Ausgabe 
9.8.1909
 
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Wohl war ihm, so wie noch nie in seinem Leben. So recht ausgelassen. Aber er hielt sich ganz still.

Und auf einmal ward ihm fast, ängstlich. Er guckte mal au sich hinunter. So in Hemdärmeln machte e-r keine gute Figur. Auch den Kragen hätte er au seinem Hemde offen, lind die Weste war zerrissen. Und am Ende guckte ihm auch der Ellbogen zum Hemdärmel heraus.

Er trat ein einziges Viertelschrittchen voin Fenster zurück. Aber er spähte genau. Und die kleine Schwarze, sah er, schwadronierte lustig wie ein Star, und alles, was sie sagte, unterstrich sie in einemfort mit den kräftigsten Hand- und Armbewegungen, und wenn das nicht reichte, stampfte sie mit dem Fuße auf. und sie schwätzte sich so ein ritzerotes Köpfchen an, die Wangen glühten ihr wie mit Zinnober gestrichen, und die Haare waren ganz lose ge­worden und hingen über den Obren, allerliebst verwirrt, daß nur noch die kleinen roten Ohrläppchen unten heraus­spitzen konnten.

Da lachte der Peter breit mit dem ganzen Gesicht, als sei ihm eine gebratene Taube zugeflogen, und er mußte ordentlich an sich halten, daß er nicht hinauslachte und hinauswieherte wie ein Füllen, das den Halfter zerrissen hat und ins Freie galoppiert.

So ganz losgebunden war er.

Gleich aber kitzelte ihn der Meister mit der Elle ein wenig unsanft in die Seite, daß er sich 'rumdrehte und ein ernsthaftes Gesicht machte. Er sprang auf den Tisch, schlug die Beine übereinander und nähte, ohne ein Wort zil sagen. Nur die kleine schwarze Hexe mit dem Schwa­droniermäulchen, den vielen Arm- und Handbewegungen und den energischen Stampffüßchen stak ihm fest und gegen­wärtig im Sinn. Und ob er sich auch einige Mal die Radel in den Finger stach und öfters ein ganzes Stück wieder auf­trennen mußte, er konnte sie sich nicht aus dem Kopfe schlagen.

Er konnte nicht.

Er wußte ja selbst nicht, was es war. Er fühlte nur noch eine Freude nach über ihr Lachen, über ihr Plaudern, über ihre roten Backen, über die kleinen, glühenden Ohr­läppchen, die nnterm Haar noch herausgespitzt hatten. Ja ? auch über ihre runden Brüste, ihre weiße Schürze. Mer recht klar ward er sich nicht.

Zunächst, war's nur mal die Neugierde: wer ist sie? Wo ist sie? Und dann gleich hinterher das Verlangen': sie mal sehen, mal sprechen, sich mal ein Viertelstündchen vor sie stellen und ihr ins Gesicht gucken, wenn sie lustig schwatzte, und sie auch mal gründlich betrachten und sich freuen an ihr. Weiter nichts! Und das genügte, ihn mit seine Ruhe zu bringen. Es machte ihn ganz irr. Und wie er sich ganz fest zusammennehmen mußte, in seiner Arbeit nicht die reinsten Lehrbubendummheiten zu machen, merkte er, daß es ihn sogar quälte.

Was ging ihn auf einmal das Mädchen an!

Gefallen hatt's ihm. Na ja, gefallen! Wer fertig damit, basta!

Ja aber sehen müßte er sie doch noch mal. Dann würde er ganz zufrieden sein, würde er nicht mehr an sie denken. Ja, er mußte sie noch mal sehen.

So monologisierte es in ihm. Da hatte er wieder ein Stück verkehrt aufgenäht. Er warf geärgert die Arbeit hin. '

Jetzt war er's aber satt. Was ging ihn das Mädchen an! So ein Fratz! Er war ein Narr!

Und nun machte er sich wieder vollen Ernstes an seine Arbeit und schaffte ruhiger. Aber es hielt ihn nicht. Der Meister hatte noch nicht lange die Lampe gebracht, da machte er schon Feierabend.

Er putzte sich extra auf. Ohne daß er sich's besonders vornahm. "Und er ärgerte sich, daß er nicht einen besseren , Anzug auf der Werkstatt hatte. Aber 's war ja jetzt ziem­lich düster draußen.

Er ging sehr langsam durch den Hof.

Ob das wohl ihr Küchenfenster war, davor die gelben Levkojen standen!?

Aber er sah niemand. Sehr unbefriedigt trat er durch den Torbogen auf die Gasse hinaus. Unschlüssig blieb er stehen. Er wußte nicht recht, was er tun sollte. Er ging wieder zurück und machte sich im Hose zu schaffen. Aber er sah wieder niemand.

Und nun ging er gar wieder hinauf in die Werkstatt.

.Der Meister sah ihn groß än. Wer den Peter genierte das heute nicht.

Na?" fragte der Meister.

Ich arbeit wieder weiter. Will mein Stück noch fertig machen."

Gleich stak er wieder in seinen Arbeitsileidern. Er sprang auf den Tisch, schlug die Beine übereinander und schaffte bis in die späte Nacht.

Anderen Tags, als er kam, schritt er gravitätisch durch den Hof. Er mußte einen Einoruck machen durch eine feine, stolze Art. Er wollte keiner nachlaufen.

Wer als er zum Essen ging, suchten seine Augen schon wieder die Hinterfront des Vorderhauses ab.

Und zwischen den Levkojen, sah er, beobachteten ihn' jetzt zwei kecke Augen. Er meinte sogar ein Gesicht zu sehen, das lächelte. Wer ein bißchen spöttisch, schien's ihm. Das ärgerte ihn verdammt.

Sie sah ihm gleich den Schneider an. Sie war ein patziges Ding.

Puh! ein Schneider! Und sie hüpfte wohl in ihrer Küche und machte mäh, mäh! Ein Geißbock!

Frech war sie. Er bildete sich's ein. Aber er wollt's ihr zeigen. 1

Als er wiederkam nach Tisch, schritt er noch viel gravi­tätischer durch den Hof. Nicht rechts, nicht links sah er. Und das Hütchen hätte er ein klein wenig auf Krakeel ge­setzt. Er war ganz ruhig. Ihre Art wurmte ihn. Ob­gleich er sie ja gar nicht kannte. Was ging sie ihn an!

Ein paar Mal sprang er aber doch von seiner Arbeit weg und guckte am Fenster. Als ob sie auch mal geguckt habe, war ihm. Und herauf zum Fenster sogar. Aber er Wollte sich gewiß nichts einbilden.

Das ging so ein paar Tage ganz in der gleichen Weise. Der Peter putzte sich fein auf, ging stolz wie ein Pfau, spuckte wie ein Baron, kurz, er war ein vollendeterfeiner Kerl".

(Fortsetzung folgt.)

Der Magister.

Von W i l h e l m Krag.

Autorisierte Uebcrfetzung aus dem Norwegischen" von Frida E. Vogel.

(Nachdruck verboten.) (Schluß.)

1 Eines Herbstnachmittags saßen Emil und List unten am Teich, wo vier weiße Schwäne majestätisch und geziert nmhersegeltent Life saß auf einer Bank und fütterte die Schwäne mit Brotkrumen, während Emil ein Gedicht zum Preise des Herbstes vorlach wel­ches er selbst verfaßt hatte, und das er auf der nächsten Soiree vortragen wollte.

Mitten während der Vorlesung fühlte Life sich unwohl; cs war irgend etwas mit dem Herzen nicht richtig. Sie tonnte! gerade noch ins Haus hinaus und auf ihr Zimnier kommen.

Als sie nach vieler Mühe im Bette lag, sagte sie:

Das war das Gedicht, Emil! Das' war so schön. Mein Hetz konnte es gar nicht vertragen."

Als sie diese Worte mit einem zärtlichen Lächeln um ihren! kleinen fetten Münd "gesagt hatte, schloß sie ihre Augen und" war

ganz weg. , . v ",

Emil glaubte, sie wäre auf der Stelle tot. Doch als der Doktor endlich kam, sagte er, daß keine augenblickliche Gefahr vor­läge obgleich man aus alles vorbereitet sein müßte. Bei ihrer kräftigen und vollblütigen Konstitution sagte er und zuckte die Achseln. .

Volle vier Monate lag sie Nnd rang mit dem Tode. Zw-schem durch hatte sie klare Stunden, und da mußte Emil ihr Vorspielen und lesen. Aber es konnten manche Tage kommen, wo sie in einer schlaffen Betäubung, dalag. ,

Eines Vormittags im Monat Januar wurde sie plötzlich stischer und "war so lebhaft, wie sie es während ihres ganzen Krankenlagers nicht gewesen war. Sie wurde im Bette aus­gerichtet und sie War so munter und bat Emil, die Lieder zu spielen und zu singen, er erinnerte sich Wohl, die er gesungen hatte, als er auf der Mansarde in Wimmelskaftet wohnte, und derentwegen sie sich in ihn verliebt hatte. ,,

Emil sang alles, worum sie bat; und sie lächelte glücklich, dankte ihm, drückte seine Hand Und bat um mehr. Als er übÄ eine Stunde gesungen hatte, sagte et, nun wäre sie gewiß müde, jetzt müßte sie etwas ruhen, dann würde er am Abend wehr singen, wenn sie da wieder so frisch wäre. , ...

Lies mir nUr dein Gedicht über den Herbst "vor, das, weitzl , was mein Herz nicht vertragen konnte," sagte sie nut einem Lächeln, das saft schelmisch war. _

Und er las ihr über den Herbst vor, die Zeit der Wehium,