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tvv die Natur ihre Jugend und die Menschen ihre Liede eiw- büßen, wo die Bäume ihre Häupter neigen und in Festtags-' kicidern des Winters Kommen erwarten, und too die Menschen ihre raschen Schritte anhalten und auf die Huffchläge des bleichen Reiters lauschen, während noch ein Klang von alten Melodien in ihren Ohren tönt. . .
Er las ihr sein wehmütiges Gedicht über den Herbst vor, iiitb dieses Mal las er. W> ganz zu Ende. Aber als er von dem Papier aufsah und ihrm Wa.uk zu hören erwartete, lag sie mit geschlossenen Augen. — Sie war gestorben, während er las.
Aber um ihren Mund schwebte noch das kleine Lächeln, das fast schelmisch war; und es schien, als 061 sie im Tode sagen wollte:
„Du weißt — das ist ja das Gedicht, das mein Herz Nicht vertragen kann."
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Die Leute hatten immer geglaubt, daß bei dem Magister eine Schraube los wäre; doch während seine Frau auf dem Totenbette lag, führte er sich so sonderbar auf, daß alle davon überzeugt waren, et hätte vollständig den Verstand verloren.
Der Sarg wurde in die größte Stube gestellt, und über ihn baute er einen Baldachin aus hellblauem Flor, mit gvldenest Sternen übersäet. Zu oberst unter dem Baldachin schwebte eine weiße ausgestopfte Taube, ein Sinnbild der Toten.
An einem Ende der Stube errichtete er eine Art Altar unter einem großen Bilde von ihr. Rings um dieses Bild brannten beständig Lichte und vor ihm standen zwei weiße Potpourrikruken, worin er ab und zu Räucherpnlver brannte.
Sie selbst lag im Sarge in ihr Brautkleid gekleidet, mit ihrem Brautschleier um den Kopf und den welken Myrthenkranz ym die Stirn. Zwischen den gefalteten Händen lag ein Bild von Emil, worauf er einst die Worte geschrieben hatte: „Dein auf ewig". Rings um den Sarg brannten jede Nacht vier große Altarlichter.
Und jede Nacht wachte er bei ihr — und jede Nacht war er in ein neues phantastisches Gewand gekleidet. Ec wollte keinen änderen da drinnen haben; — „geht ihr nur und legt euch, ich halte selbst die Totenwacht," sagte er.
Die Leute legten sich selten, bevor eS sehr spät wär; denn! so viel Wunderliches hatten sie niemals aus einem Zimmer gehört, worin ein Toter lag.
Da wurde gesungen und da wurde gespielt vom Abend bis Morgen. Bald klang das Spinet, bald klagte die Violine, bald schmachtete die Flöte, bald hörten sie seine eigene Helle Stimme, lind es waren gar nicht bloß traurige Melodien; es waren sowohl Tänze wie Liebeslieder, und wunderlich klang das in der Nacht aus dem Totenzimmer.
Zuweilen hörten sie ihn mit ihr reden, laut und lauge. Auf üud ab ging er und sprach unaufhörlich, aber keiner verstand einen Muck von dem, was er sagte.
' Doch wenn der Morgen kam und er hörte die Menschen ringsherum im Hause sich rühren, dann stimmte er eine feierliche und traurige Sterbehymne an, und wenn sie zu Ende gelungen war, löschte er die Lichter um den Sarg, schloß die Tür auf, und in seiner klirrenden Rüstung ging er stramm in sein Zimmer.
Der Magister lud seine Freunde zu dem Begräbnis in einem Schreiben ein, das in den hochtrabendsten Wendungen abgefaßt war. Major von Knarren, der ein Umsichtiger Mann war, grübelte lange darüber, wer die Ehre haben sollte, den Sarg aus dem Hause und darauf zum Grabe tragen. Denn es nützte zum Beispiel einem Mann wie dem Chirurgus nichts, sich zu melden, ihm mit seinem Asthma und seinen Storchbeinen. Nein, hier mußten ordentliche Kraftkerls ran, wie zum Beispiel der Major selbst. Doch ein halbes Dutzend von ähnlicher Sorte zu finden, war keineswegs so leicht.
Bassen Brause auf Wibleskau ging an, und der Goldgräber äüf Skar sah auch , aus, als ob er brauchbar wäre. Wenn er das von vornherein so ordnete, daß er diese mit sich brachte und dazu einige von den verabschiedeten Leutnants, deren Qualifikationen er kannte, so dachte er wohl, es würde sich machen lassen. Ob-! tzleich, wenn das Schneewetter beibleiben würde, so wie es mehrere Tage lang gerast hatte, es wahrhaftig ganz gefährlich äussehen konnte.
Der Begräbnistag erschien auch richtig mit 'dem schrecklichsten Schneesturm. Es ging gerade noch, daß die Pferde gegen das peitschende Unwetter vorwärts stampfen konnten, und die Leute in alles mögliche Pelzwerk eingepackt und mit allen möglichen Tüchern verschnürt, so daß die meisten ganz unförmig anzusehen waren, ans den Schlitten herauskugelten.
Siej wurden von dem Magister, der in kohlschwarze Renaissancen Uacht gekleidet war, empfangen; — an seiner Seite hing der dünne Wegen und um seine Schultern der schwarze Seidenmantel.
Ra, — man kannte ja den Magister und seine Eigenheiten, Und alle hatten wohl im Grunde sich irgend etwas Außerordent- liches von ihm bei dieser Gelegenheit erwartet.
Die Gäste wurden in das Totenzimmer gewiesen, wo die Mtarlichte ruhig um den Sara brannten und die Taube unter dem hellblauen, sternenbesäten Baldachin schwebte. Gegen die warme, Helle Seide des Brautkleides leuchtete das Gesicht marmorweiß, marmorkalt.
Das Leben hatte diese Züge wie in grausamem Spott entstellt: aber nun war das Muntere Leben entflohen und der ernste
Tod hatte seine feierliche Stille über ihr Haupt ge.breitet. Selbst die, die am lautesten über sie gelacht hatten, als noch das Glück und das Leben ihren Spaß mit ihrer klotzigen, absurden Er- scheiuung getrieben, — selbst die schwiegen nun, als sie diesem starren Antlitz gerade gegenüber standen, das keine Freude mehr lächerlich machen würde.
Als die Gaste versammelt waren, sprach 'der Prediger ein' kurzes Gebet, und der Magister setzte sich an das Spinett und spielte einen Psalm. Als der Psalm zu Ende gesungen war, trat er vor den Sarg hin, entfaltete einen großen weißen Bogest Papier und begann zu lesen.
Es waren viele, die baftanben Unb mit einem Lächeln kämpftest ünd bereit zu spotten wärest. I
, Doch als er las, wich bas Lächeln beschämt; denn in seiner Stimme bebte eines ganzen Lebens einzige Leidenschaft. Dieser Mann, den bie Freude lächerlich gemacht hatte, —: in dieser Stunde breitete der Schmerz seine großen Flügel schirmend ulst ihn und alles Lächeln verschwand in den Augen der 'Menschen, Und allen, bie ihn sahen, schien es, baß er jetzt groß und schöst wäre, unb fein Wort brannte sich in bie Seelen aller.
Er las fein Gedicht über den Herbst — bie Zeit, wo dis Bäume ihre Häupter steigen, während sie in Festtagskleid erst des Winters Kommen erwarten, — wo die Menschen ihre raschest Schritte anhalten und auf bie Hnsschläge des bleichen Reiters! lauschen, während noch ein Klang von Jugend und Liebesmelodiest in ihren Ohren tönt.
Als er fein Gedicht zu Ende gelesen hatte, wandte er sich zu ihr um. Da last sie unb lächelte ihm zu, mit demselben kleinen schelmischen Lächeln, bas sie gehabt hatte, als sie bas Gedicht zum letztenmal hörte; — und er fühlte so gewiß, daß sie ihm auch jetzt zulöchelte, — und unwillkürlich glitt da auch ein Lächeln über fein eigenes Gesicht, während er ihr still 511h nickte.
Nun brachten sie den Sargdeckel getragen.
Er trat an ihr Kopfende, küßte sie behutsam auf den Brautschleier, welcher um die Stirn gekraust war, — strich ihr sanft über bie Hände; sah noch einmal lange auf sie — und gab das Zeichen.
, Aber als bie anderen bie Nägel einschlagen wollten, wahrst er ihnen den Hammer fort. Das war das letzte, was er für fiel tun konnte, dazu sollte kein anderer Erlaubnis bekommen. Und er schlug die Nägel ein, — einen nach dem anderen — rings mst den ganzen Sarg — ganz bis zum allerletzten.
Drauf ging er hin, drückte Major von Knarrens Hand und sagte: „So, meine lieben Freunde!"
Der Major ergriff feinen Hut mit dein Federbusch, warf sich energisch in die Brust und musterte seine Leute: da standest sie in voller Montur, stramm wie zur Parade — drei Krieges auf jeder Seite.
Der Major kommandierte ein ganz leises: „Marsch !" ünB wie ein Mann griffen sechs Hände gleichzeitig so fest zu, daß sechs weiße Handschuhe im gleichen Augenblick platzten.
Langsam bewegte sich 'der Zug aus dem Totenzimmer hinaus. Aber an der Spitze, allen voran, ganz alleine, ging der Magister — barhäuptig — in seiner dünnen Reuaissancetracht, mit Heist Fed er Hut in der Hand. Schon als sie aus dem Flur hiuauskarnenj brauste der Sturm ihm entgegen, so daß fein Haar flatterte, nutz der Mantel wie große schwarze Flügel von feinen Schultern stand.
Allein ging er, weit vor den anderen, und sang die Tötest- Hymne. Langsam ging er in den Schneesturm hinaus und fang! unb fang trotz Sturm und 'Wetter — klagend — klagend.
Als der Zug an den Kirchhof kam, hatten die sechs Krieges wieder bie schwerste Arbeit. Denn obgleich 'vor einer knappest halben Stunde ein Weg bis zum Grabe geschaufelt worben war> war er bereits wieder so zugeweht, daß der Schnee bis an Hitz Kniee reichte. " 1
Weit Vvr den anderen ging der Magister in seiner schwärzest Rittertracht, mit dem Federhut in der Hand und sang die Totest- hhmne.
Aber der Schnee wuchs lind wuchs — schließlich reichte er! ihm ganz bis ait die Hüsten, und der Sturm füllte ihm, jedesmal, jedesmal, wenn er ihn zum Singen öffnete, den Mund mit Schnee. Es war, als ob das Unwetter ihn hindern wollte, vorwärts zst kommen — es war als ob ein Feind ihn aufhaltcn wollte —■ jetzt wo er mit ihr kam.
Mit einmal überkam ihn eine verbitterte Raserei; — er zog! seinen Säbel, schwang ihn über seinem Kopf, stürmte gegen das Schneetreiben unb bas Unwetter los:
„Mach Platz! Mach Platz! Vorwärts Kameraden! Vorwärts!"
Er sah sich gar nicht nach dem Zug um, nach den sechs! Kriegern und dem großen Sarg, der langsam, sehr langsam, aber unaufhaltsam sich feinen Weg vorwärtsbahnte, während eine tiefe Rinne im Schnee hinter ihm seinen Weg. bezeichnete.
Nein, er stürmte blind darauf los — mach Platz! mach Platz! — grabe in eine große Schneewehe hinein. Plötzlich versank ev bis an beit Hals; — man sah nur noch seinen lockigen Kopf und den schwarzen Seidenarm, 6er den Säbel schwang —; Vorwärts ! Vorwärts! ).
Der Glückliche!


