Ausgabe 
9.6.1909
 
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In des Gemeindevorstehers Kopf wogten seltene Ge­danken; er besprach sich, mit dem und jenem, recht heimlich-. Hinter der Schennenwand tuschelten sie wie verliebte Paare, oder weit draußen auf flachem Feld, >vo nur die heiße Luft zitternd lauschte. Mit den Gerichten was zu tun zu haben, ist immer eine üble Sache, man weiß nie, ob man Recht kriegt oder Unrecht; doch eh' man sich das Dorf anstecken ließ, jetzt gerade, da der Brünnen anfing spärlich zn spenden, jetzt, da selbst der Bach int kühleren Grund nur mehr ein dünnes Rinnsälchen über blanke Stellte sickern ließ, jetzt, da man der Ernte gedenken inußte sie war Heuer reichlich-, aber wer konnte Mut haben, sie itt die Scheunen zu sarn- Nteltt? , hieß cs: lieber verklagt, als beklagt.

Ein warmer Abend war's nach sonnensrohem Sommer­tag, als der Fußgcndarm aus der nächsten Bürgermeisterei Und der Gemeindevorsteher zusammen nach der Hütte der Witwe Driesch stapften.

Kakhrein Driesch kochte das Abendmus. Eben hatte ihr Willelm die Herde eingeirieben; noch zitterte der letzte Ton seines Tuthorns iit den Lüften, jede Kuh lvar gehobenen Schwanzes in ihren Stall gerannt. Nun hatte der Hirt auch Feierabend. Er saß beim .Herd auf dem Schemel, hatte bett Napf int Schoß, den Löffel in der Hand, und die Mutter tat ihm auf. Aber er sah nicht die bräunlichen Speckgrieben, die >vie leckere Fischchen im Mehlbrei auf» tauchten; unverwandten Blickes schaute er ins Herdloch, drin Funken sprangen.

Tie Mutter sprach:

Jong, esu äß doch!" fischte aus' ihrem Napf die Speck­grieben und tat sie ihm auch noch auf. Ihr Mlleltn die gern, und war der Speck auch sündhaft teuer, der Jung mußte alle Abend sein Geschmelztes haben. Was hatte er denn sonst auf der Welt? Gar ttichts! Der arme Jung! .

Bon fünf Söhnen war er der letzte zwei klein ge­storben, zwei in Frankreich gefallen immer hatte sie sich drein geschickt itnb Amen gesprochen. Aber daß der Willelm da unten sich so zn Schanden gearbeitet hätte, daß er ins Krankenhaus gemußt und danit für invalide erklärt worden war auf seine besten Jahre, das grämte sie. Er hatte nun freilich hier oben den Posten als Gemeinde- Hirt bekommen aber war das wohl ein Amt für einen, der immer klüger gewesen war als die andern von seinem Jahrgang? Der heut noch klüger ivar als alle, die nach ihm dem Herrn Lehrer durch die Finger gelaufen, der eigentlich geistlich hätte werden müssen, wenn's Geld dazu vorhanden gewesen wäre? Säue hüten itnb Kühe treiben, das kann auch ein Trottel!

Die Mutter unterdrückte einen Seufzer und strich ihrem Millelm den buschigen Haarschopf aus den Augen.

Er brummte nur, und als sie ihm ermunternd zuredete: ,/Esu äß doch, esu lecker Schweinsgriewen un Buch- Weizenmehl !" löffelte er sich gedankenlos etwas ein und ließ es bei der andern Mundecke wieder heraüslaufen. Seine Stirn blieb gerunzelt, und vom Hinterköpf, wo der Schädel durch spärliche Haarreste nur unvollkommen gedeckt war, schien ihm ein Zucken herabzulaufen nach dein Genick und den Rücken lang in einein leichten Stiefeln.' Seine Augen blieben starr, ganz abwesend, bis: sie jetzt plötzlich an zu rollen fingen von oben nach unten, von rechts nach links; Unstet folgte sein Blick den springenden Funken im Herdloch.

Die Mutter betrachtete den Sohn unverwandt, wäh­rend sie leise, ohne das gewohnte Schlürfen und Schnalzen des Behagens ihren Napf auslöffelte. Sie verscheuchte die Katze, die sich schnurrend heranschlich und ihren Kopf an den Beinen des Mannes rieb, mit stumm-drohender Ge­bärde. Sie -selber wagte kaum zn atmen. Was mochte der Willelm denken, daß er so stumm war? Früher, im Winter, war er viel parlauker gewesen. Was hatte er da nicht alles erzählt von den Fabriken unten mit ihren Rädern und. Walzen, mit ihren Schornsteinen und Kesseln, mit ihren Oesen, die einen Bauch hatten wie ein Bierfaß zur Kirmes nein, noch viel größer, groß wie die leibhaftige Hölle, darin ellenhohe Flammen brennen! Er war an die Hitze gewöhnt, nun fror er immer, der arme Jung' Jetzt, selbst im Sommer, wo andere den Schatten suchen, stellte er sich in die pralle Sonne oben am Anger, kaute an feinem Kanten Brot und blickte starr ins feurige Gold am Himmel. Aber heiß genug, sagte er, würde ihm doch nicht; den ganzen Tag mußte sie int Herd feuern, so viel Reisigholz

und Tannenäpfel wär sie sonst im strengsten Winter nicht sammeln gegangen.

Sich den niederrinueuden Schweiß vom Gesicht wischend und das kattunene Tuch nm mageren Hals ein wenig lüftend, raffte Kathrein Driesch ein neues Bündel Reisig vorn Estrich Hinterm Ofen auf, brach's knackend über dem Knie in kleine Stücke und stopfte alle zugleich, uoch dem Herd in den Rachen. Ter platzte fast.

Aber mit einem Stöhnen, mit einem Schauer des Frierens rieb sich der Sohn jetzt die Hände, und dann sagte er langsam, stockend, als mache ihm jedes Wort Muhe> und doch mit innerer Hast:

Modder zieh schlaoseu!"

Jao, jao," sagte sie und faßte schon nach ihrer Haube, wüßte sie doch, daß, wenn der Willelm nicht seinengud Schuhr" *) hatte, er leicht ungeduldig wurde. ,So wollte sie ihm denn rasch den Willen tun, sich 's Deckbett über die Ohren ziehu, wenn auch draußen noch Leben war. Bon fern klang Mädchen-Gekreisch und das Dengeln von Sensen.

Auch Willelm lauschte. Er war jetzt aufgestanden; den Kops weit vorstreckend, daß sich ihm die Strange am Hals zerrten, verharrte er unbeweglich. Tie Kniee hielt er ein­geknickt, die Lippe hing ihm. Nur die Augen des finsteren Gesichts fuhren beständig umher, lauernd, geängstet wie bei einem Tier, das gejagt wird und das doch selber jagen möchte. Die Nüstern der stumpfen Nase blähten sich witternd.

Durch die tiefer und tiefer werdende Dunkelheit der Bauernstube tönte jetzt das betende Leiern der Alten:

Gegrüßet feist du, Maria, voller Gnaden,

Der Herr ist mit dir,

Gebenedeit bist du unter den Weibern Und gebenedeit die Frucht deines"

Sie unterbrach sich, ihres Sohnes gedenkend:

Willelm!" Und als er nicht kam, kletterte sie noch einmal aus dem Bett, tappte sich auf bloßen Füßen zum Sohn hin, machte dem Vierzigjährigen, wie sie es einst dem Vierjährigen getan, das Zeichen des Kreuzes auf Stirn und Brust und tappte dann befriedigt wieder zurück. Gleich darauf schnieften schon ihre ruhigen Atemzüge.

(Fortsetzung folgt.)

Goethe als Mensch.

Goethe ist heute der Gegenwart besonders nahegerückt. Wir sehen ihn heute weder als einen in hohen Wolken thronenden Halb­gott noch als einen in enger Erdenwelt hausenden Philister. Was. uns an Goethe besonders lieb und wert erscheint, ist seine v o rbil d- liche Menschlichkeit. Wir haben erkannt, daß in Goethe die Seele der Menschheit am vollkommensten ausgebildet ist.

Goethes Bedeutung liegt nicht in einzelnen seiner Werke, an­dern in der Gesamtheit seines Schassens, in der sittlichen Wirkung seiner Persönlichkeit. Im ganzen Streben des Dichters besitzt nichts eine so führende Rolle, wie der Drang nach Ethüch-AcsthetifcheM, nach dem Höchsten überhaupt. Das Sittlich-Schöne und Güte hat Goethe zu dem edelsten Menschen gemacht, dem wir uns nicht mit zitternder Sklavenehrfurcht nähern, sondern mit Liebe. Denn Goethe war nicht der kalte, abgesonderte Egoist, sondern ein Menschenfreund, den Jesus zum Vertrauten erkoren hätte.

Goethe ist der eigentliche Schöpfer des Begriffes Menschentum? Als Menschheitsgestalt ragt er in unsere Zeit hinein, den Weg leuchtend, den die Menschen gehen sollen, die idealen Ziele kündend, die fein strebender Geist erreichte. Und wenn wir nach den Mitteln fragen, mit denen er so Großartiges erreichte, dann darf die Antwort nicht allein stauten: Begabung und Gunst des Schicksals. Ware Goethe nicht ein Manu von mtSgerciftem. Charakter, der souveräne B Herrscher einer nach langen Mühen erworbenen produk­tiven ArbeitsMethooe gewesen, er hätte über den Durchschnitt nicht hinausgeragt. Fleiß, Ausdauer, Folge und Beharrlichkeit waren die Geheimnisse seiner Lebenslust. Das Ziel seines uuvergleichb sichen Bildungsdranges war die harmonische Ausbildung aller feiner Kräfte, das volle Ausleben feiner Individualität. Er 6ei«8 die seltene Kunst der Aufmerksamkeit und der starken Konzentration. Er floh gewaltsamen Eindrücken, um au seiner Seele, seinem inneren Menschen, keinen Schaden zu nehmen. Er war sich seines Weges bewußt und wollte ganz seiner innersten Bestimmung ge­recht werden, ganz seinen wünschenswertesten Beruf ausfüllen: edlen Seelen vorzufühlen. Er erforschte das Erforschliche und verehrte ruhig das Unerforschliche. Darin erblickte er das schön ne Glück des denkenden Menschen. Nichts aber war ihm verhaßte« als eine laue Oberflächenkültur.

Goethe hat llnendliches geschaffen. Uni) doch ist alle diele Literatur" im: Go et he scheu. Sinne nurFragment". Größer aw alle Spuren seines unermüdlichen Wirkens war jein Leben, seine menschliche Existenz, fein unverfälschtes Menschentum. Schon von

*) jour = Tag.