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Deutsche Dichter über das lenkbare Luftschiff.
Eine interessante literaturhisiorische Ausgrabung macht die „Cffen6. Ztg.", indem sie darauf hinweist, wie in einer Zeit, in der Motorluftschiff und Aviatik unbekannte Begriffe waren, schon ein Dichterauge vorausgeahnt hat, wie dereinst die Welt sich gestalten würde, wenn das große Problem der Eroberung der Luft gelungen wäre. Der 1786 geborene schwäbische Dichter Justinus Kerner hat in einem Gedicht „Unter dem Himmel", das 1845, also wenige Jahre vor der Erblindung des Dichters erschienen ist, ein Bild von der Welt gezeichnet, wie sie einmal sein würde, wenn es dem Menschengeist gelungen, das himmlische Element zu bezwingen. Er sagt:
„Laßt mich in Gras und Blumen liegen Und schau'n dem blauen Himmel zu, Wie gold'ne Wolken ihn durchfliegen, In ihm ein Falke kreist in Ruh'.
Die blaue Stille stört dort oben Kein Dampfer und kein Segelschiff, Nicht Menschentritt, nicht Pferdetoben, Nicht des Dampswagens wilder Pfiff.
Laßt satt mich schau'n in dieser Klarheit, In diesem stillen, sel'gen Raum: Denn bald könnt' werden ja zur Wahrheit Das Fliegen, der unsel'ge Traum.
Dann flieht der Bogel aus den Lüften, Wie auS dem Rhein der Salmen schon, Und wo einst singend Lerchen schifften, Schifft grämlich stumm Britannias Sohn.
Schau' ich zum Hinunel, zu gewahren, Warum's so plötzlich dunkel fei, Erblick ich einen Zug von Waren, Der an der Sonne schifft vorbei.
Fühl' Regen ich beim Sonnenscheine, Such' nach dem Regenbogen keck, Ist es nicht Wasser, ivie ich meine, Würd' in der Lust ein Oelfaß leck.
Satt laßt mich schau'n vom Erdgetümmel Zum Hiinmel, eh' es ist zu spät, Wann, wie vom Erdball, so vom Himmel Die Poesie still trauernd geht.
Verzeiht dies Lied des Dichters Grolle, Träumt er von solchem Himmelsgraus, Er, den die Zeit, die dainpfestolle, Schließt von der Erde lieblos aus."
Justinus Kerner war, wie man sieht, nicht gerade begeistert von der kommenden Zeit, die er voraussah, und da ist es nun interessant, wie ein anderer Dichter jener Zeit, der Schweizer Gottfried Keller, der leider in weiten Kreisen noch nicht nach Verdienst gewürdigte Verfasser des „grünen Heinrich", von „Romeo und Julia auf dem Dorf" und anderer Meisterstücke, auf die Bedenken seines Bruders in Apoll geantwortet hat. Es ist ein „echter Keller", der hier spricht, der Optimist und Feuergeist, der Justinus Kerner folgende Antwort gibt:
„Dein Lied ist rührend, edler Sänger, Doch zürne dem Genossen nicht, Wird ihm darob das Herz nicht bänger, Das, dir erwidernd, also spricht:
Die Poesie ist angeboren, Und sie erkennt kein Dort und Hier! Ja, ging die Seele mir verloren, Sie führ' zur Hölle selbst mit mir.
Inzwischen sieht's aus dieser Erde, Noch lauge nicht so graulich aus, Und innnchmal scheint mir, daß das: Werde I Ertön' erst recht dein „Dichterhaus".
Schon schafft der Geist sich Sturinesschwingen Und spannt Eliasivagen an;
Willst träumend bu im Grase singen, Mer hindert dich, Poet, daran?
Ich grüße dich im Schäierkleide, Hersahrend, — doch mein Feuerdrach' Trägt mich vorbei, die dunkle Heide Und deine Geister schau'n uns nach.
Was deine alten Pergamente Von tollem Zauber kund dir tim, Das seh ich durch die Elemente In Geistes Dienst verwirklicht nun.
Ich seh' sie keuchend glüh'n und sprühen, Stahlschimmerud bauen Land und Stadt, Indes das Menschenkind zu blühen Und singen wieder Muße hat.
Ibib wenn vielleicht in hundert Jahren Ein Luftschiff hoch mit Griechenwein Durchs Morgenrot käm' angefahren — Wer möchte da nicht Fährmann sein?
Dann bög' ich mich, ein sel'ger Zecher, Wohl über Bord von Kränzen schiver, Und gösse langsam meinen Becher Hinab in das verlass'ne Meer."
Was von den beiden Dichtern vor mehr als sechzig Jahren der eine gefürchtet, der andere gehofft hatte, ist heute beinahe zur Wirklichkeit geworden. In diesen Tagen, da alle Welt sich mit den Erfolgen beschäftigt, die auf dem Gebiete der Beherrschung der Luft erzielt werden, sind diese literaturhistorischen Ausgrabungen vielleicht nicht ohne Interesse.
vermischtes.
*■ ® e r Haar markt. Kürzlich fand in Limoges in Frankreich der diesjährige Haarmarkt statt, der einen noch flaueren Verlauf nahm als im Vorjahre. Die Frauen, die bereit sind, ihre Haare zu Markte zu tragen, werden immer seltener. Noch vor wenigen Jahren kostete ein Kilogramm frischer Mädchenhaare auf dem Markt zu Limoges 50 Franks ; aber int letzten Jahrzehnt sind die Preise auf 120 und 150 Franks pro Kilogramm gestiegen. In diesem Jahre wollten die französischen Bäuerinnen selbst für diesen Preis ihre Haare nicht hergeben; die Haarhändler machten verzweifelte Mienen und klagten über die schlechten Zeiten. Kaum 500 Kilogramm Haare wurden in diesem Jahr in Limoges um» gesetzt, während noch 1880 der Umsatz 1400 Kilogramm betrug, und, wie eine Statistik berichtet, int Jahre 1840 in Limoges 2500 Kilogramm weibliche Haare gekauft wurden. Soweit die Haare heutzutage nicht von Verstorbenen genommen werden, kommen sie meistens aus dem Innern Rußlands und Nord- und Südamerikas. Die französischen Händler beziehen seit 30 Jahren den größten Teil ihres Bedarfes aus Panama und Brasilien.
* D e r Flirt als Erziehung zur allgemeinen Wehrpflicht. Lord Roberts, der in den letzten Monaten die Seelen seiner Landsleute so oft durch die Ausmalung von Englands militärischer Hilfslosigkeit mit Bangen und Grauen erfüllte, hat jetzt ein Mittel gefunden (!), die Reihen der Terri- torial-Armee zu füllen und die 'lässigen Söhne Englands zu bekehren, die bisher der Freiivilligenbewegung lässig gegenüber«' standen. Bei den Töchtern Englands sucht Lord Roberts Hilfe und Beistand; bei einer großen Rede in Bristol forderte er alle jungen Engländerinnen auf, „mit niemand Tennis oder Krocket zu spielen und mit keinem jungen Mann zu tanzen, ehe er nicht in die Territorial-Armee eingetreten und seine Hebungen pünktlich geleistet hat." Wenn die jungen Engländerinnen seinem Rate folgen, so ist das Vaterland gerettet. „Dann werden wir keinen Grund mehr haben zu Besorgnis und zur Beunruhigung." Deshalb soll niemand tanzen und Tennis spielen dürfen, es sei denn, er habe gelernt, mit einem Gewehr umziigeheu.
Bilderrätsel.
Auflösung in nächster Nummer
Auslösung des Schepzrätsels in voriger Nummer: greiien, ©rauen, trauen, raufen.
(Amu.: Letzteres ist nur eine Erfindung seiner ehemaligen mißgünstigen Freunde, deren Kneipabende er nunmehr als solioer Ehemann vernachlässigte.)
Redaktion: I. V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen«


