Ausgabe 
9.12.1909
 
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gerötet.Ml das wägt er dir zu bieten? Es ist empörend! Laß dich scheiden, nimm dein Kind, geh' weg! Du darfst nicht bleiben. Es ist Schwäche. Ich ertrüge das nicht, ich wäre Zu stolz!"

Ich bin auch stolz," auf dem Gesicht der jungen Frau zeigte sich keine Spur von Farbeaber anders stolz. Ich mag nicht, daß sie von ihm sagen, er Hat schlecht ge­handelt; meine Felicitas soll nicht über ihren Vater rot werden. Ach, Nelda, was man einmal lieb gehabt hat, das möchte man nicht in den Augen anderer heruntergesetzt sehen, man möchte nicht, daß sie häßlich darüber reden!"

Du liebst ihn noch? Wie kann man!"

Ich? Ach" jetzt stieg ein glühendes Rot in die durchsichtigen Wangen, sie lächelte wehmütig.Ich weiß es selbst nicht. Mir ist oft bang um ihn. Er hat doch auch viel Gutes; manchmal denk' ich, es wäre besser, er wäre recht häßlich und unscheinbar, dann liefen sie ihm nicht alle nach. Die Versuchung ist so groß!" Das letzte klang führend altklug.

Ach du, wie kannst du ihn nur entschuldigen?" Nelda war noch schwach, aber es lag ein Teil des früheren Un­gestüms in ihrer Stimme.Er ist nicht zu entschuldigen! Du hast ihm alles zum Opfer gebracht, Eltern, Heimat, dich selbst, und er er hat doch ein Kind! Vergißt alles und will sich zerreißen um eine andere! Ich will dich nicht kränken, aber du mußt die Kraft haben, dich zu trennen; wenn dein Herz drüber in Stücke geht, du mußt!" Sie stockte plötzlich; es kam ihr in die Gedanken, auch sie hatte sich einst bezwungen, ihre Liebe sich aus dem Herzen ge­rissen. Verzweiflung, Todesgedanken, Tränen, all das und noch schlimmeres hatte sie überwunden.Glaub' mir," sagte sie leise,manch eine von uns macht so was durch, ich selbst" sie stockte wiederaber ich denke gar nicht mehr an ihn! Öder doch" ein Zucken ging um ihre Lippenich will nicht lügen, manchmal träum' ich von ihm, aber selten, immer seltener; jetzt schon lauge nicht mehr. Ick) liebe ihn nicht mehr Gott sei Dank!"

Ja, du bist anders!" Die Stimme der jungen Frau war tonlos.Ich kann nicht so fein. O lieber Gott" ie rang die Hände ,gib mir Kraft!" Sie sprang auf, hre zarte, kleine Gestalt bebte.Tausend, tausendmal hab' ch Gott gebeten, er soll mich nicht sterben lassen; manchmal bin ich vor Gram so krank. Ich darf nicht sterben, mein Mud rxuß erzogen sein, und mein Mann" die Stimme brach ihrer wird mich noch nötig haben, er wird mich nicht mehr lieben, aber er wird mich doch noch nötig haben. Wauhst du, Nelda, daß er sie immer lieben wird? O nein, das vergeht, ich kenne ihn besser; er kann nicht anders, er ist wie Felicitas mit ihren Puppen. Ich muß nur aus­halten."

Du erträgst das nicht, du reibst dich auf!"

O nein!" Die zarte Gestalt schien zlu wachsen; aus der schwachen Brust ram ein tiefer Atemzug.

Er wird dich beleidigen; er wird dich ohne Rücksicht behandeln, dich betrügen!"

Ich halte au§."

Du kannst nicht!" Angstvoll faßte Nelda die kalten, zitternden Hände o, wie dünn die waren! Der Arm, einst so rund, mager wie ein S öckchen!Agnes, rette dich, so lange es noch Zeit ist! Was willst du dich opfern? Ja, opfern, noch dazu ohne Nutzen!" Sie umfaßte die Freundin und drückte einen Kuß aus deren Wange.Meine, arme, arme Agnes!"

Du bist sehr gut!" Frau von Osten lächelte matt. Es tut mir sehr wohl, daß du mich lieb hast, aber siehst du, ich kann dir nicht folgen, ich kann nicht von ihm gehen. Und wenn ich sterben muß, dann will ich doch bleiben bis zuletzt. Ich mutz bleiben für Felicitas, und dann" sie hielt inne und preßte die verschlungenen Hände gegen das Herzhier, hier in mir, da lebt etwas, das läßt sich nicht ersticken. Ich weiß nicht, wie ich's nennen soll< ob das alle Frauen haben?! Wenn ich auch wollte und wegginge, meine Seele bliebe doch hier. Ich bin stolz darauf, wenn kein Mensch etwas ahnt; ich iuerbe stolz sein, und das wird mir helfen!" Ein starker voller Klang war in ihrer Stimme. Sie hob den Blick gegen das Fenster, auf ihren Wangen glänzren Tränen, das Licht spiegelte sich in den klaren Tropfen; ein Zug lag um den Mund, wie ihn wohl Märtyrer tragen mochten, als man sie auf's Rad flocht.

Nelda konnte dies arme, kleine Gesicht nicht mehr an­

sehen; es gab ihr inwendig einen Rück, als stürze etwas in ihr zusammen, was sie bisher für allein groß und- richtig gehalten. O, diese höchste Demut dieser höchste Stolz! Ein Stolz, der wie Schwäche aussah und doch stark war wie wie ihr mangelte der Vergleich, sie haschte nur nach der kleinen, zitternden Hand und dr täte ihre Lippen darauf. Dann wandte sie den Kopf und steckte das Gesicht in den großen Fliederstrauß, Agnes sollte die Tränen nicht sehen, die ihre Augen füllten. Ein Gefühl tiefer Bewunderung war in ihr; und dann huschten ihre Gedanken, toie aufgescheuchte Vögel, um Jahre zurück, huschten hin zu Ramer. Sie fragte sich mit Beben:Ob ich dem auch verzeihen könnte? Hab' ich das auch hier, hier int Herzen, wovon Agnes sagt, daß es sich nicht ersticken läßt?"

Sie schwiegen lange, dann sagte Frau von Osten in ganz verändertem Ton der volle, starke Klang war verschwunden, so reden Pensionsmädchen, wenn sie einer andern Geheinrnisse anvertraucn:Aber du darfst keinem Menschen was sagen, Nelda, gib mir die rechte Hand darauf! Sag' nur ja nichts an L'hlander!"

An Xylander ?! Wie, tvas meinst du? Warum?" Ah, richtig, du weißt ja noch gar nichts! Verzeih nur ach, ich bin oft so zerstreut und vergesse das Aller- wichtigste! Denk' mal, vor ein paar Tagen waren wir in Gesellschaft beim Obersten, und Lylanders waren da auch und"

Erzähle, wie geht es ihnen?" Neidas Blick zeigte freudige Ueberraschung.

Ja, der ist längst Major und jetzt hier im General­stab! Seit kurzem sind sie erst« hier. Sie tvaren sehr nett, er fragte gleich nach dir, ich habe ihm deine Adresse gegeben. Ach" die junge Frau seufztefind die glücklich! Frau Lylander ist ganz unverändert, so lustig, und er ist so gut gegen sie! Sie wohnen in Moabit; ich glaube, er hat eine kleine Erbschaft gemacht, sonst könnten sie's ja auch hier nicht machen. Sie tonren so freundlich zu mir. Aber nicht wahr, Nelda, du sagst nichts? Ach, und nicht wahr, du glaubst auch, er wird sie nicht immer lieben, er wird mich noch einmal nötig haben? Sag', sag'! " Sie klammerte ihre Finger um den Arm der andern und sah sie aus verweinten Augen angstvoll fragend an.

Dieser Blick war der des totwunden Rehs. Nelda schüttelte stumm verneinend den Kopf. Ein Gedanke war in ihr ausgestiegen, blitzschnell wurde er zum Ent­schluß. Sie fi.V) wieder Anselma von Koch vor sich, vor Jahren in Koblenz, bei jenem Zusammentreffen in der blumendurchdusteten Veranda der jung verheirateten, glück­lichen Frau von Osten spitze Worte, versteckte Angeisse die schöne Koch war impertinent, aber bann hatte sie plötz­lich, ihrer Grausamkeit bewußt, ben Blick gesenkt, Scham­röte hatte ihre Wangen überzogen. Sollte dieser stolze Nacken sich nicht noch einmal beugen, im Bewußtsein größeren Unrechts?!

Die folgende Nacht tvar unruhig, es war zuviel für Nelda gewesen, die Sorge um Agnes raubte ihr den Schlaf. Mer sie warf sich nicht ruhelos, sie lag still; die Mutter durfte nichts merken, sie wollte, sie mußte bald ausgehen. Und wenn sie schlief, kurze abgestohlne Momente, dann träumte sie wild. Agnes und Schmolle, die Mutter, die schöne Frau Arnheim drehten sich in buntem Durcheinander, wie auf einem Karussel ganz in der Ferne verschwamm eine Gestalt im blaßblauen Frühlingskleid. Und in der Mitte stand Lylander; seine milden Augen sahen hinter ben Kueifergläsern vor, er streckte ihr die Hand entgegen und lächelteUnd für dich willst du gar' nichts mehr, Nelda, gar nichts--?!"

(Fortsetzung folgt.)

Mn-etteben in Japan.

Eine reizvolle Schilderung von dem Leben und Spielen der Kinder im Lande der ausgehenden Sonne wird in demFigaro de la Jeunesse" veröffentlicht, der jetzt als neugegrnndete Wochen­beilage des PariserFigaro" znm ersten Mal erschienen ist. Nicht umsonst hat man Japan dasParadies der Kinder" genannt, denn wohl in keinem Lande pflegt man den Kindern nach er- süllter Pflicht so viel Freiheit zum fröhlichen Treiben und Spielen an irischer Luft zu gewähren, wie im Reiche des Mikado. Be­sonders in den Städten im inneren Japan geben die heiter sich tummelnden Kleinen an den Nachmittagsstnnden dem Straßen­bild eine reizvolle besondere Note und überall in den Gärten, zwischen Chrysanthemen und Kirschbänmeii, erschallen die hellcn Kinderstimmen der spielfrendigen kleinen Söhne Japans. Wie