Donnerstag den y. Dezember
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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Vie big.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Dm ganze cirge Komurke erfüllte Fliederduft. Am Lehnsessel am Fenster saß Nelda, an ihre Seite war ein Tischchen gerückt; drauf stand ein Fliederstrauß, üppige lila Dolden nut saftig grünen Blättern. In ihrem Schoß, auf der über die Kniee gebreiteten Decke, lag ein Buch-, aber sie las nicht darin. Träumerisch hielt sie den Kopf an die hohe Lehne gedrückt, ihre Finger drehten einen Blütenstengel hin und her. Sie freute sich daran. Als sie krank wurde, da stand der Flieder noch in unscheinbaren Knospen; jetzt waren drei Wochen vergangen, viel Sonne war gekommen, er blühte über und über.
Sie lächelte. Drüben der Star pfiff nicht mehr, er hatte ein Gelegenheitlein erwischt und war davongeflogen h— heidi, wie ein dunkler Punkt schoß er hinauf in die Luft. Oh, er konnte noch fliegen! Der Schuster fluchte und lamentierte, Nelda hatte es über den Hof schallen hören und sich freudig die Hände gerieben — der Vogel war fort, er war frei! Sie glaubte sein glückseliges Lied überm Hof, hoch über dem rauchigen Dach zu hören.
War das eine selige Ermattung in den Gliedern, und dabei doch ein Gefühl wiedererwachender Kraft, ein warmes Fluten in den Adern! Der Kopf war frei, noch eine süße Müdigkeit darin, aber die Gedanken klar, heiter wie seit lange nicht. Es war 'doch schön zu leben, gesund zu sein; die Welt sah ganz anders aus, als vor Wochen. Selbst in dies enge Fenster drang ein ganzer Strom von Licht! Sie saß darin wie gebadet und blinzelte schläfrig. Und die Mutter war jo vergnügt, man sah ihr an, wie froh sie wär, die Tochter wieder gesund zu haben.
„Bei Leibe nich von der Berg sprechen, sie hat sich zu sehr alteriert; Schwamm drüber," flüsterte Schmolle hinter der angelehnten Tür Frau Rätin zu. „Man ja nich, sie ist uns so knapp am Typhus vorbeispaziert!"
,,-^ch höre alles," halte Nelda mit klarer Stimme gerufen. „Bitte, Herr Schmolte, kommen Sie herein!"
Schmolle kam, ganz gerührt, sehr erfreut. Das große blonde Mädchen da im Lehnstuhl, dem das schlichtgefchei- telte Haar in zwei langen Zöpfen über den Rücken hing, gefiel ihm ungemein. „Na Gott sei Dank, Kindchen, was haben Sie denn für Geschichten gemacht?" Er hätte sie in seiner Herzensfreude am liebsten auf die Stirn geküßt, aber -er traute sich nicht.
„Herr Schmolte," sagte Nelda und sah ihn durchdringend an, „sagen Sie mir die Wahrheit, ist Fräulein Berg ordentlich begraben?"
Der gute Schmolle fuhr auf, als hätte er sich auf einen hohlen Zahn gebissen — kam sie schon wieder mit der Unglücksgeschichte? „Natürlich," stotterte er eilig. „Man ja nich ausregen, Neldachen, um Gotkeswillen nich! „Sie
ist begraben, natürlich, und sehr anständig, auf mein Ehrenwort! Und was den Schleicher, den Müller, anbelangh wissen Sie was, der hat sich dünne gemacht; er hat gekündigt und sich die Sachen holen lassen, er müßte vor der Hand" zu Hause bleiben. Ra, so dumm! Ich habe ihm, 'nen Brief "geschrieben und mal durch die Blume gewinkt
puh, der denkt, Schmolke läßt sich begimpeln! Jawohl! Am neuen Tor wohnt er; kann ja gar nicht so weit von! der Charite ziehn; kröch' am liebsten in en Mauseloch!"
„Sie meinen wirklich, Herr Schmolke?" Nelda beugte sich vor und faßte nach seinem Arm. „Sie meinen, Doktor Müller und Fräulein Berg —"
,Fch meine gar nischt, ich sage nur: Schubiack! So 'nem armen Balg von Liebe reden und sie dann sitzen lassen — ja, ja, das ist so die Manier! Hat dann eine nich genug Docht in sich, na dann —! Aber Schwamm drüber, was reden wir davon?! Regen Sie sich nicht auf! Sie haben sich doch nicht etwa aufgeregt, Neldachen?"
Sre faltete die Hände. „Gott, fei du ihr gnädig!" lind dann liefen ihr die Tränen über die Wangen, und Herr Schmolke konnte sich gar nicht halten, er zog das große seidne Taschentuch- — gelb war's mit rotem Rand, — und schnäuzte sich umständlich.---—
Wie rasch- die Tage flogen, halb verschlafen, halb verträumt! Eben kam die Rätin herein.
„Mama," bat Nelda, „gib mir Papier und Tinte, ich muß an Agnes von Osten schreiben, es läßt mir keine Ruh, Was ivird sie denken, sie hat so lange nichts von mir gehört!" c.
„Gleich, gleich, ich finde, sie hätte auch mal zu dir kommen können. Aber natürlich, wenn die Leute so im Glück sitzen — halt, hat es da nicht geklingelt? Ach herrjeh, nun muß man wieder rennen, die Marie ist aus!" Sie stürzte fort und Nelda rückte sick zurecht und überlegte, was, sie an Agnes schreiben wollte.
Da steckte die Mutter schon wieder den Kopf zur Tür- spalte herein und wisperte in aufgeregtem Flüsterton: „Nelda, Frau von Osten ist da! War die erschrocken, als ich sagte, du wärst sehr krank gewesen! Sie will dich ä tont prix sprechen. Jetzt hab' ich's aber satt mit der Wohnung hier, man muß sich schämen, lvenn einer kommt! Kannst bn nicht vorn hinkommen? Versuch' mal, hier kann ich sie. dock unmöglich hereiubringen!" c,
' „Bring' sie nur!" Neldas Mick streifte lächelnd die kahle Kammer, so häßlich dünkte ihr die heute gar nicht; die Wände waren von Sonnengold bestrahlt, und der Fliederstrauß driftete.
„Ach, liebe Agnes!" Sie streckte die Arme aus. — —
Eine Stunde war vergangen, die beiden Freundinnen saßen noch beieinander. Agnes kauerte auf dein niedrigen Stuhl, Nelda gegenüber, den Kopf auf die Brrrst gesenkt; unanfbaltsam flössen -ihr die Tränen. .
„lind das willst du dir alles gefallen laßen?" fragte Nelda; ihre noch bleichen Wangen hatten sich vom Unmut


