit es sich eben um die gleichen Lebensbedingungen handelt, aber auch viele absonderliche Bildungen entstehen, die nur in einem1 verhältnismäßig enge» Gebiete gang und gäbe jiirb und außerhalb nur schwer verstanden werden, tuen da derselbe. Sinn möglicherweise ganz anders ausgedrückt wird. Im folgenden geben wir eilte Anzahl Sprichwörter und Redensarten, dte ut Unserer Gegend gebräuchlich sind, z. T. aber auch anderwärts! Vorkommen, und von unserem -ler-Mitarbeiter gesammelt imttben.
M'r was; ne! ehender, ob sich Geschwester gern hnn, des s« qedahit hnn!
Statute Kinn irere de Ahle of de Sch»-?, grüße os d's Herz. *
Wann die WeibSleut wasche tut backe, Müsse sich die Männer deut Haus enauS packe.


