Ausgabe 
9.9.1909
 
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Nerven.

Novelle von Georg Freiherr von Ompteda.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Beim Start kamen wir nebeneinander, und mir fiel wieder Morsums Farbe auf. Er faty aus wie eine Kalk­wand. Und der kleine Ziesow, der fortwährend Witze riß Und womöglich im Rennen noch Unterhaltung machte, sagte plötzlich zu Fritz:

Morsum, bit siehst- ja aus wie Dünnbier und CPUcke.

Aber da mußten wir auch schon anreiten, und wenn Fritz hätte antworten wollen, so hätte er es jetzt wenigstens nicht mehr gekonnt.

Der Gaul des Rittmeisters wär eine FuchsstUte, ein etwas kitzliches, hochbeiniges, widerwärtiges Dier, das sein Besitzer für ein Butterbrot erworben hatte und manchmal vor der Schwadron ritt.

Da ließ unser Major, der startete, das Taschentuch sinken. Das Rennen begann.

Das Tempo war ziemliche gemütlich, und ich- legte mich neben Morsum zurecht. Mein alter Bock war nicht schnell, aber ein todsicherer Springer. Vielleicht konnte ich den Freund über die Hindernisse führen.

Zuerst kam eine Steinmauer. Dann wurde plötzlich das Tempo schärfer. Ziesow rief unterwegs:

Kinder, wir wollen mal etwas einheizen, daß die Damen wenigstens 'was zu sehen kriegen, sonst müssen wir uns ja schämen.

Uber er brauchte gar nicht das Tempo zu verschärfen, denn Morsum, der die Instruktion bekommen hatte, für rin scharfes Rennen zu sorgen, war plötzlich wie der Teufel vorn und führte. Der Fuchs ging, wie es schien, tadellos und nahm eine Bretterwand, die jetzt folgte, willig Und glatt. < 1

Für mich war diese Reiterei so gemütlich, daß ich mir ruhig meine Gedanken machen konnte. So sagte ich mir, die beiden, die da vorhin wetten wollten, hätten mit den ersten Hindernissen jedenfalls schon ihre Wette verloren.

Nun kam eine Hecke mit Koppelrick, ein Graben dahinter. Morsum führte noch- immer. Der Fuchs machte vor dem Hindernis Miene, auszubrechen, flatterte hin und her, aber Fritz zwang ihn hinüber, nur blieb das Dier dabei mit den Hinterbeinen hängen und richtig er lag.

Als ich hinterher sprang, vielleicht drei Sekunden später, wäre ich beinahe auf Morsum gelandet, der neben dem Gaul auf der andern Seite auf dem Gesicht lag.

Ich hatte keine Zeit, Betrachtungen anzustellen und konnte nur noch etwas ausbiegen, um mir eine andre Stelle zum Sprunge zu suchen, der nun etwas schief geriet. Ich wußte ja, die Kameraden würden dazu kommen und ihm helfen. Wer während des ganzen übrigen Weges konnte

ich die Stellung meines Freundes nicht vergessen: auf dem Gesicht mit ausgebreiteten Armen, ohne Bewegung, den Kopf seitwärts, etwas eingezogen.

Ich ritt mein Rennen unter dem Eindrücke sehr schlecht nach Hause und kam auch- richtig alsstark getriebener Letzter" ein. Aber das war mir ganz gleich, die Kameraden kannten die geringe Eignung meines Tieres als Renn­pferd, und mir lag jetzt bloß das Schicksal des Freundes am Kerzen. i

Ich gab den Gaul ab imb lief nach dem Gräben. Die andern hatten Fritz aufgerichtet.

Unser Assistenzarzt war sofort zur Stelle, untersuchte den Gestürzten, neben den ich mich- hingekniet hatte, uiit ihm den Rücken zu halten, und sagte nur kurz:

Also schnell hereinbringen. Wir werden erst mal einen Rotverband hier anlegen. Einfacher Schenkelbruch.

Morsum schien große Schmerzen zu leiden. Aber er verzog keine Miene, war nur totenblaß und lächelte ge­zwungen. Ich sah, er nahm sich- höllisch zusammen. Ich zog das Taschentuch, wischte ihm die Stirn, die einige Schrammen -aufwies, und stäubte die Erde aus seinem §aar. Die übrigen waren inzwischen es war das letzte Rennen r wieder zu Pferde gestiegen, oder hatten sich auf die Wagen begeben und fuhren nach der Garnison zurück.

Die Sache dauerte mit Morsum ihre festgesetzte Zeit. Schmerzen hatte er nicht, er mußte nur lange ruhig liegen. Das Bein heilte zwar normal, aber, wie sich erst nach dem Transport h-erausgestellt, hatte er noch dazu einen kom­plizierten Knöchelbruch erlitten. Als Fritz vollkommen ge­heilt war, ging er lahm. Damit war seiner reiterlichen Laufbahn -ein Ziel gesetzt.

Ich hatte erwartet, daß er sehr unglücklich sein müßte. Jemandem, der so große Anlage zum Reiten hatte, konnte es nicht einerlei sein, ob er nicht wieder imstande sein würde, in den Sattel zu steigen. Doch merkwürdigerweise schien er nicht besonders niedergeschlagen zu sein.

Er war vom Regiment abgefeiert worden. Nun trat er aus seinem Reserveverhältnis aus. Als er abreiste, be­gleitete ich ihn an die Bahn. Wir sprachen noch, bis der Zug ging.

Ich fühlte, er freute sich eigentlich, des Dienstes ledig zu sein, mochte es aber vielleicht aus Scham, vielleicht aus Interesse fiir die Kameraden nicht eingestehen.

Ich sagte:

Du kommst mir -eigentlich vor, als brauchte man dich -gar nicht so zu bedauern, oder du hast dich merkwürdig in dein Schicksal gefunden. Na, Willenskraft hast- du, das haben wir gesehen. Wie du deinen Schmerz verbissen hast, als du da in dem Graben saßest^ das war großartig. Wir haben dich alle bewundert.

Er sagte schnell und erfreut:

So, habt ihr das?

Ja, es muß doch höllisch weh getan haben?

Es tat sehr weh!