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Zeitgenossen wurde das Kunstwerk seines Lebens bewundert. Als Mensch war Goethe ohne Tadel. Nie hat er sich irgend eine Unredlichkeit zu schulden kommen lassen. Auf bent Neidpfade hat mau ihn nie betroffen. Er war selbstbewußt, aber nicht stolz. Wenn er oft so erscheint, dann ist es nicht seine Schuld. In Demut verehrte er alles Große und Schöne. Goethe verliert nichts von seiner Größe, wenn wir erfahren, daß er ein Mensch war wie wir, mit menschlichen Eigenschaften und Gebrechen. .Hätte er die nicht gehabt, er wäre nicht mehr als eine kalte Statue geworden. Aber er war Mensch unter Menschen, schuf als Mensch Großes -für Menschen. Die sauerste Lebensprobe bestand er, indem er sich selbst bezwang. Ein Befreier der Unfreien wollte er sein. Der Fundamentalsatz seiner Ethik heißt:
Bon der Gewalt, die alle^Weseu bindet, Befreit der Mensch sich, der lich überwindet!
Dem Getriebe der Welt war Goethe, abhold. In manchen Forderungen des Tages hat er eine Passivität bewahrt. Wo man ihn gern als obersten Richter gehört hätte, da schwieg er. jSetne Gedanken wuchsen in beschaulicher Stille. Aus heißem Sehnen nach innerer Ruhe entstanden am '12. Februar 1776 die Verse : Ach ich bin des Treibens müde! . . . Süßer Friede, komm, ach, komm in meine Brust!
In solchen Stunden, wo .nur der Atem' guter und stilleü Menschen seine Glückseligkeit fördern konnte, gewann er an^Tiefe und Ausdehnung, erlebte er die tiefe Wahrheit der Worte: „Selig, .wxr sich vor der.Welt ohne Haß verschließt." In seinem Tagebuch ist zu lesen: „Das Beste ist die tiefe Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse und gewinne, was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen kann." In dieser olympischen Ruhe und Heiterkeit fand Goethe die Kunst 'unbefangenen Schauens und Lauschens:, die Lynkeusstimmung des reifen Alters. Ruhe und nachgiebige Beharrlichkeit hat der Dichter hohe Glücksgüter, genannt. Zu Kanzler Müller äußerte er einmal: „Es gibt nur zwei Wege, ein bedeutendes Ziel zu erreichen: Gewalt und Folge. Jene wird leicht verhaßt, reizt zur Gegenwirkung und ist überhaupt nur wenigen Begünstigten verliehen. Folge aber, beharrliche, strenge, kann auch vom Kleinsten angewendet werden und wird selten ihr Ziel verfehlen, da ihre stille Macht im Laufe der Zeit unaufhaltsam wächst."
Goethes Leben Ivar ein Kampf, hervorgegangen aus dem Ruf nach Tätigkeit. „Elender nichts als der behagliche Mensch ohne Arbeit!" schrieb er 1779 in sein Tagebuch. Aus allem' Leiden und Dulden heraus fand Goethe allein durch Streben und Tun den Weg zum neuen Menschen, zur Selbstbefreiung. Faust-Goethe sagt: „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der tätlich sie erobern muß." lind int Faust, der Lebensbeichte des Dichters, stehen auch die inhaltsreichen Worte: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen." Jede Arbeit sindet in sich ihren schönsten Lohn. „Da, wo du bist, da, wo du bleibst, wirke, was fcit kannst, sei tätig und gefällig und laß dir die Gegenwart heiter sein." Eine andere weise Goethesche Lebensregel lautet:
Willst du dir ein gut Leben zimmern. Mußt ums Vergangene dich 'nicht kümmern, lind wäre dir auch was verloren, Erweise dich Ivie neugeboren!
Was jeder Tag will, sollst 'du fragen, Was jeder Tag will, wird er sagen.
'Wie eine Friedensbotschaft an die Menschheit klingen diese Verse. Wie ein Leuchtturm' erscheint hier! der Dichter, der den Menschen aus dem stürmischen Lebens'meer.die Fahrt zeigt. „Denken ' und Tun, Tun und Denken, das ist die Summe aller Weisheit. Beides muß wie Aus- und Einatmen sich im Leben ewig fort, hin und her, bewegen. Wer sich zum Gesetz macht, das Tun am Denken, das Denken am Tun zu prüfen, der kann nicht irren, und irrt er, so wird er sich lald auf den richtigen Weg zurü'ck- findeit." Wer still an seinem Platze zum Wohl der Allgemeinheit sich strebend müht, der ist ein wahrhaft guter Mensch int Sinne des Weisen von Weimar. Aus dem Boden der Humanität . strebte Goethe eine Menschheitsverbrudernng an. „Humanus heißt der Heilige, der Weise, der beste Mann, den ich mit Augen sähe" Auch die Worte stammen von Goethe: „Kindlein, liebt euch, oder, wenn das nicht gehen will, laßt wenigstens einander gelten."
In Goethe dürfen wir ein Menschheitsideal verehren. Das Ideal des einzelnen Herzens wie der ganzen Menschheit. Er ist 'der Führer zu allem Edlen und Guten, zum wahren 'Glück, zur Ästhetischen und sittlichen Kultur. Ihm können wir unsere Zukunft anvertrauen.
Em Edison des Mitteialters.
lieber einen interessanten Vorgänger Edisons, der ihm än Fülle und Energie des Erfindungsgeistes nicht unebenbürtig erscheint, wenn er auch freilich, durch ein widerstrebendes Zeitalter gehemmt, in seinen Erfolgen weit hinter dem großen Erfinder des 19. Jahrhunderts zurückblieb, war Edward Somerset, Marquis von Woreester, dem George Frederie Stratton in Seieutific American einen längeren Aufsatz widmet. In der Geschichte der experimentellen Wissenschaften, hat er zwar nur einen bescheidenen Platz bei der Erfindung der Dampfmaschine, aber in seinen
Ideen und Planen, in feinem Wollen und Wirken war er eine weit über die Grenzen feiner Zeit hinausschauende, schon ganz modern anmutende Persönlichkeit, ein Experimentator großen Stils. Wenn einer seiner zeitgenössischen Biographen von ihm sagt, „er habe nichts an und für sich für wahr gehalten, sondern alles durch das Zeugnis eines einwandsfreien Experiments erweisen wollen; er habe aus allem, was er dachte oder las, Stoff zu Erfindungen ge- zogen", so erinnert das an ein ähnliches Bekenntnis des' „Weisen von Menlo-Park", der von demselben rastlofen Versuchseifer, dem gleichen Wunsch, durch Experimente seine Ideen zu beweisen, sich beseelt zeigt. In den unruhvollen Zeiten Karls I. von England in der Aera der Revolution und Cromwells ragt die Gestalt Edward Somersets als eine fremdartige und doch gewaltige Erscheinung aus seiner Umgebung hervor. Einem uralten Geschlecht tapferer Soldaten und mächtiger Edelleute entsprossen, war er im Hofleben aufgewachfen und zu einem königstreuen Krieger geworden, der für seinen angestammten Herren Gut und Habe opferte. Nicht weniger als 350 000 Pfund hat er aufgebracht, um Truppen gegen die Rebellen auszurüsten: er hat sich im Bürgerkriege selbst an ihre Spitze gestellt. Nirgends trat ihm in seiner Erziehung und Umgebung ein Hinweis auf jette wissenschaftlichen Beschäftigungen entgegen, denen er sich später mit immer größerer Leidenschaft zuwandte. Mit 27 Jahren war er jedoch bereits von seinen Ideen und mechanischen Experimenten so erfüllt, daß. er in einer seiner Burgen, Raglan Castle, Werkstätten ein« richtete und einen geschickten Meister, den Dentschen Kaspar Kalthoff, zum Leiter berief, unter dessen Aufsicht seine Ideen zur Ausführung gebracht werden sollten. Wenige Jahre später genügten ihm diese Werkstätten nicht mehr, sondern er erbaute in Vanxhall bei London besondere Gebäude und Laboratorien, die ihn allein 200 000 Mk. kosteten. Die Gesamtsumme, die er für seine Experimente ausgegeben hat, wurde auf eine Million Mk. berechnet, für damalige Verhältnisse ein enormer Betrag, dessen Hingabe selbst bei einem so reichen Malme wie dem Marquis von Woreester allgemeines Aufsehen erregte. In die Wirren des Bürgerkrieges war Somerset, als eifriger Parteigänger des Königs eng verstrickt, und nach der Hinrichtung Karls I. ging er in die Verbannung nach Frankreich. Seine Güter wurden eingezogen und er lebte drei Jahre in großer Armut. Seine gewaltigen Werkstätten in Vanxhall waren aber von dem Protektor Cromwell vor Zerstörung geschützt worden und es war .Kalthoff erlaubt worden, in seinen Arbeiten ruhig fortzufahren. Da litt es den Marquis nicht int fremden Laude, fern von seinem Lebenswerk'; er kehrte nach London zurück und wurde hier drei Jahre im Tower gefangen gehalten. Von hier aus verkehrte er mit seinem "Werkmeister, schickte ihm Zeichnungen und Altweisungen zur Ausführung der Modelle und Maschinen, die auch in der Zett des größten Unglücks ganz allein seinen! Geist erfüllten und beherrschten. Genauere Einzelheiten über die Erfindungen Somersets sind uns hauptsächlich er« halten in einem 1663 von ihm veröffentlichten Werk', das den Titel „Ein Hundert Erfindungen" führte. Der Titel wurde von ihm selbst dahin erklärt, daß er hier hundert von ihm gemachte Erfindungen zusammengestellt habe, die so weit durchdacht und gefördert seien, daß jede von ihnen in der Praxis eingeführt werden könne; er veröffentliche nur die wichtigsten seiner Ideen, soweit er sich ihrer noch erinnere, und auch nur Pläne, die er nach dem Jahre 1655 gefaßt habe, da seine früheren Aufzeichnungen ihm verloren gegangen seien. Eine ganze Reihe moderner Errungenschaften ans dem Gebiete der Technik ist hier bereits vorweg genommen und in allen Einzelheiten beschrieben. So erläutert er „eilte Maschine, in der Tasche tragbar, die im Innern des größten Schiffes zu jeder bestimmten Minute, bei Tag oder Nacht, selbst noch eine Woche nachher, bewirken kann, daß das Schiff unwiderruflich füllen muß".
Es handelte sich um einen Explosionsstoff, der durch ein Glockenwerk zur Wirkung gebracht wurde, also um einen Vorläufer des moderueu Torpedobootes. Des weiteren beschäftigt sich der Erfinder viel mit der eingehenden Erörterung von Sicherheitstüren und Vexierschlössern, durch die jeder Diebsgefahr vorgebeugt wird. „Der Eigentümer kann", so heißt es von einem dieser Sicherheitsschlösser, „auch wenn es eine schwache Frau ist, mit leisem Handgriff die Stellung des Schlosses zehn Millionen Mal mehr verändern als es selbst der Verfertiger oder ich, der Erfinder, weiß.


