Nr. 125
Montag -en 9. August
ML
K
Peter Nockler.
Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holz am er.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Gleich in Mainz hatte der Peter eine Stelle gefunden. In einem Hinterhaus, droben im vierten Stock, hatte der neue Meister seine „Butik". Und der Peter saß nun da oben und nähte so fleißig und flink er nur konnte. Denn einmal, er wollte ja ein tüchtiger Schneider werden und deui Michel Sieben Ehre machen. Und dann, er mußte das Geld für sein Logis, das ihm sehr viel vorkam, obgleich er nur ein enges Mansardenstübchen in einem engen Gäßchen bewohnte, und sein Kostgeld allwöchentlich zusammenbringen, und er wollte auch noch ein paar Kreuzer für ein Schöppchen zum Feierabend übrig behalten.
Und so nähte der Peter in der Schneiderbutike oben im vierten Stock flink und fleißig.
Er nahm sich gehörig zusammen, nur an seine Arbeit zu denken und keinen anderen Gedanken in sich aufkommen zu lasseu, denn die anderen Gedanken fürchtete er. Es saß ihm so ein. Druck in der Brust, in der Herzgegend links unten. Es war so etwas, das herauf wollte und immer nur auf eine Gelegenheit paßte: heraufschluchzen, müde und traurig machen. Und ein paar Mal packte es den guten Peter, und die Hand sank ihm aufs Knie, und die Nadel ruhte. Da war ihm seines guten Meisters Michel Sieben geräumige Werkstatt eingefallen und der Platz, den er drin gehabt hatte. Da war der Blick aufs freie "Feld gewesen, bis hinunter in die Wiesen. Jeden Baum kannte er da und die Obstsorten, die drauf wuchsen. Auf dem großen, dicken dort mit dem breiten, runden Kopf: die weißen Ernteäpfel, auf dem spitzen dort hinten: die gescheckten Zitronenbirnen. Rechts dort, nach der Anhöhe zu, die gewaltigen Nußbäume, und ganz da hinten die Weiden und Pappeln in den Wiesen, und zwischen denen ein heller, weißer Giebel: die Wiesenmühle. Hier auf der anderen Seite aber, ganz links, daß man sich ein wenig Vorbeugen mußte, um recht zu sehen, ein Stück der langen, grauen Kirchhofsmauer. Und die Fuhrwerke sah er, die hin und her gingen, die Schnitter sah er in den weiten Getreidefeldern, ein Blitzen und Minken der Sensen in der hellen Sonne. Und die Abendröte sah man, die ganz langsam, ganz leise hinter dem Hügel heranfgekrochen kam — und es war so still geworden im Feld. Dann ruhte auch er. Am Fenster stand er dann noch eine Weile, bis die Meisterin zum Abendessen rief, und blickte hinunter ins weite, stille Feld und hörte die Bäume rauschen und die Kauze schreien.
„Schön war's," mußte der Peter denken. „Und am Sonntag erst mit den Kameraden durch die Wiesen hin, einen Strauß am Hut und lustig! Scherze und Lieder!"
„Schön war's," mußte der Peter denken.
Und er dachte dann, ivie er int Holderbusch gestanden
hatte und „'s Vogelsbergs Gretche" zur Hochzeit geschossen hatte. Und er dachte dann, wie sie still den Kirchhofweg gegangen waren, da sie den Andres Görz begruben, der mit achtzehn Jahren schon hatte ins Gras beißen müssen. Er hätte wieder Heimlaufen mögen in sein Dorf, so ein Heimweh hatte er. Wenn er sich nur nicht gar zu sehr schämen müßte!
Denn hier auf der Schneiderbutike war's ja öde. Wollte man nur ein Stückchen vom Himmel sehen, mußte man den Kopf weit zum Fenster hinausrecken. Und das bißchen Himmel, das man sah, war ja nie so hell und blau wie daheim.
Daheim! Grad heimlaufen möchte er.
Aber rasch ging die Nadel wieder. Der Peter hatte sich wieder gefaßt. Und so hielt er's tapfer aus, zwang er's tapfer nieder. Ja, ein tapferer Schneider war der Peter, und er blieb, uild mit der Zeit gefiel's ihm auch hier nicht übel.
„'s ist überall die Welt!" tröstete er sich.
Und schließlich sah und hörte er hier und da auch manches, das ihn interessierte, ihm gefiel. Da war das Stadtleben mit seinen hunderttausend Abwechselungen, die Gesellschaft, das Militär — und damals waren die Oester- reicher noch in Mainz! Und das war eilte lustige Zeit. Und da waren die Mädchen.
Auch für dies Kapitel int Leben war d;r Peter bald reif geworden. Es war so gekommen, er wußte selbst nicht wie. Es war ihm so angeflogen. Es war nur ein Blick gewesen, und 's war doch, als sei ■ aus dein Schlafe aufgeweckt worden. Es war grat), als .-.v er aus einmal andere Augen gekriegt. Denn ganz anders sah auf einmal die Welt aus. Es lag so was ganz anderes in ihr, das klang und schwieg, das lockte und narrte, das kam und ging. Es war feierlich und fromm und still — und es war quälend und unruhig und abstoßend.
Einmal hatte der Peter von seiner Werkstatt oben hinuntergeguckt in den Hof. Mitten in der Arbeit hatte er aufgehört, was sonst gar nicht seine Art war. Ein lustiges, helles Lachen war heraufgeklungen.
Er blickte hinunter — und in eben dem Augenblicke entdeckte er fein Herz, er, der Schneidergeselle Peter Nockler, grab einundzwanzig Jahre und acht Monate alt.
Das Lachen klang noch einmal, und da fuhr's ihm durch alle Glieder. Bau den zwei Mädchen, die da unten standen, kannte er jetzt die Lacherin heraus. Die kleine Schwarze war's gewesen, die mit der runden Brust und dem weißen Schürzchen.
Und dem Peter hüpfte das Herz. Ihm war zum Hin- unterspringen, oder zum Tanzen und Lachen und Jubeln und Singen und Pfeifen. So lebensfroh war er auf einmal. So, als sei er ganz allein ans der Welt, und ihm gehöre die ganze Welt und der ganze Himmel dazu, der voller Geigen hing. Oder als sei er so reich auf einmal, wie ein Fürst, und als fei er gleich einem Baron und Grafen.


