Aber einer Ueußerung darüber, ob er ungern von uns schied, wich er aus. Mir war es peinlich, mich etwa einzudrängen in seine Gefühle. Ich ließ ihn also ganz ruhig, mochte er denken was er wollte. Unser Abschied war kurz uiib herzlich. Dann dampfte er davon.
2.
Wieder waren ein paar Jahre vergangen, und ich hatte- ihn nicht gesehen. Wir schrieben uns ab und zu. Aber wie es so geht, auch unter guten Freunden: unsre Beziehungen waren nicht mehr dieselben. Er kam nicht zum Regiment, ich hatte meinen Dienst, und im Laufe der Zeit folgten unsre Briefe sich immer spärlicher, bis sie endlich ganz aufhörten.
Inzwischen trat eine große Veränderung in meinem Leben ein. Mein Vater starb, und ich war genötigt, unser Familiengut zu übernehmen, woran mir eigentlich wenig lag, denn ich war nicht zum Landwirt erzogen worden. Mein älterer Bruder, der das Gilt hätte bekommen sollen, wurde lungenkrank und zwar so schwer, daß die Merzte sagten, mit einem Aufenthalt im Süden wäre es bei ihm nicht abgetan, sondern für seine Körperversassung gebe es bloß eilt Radikalmittel, nämlich dauernd in einem viel milderen Klima zu leben. Mit schwerem Herzen mußte er infolgedessen das Gut verlassen. Er siedelte ganz nach Italien über. Den Winter wollte er in Pegli bei Genua wohnen. Den Sommer über ginge er dann vielleicht ins 'Gebirge hinauf.
So mußte ich also umsatteln und Landwirt werden.
Nun war auch meine direkte Verbindung mit dem Regiment gelöst. Da erinnerte ich mich unwillkürlich — selbstsüchtig, wie man ist — wieder meines alten Freundes, den ich cm Drange der Dienstzeit nicht mehr gesehen, und schrieb ihm, er möchte mich doch einmal besuchen.
Er kain auch wirklich. Aber er gefiel mir nicht, er schien eigentümlich verändert. Nebrigens war es mit seiner Lahmheit nicht mehr schlimm, er konnte wenigstens mit mir auf die Jagd gehen und war den längsten Spaziergängen gewachsen.
Wir waren ganz allein auf dem Gut, und die Abende wurden uns lang. Zeitungen, Bücher — Nachbarschaft gab es wenig — Besuche beim Pastor, Schach oder Dame genügten schließlich nicht, um die Zeit totzuschlagen.
Wir faßen eines Abends in meinem Zimmer und schwatzten und schwatzten. Ich sprach wieder vom Regiment. Ich sagte, es sei doch schade, daß Fritz aus dem Reservever- haltnrs habe ausscheiden müssen, noch mehr sei es aber- schade, daß er nie dazu wäre zu bewegen gewesen, überzutreten.
• Na, weißt du, ich glaube, zum aktiven Offizier hätte cch doch nicht gut gepaßt. Ich fühle mich so ganz wohl.
— Aber ich finde nicht, daß du den Eindruck machst, als befandest du dich wohl.
Er antwortete mit ziemlicher Heftigkeit, ich irrte mich, er befände sich sehr wohl.
Dagegen war nun weiter nichts zu sagen. Wir fingen wieder an von seinem Sturze damals beim Regimentsrennen zu sprechen, und ich lobte noch einmal sein Verhalten, das mir wirklich beinahe heroisch erschien.
Doch er sagte plötzlich erregt:
— Nein, wahrhaftig, da hast du aber doch nicht recht, i denn ich kann dir sagen, mir war damals sehr eklig zu Mute. Ich kann mir nicht denken, daß ich eine gute Rolle gespielt hätte.
. --Doch! Gerade! Und dann weißt du, allen Schneid und alle Sterben in Ehren, aber wenn man vorher weiß daß so etn Luder wie der Fuchs die reine Fallmaschine ist, so ist's doch schließlich kein besonderes Vergnügen, das Biest zu reiten. 1
Er richtete sich plötzlich auf:
— Findest du das wirklich?
. r 7" Ich .glaube, das findet jeder vernünftige Mensch, ^ch kann mir auch was Angenehmeres denken. Du setzest dich auf so ein Tier, hast's nicht zugeritten, bist an seinen Dummheiten nicht schuld, Gewinnaussichten hat's nicht, du reitest es bloß, um das Feld zu füllen, und riskierst deine Knochen, weil die Frau des Besitzers die ihres Mannes nicht dransetzen will! Ich glaube, da würde ich mir doch sagen: rch habe meui Genick auch-nicht gestohlen. Und was geht dich schließlich der Schinder an?
— Ja, aber solche Ansichten kann man nicht äußern I fe- antwortete Fritz lebhaft. I
r— Warum denn nicht?
— Nein, das kann man doch nicht gut. Das wäre doch. . . 'ne. —
— Sehe ich gar nicht ein. Das ist doch kein Mangel an Schneid. Habe ich ein eignes Pferd in Arbeit und will das Tier meinem Willen beugen oder es erziehen, na, da darf ich natürlich nicht danach fragen, ob es mir ein paar Rippen kostet, dafür bin ich eben Kavallerist. Aber in deinem Fall . . .
Fritz rauchte stumm seine Zigarre und blies den Rauch vor sich hin. Erst nach einer ganzen Weile, während deren wir mächtig gestumpft hatten, wie wir's früher als junge Leute nannten, fragte er, indem er mich fast lauernd ansah:
— Sag mal, ist nie beim Regiment über mich geredet worden?
— Wieso denn?
— Nun, ich meinte bloß so. Ich dachte, ich hätte den Ritt vielleicht nicht schnell genug angenommen.
— Tas wüßte ich doch nicht . . .
Wieder schwieg er, bis er nach einer Weile abermals anfing:
— Weißt du, der Kommandeur ist doch eigentlich ein famoser Mann!
— Gewiß, der hat 's Herz auf dem richtigen Fleck.
Fritz fuhr auf:
— Ja, ja, allerdings! Und da wundert einen oder freut einen — ich weiß nicht, wie man sagen soll — sehr, eine ^Ansicht, die er mal äußerte. Erinnerst du dich noch des Tages, wo ich einen neuen Gaul hatte und ihn vorritt, sprang und ein paarmal siel? Da gingen wir doch nachher ins Kasino, und da erzählte uns doch der Oberst eine Geschichte von siebzig? Weißt du noch?
Ich lachte:
— Natürlich, wie die Franzosen sich auf seine Schwadron eingeschossen haben, und daß ihm dabei doch höllisch eklig zu Mute war. ' ’
— Ja, das meine ich! Weißt du — weißt du noch, wie der Kommandeur sagte, wer gar keine „Nerven" hätte, der hatte überhaupt keinen richtigen Mut, sondern derjenige, der „Sterben" hätte, aber sie beherrschte, der wäre der eigentlich Mutige. Erinnerst du dich noch?
— Gewiß.
Fritz fragte gedehnt:
— Glaubst du nicht, .daß er damit sehr recht hat?
, . — Selbstverständlich! Eine ungeprüfte Tugend ist keine Tugend. Weil jemand nicht gestohlen hat, ist's noch sehr die Frage, ob er nicht zum Dieb geworden wäre, falls er nichts zu essen gehabt hätte. Vielleicht hat nur die Gelegenheit gefehlt. So ist's mit deni Mute doch auch.
Unser Gespräch erstarb. Wir saßen lange in meinem Zimmer. Die Zigarre ging nicht aus, und es war ein so dichter Rauch geworden, daß man hätte mit dem Messer Stücke herausschneiden können. Ich war müde und möchte nicht beschwören, och ich nicht in meinem Lehnstuhl etwas einnlckte. Aber sonderbar, wir fanden an dem Abend nicht den Entschluß, zu Bett zu gehen.
(Fortsetzung folgt.)
Napoleons I. letzte öffentliche Geburtstagsfeier.
(Nach einem Tagesbefehl vom 31. Juli 1813.*)
, Am 25. Juli 1813 hatte Napoleon Dresden verlassen, um nach M a i n z zu reisen, um dort mit der Kaiserin zusammen- zutreffen, die einige .-läge vorher auf seinen Wunsch hier ein- getroffen war. Es waren die letzten glücklichen Stunden, die der ratierliche Gemahl an der Seite der Kaiserin Marie Luise! L? goldenen Mainz verleben sollte. Welcher Umschwung der Verhältnis,e, als der schwer geprüfte Mann drei Monate Ipatei, im November, dieselbe Stadt wiedersah! In dieser geb hobenen Stimmung der ^ulitage erließ er von Mainz aus den Tagesbefehl, der eine besondere feierliche Begehung seines Ge- m'A^tages anordnete. Es galt, noch einmal den schon im Äb- blassen begriffenen Glanz des einstigen Gebieters von Europa neu aufzufrtichen, die Begeisterung der Soldaten für ihren alten General anzufachen, die Stimmung der Bevölkerung in den okku-
s".l2nsravc.- ^'^influssen. In der Erwägung, daß mit Ablauf des Waffenstillstandes' am 20. August die Feindseligkeiten wieder ausgenommen würden, und deshalb an seinem Geburtstage,
Ist- Uugust, die geplante Festfeier unterbleiben müsse, ordnete oer Kaiser an, daß tm Soldatenlager schon am 10. August s Awrfeter zu ,einem bevorstehenden Geburtstage stattfinden Wtte.^pNit Bezug hierauf geht dem Fürsten von Neuchntel,
*) Aus: „Lettres inebiteS par Leon Lecestre". Paris 18.97.


