Ausgabe 
9.6.1909
 
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Nr. 88

1909

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Brennende Liebe.

Novelle von ClaraViebig.

(Nachdruck verboten.)

Es brannte im Dors. Immer zur Nachtzeit; bald hier, bald da, nun schon an die acht Wochen. Eben war das Korn auf dem Feld in die Halme geschossen, als an einem dunklen Abend das erste Feuer ausgekommen war; seitdem hatte der rote Hahn tv-ohl auf zehn Hütten gekräht.

Biel Schaden war zwar nicht entstanden; dem einen war nur das tiefhängende, mit Binsen und Stroh gedeckte Dach ein wenig angesengt worden; beim andern hatte die vom Wiuterschwein gesparte Speckseite, die von der Balkendecke herabbaumelte, ein bißchen gebrenzelt; beim dritten hatte das Reisig, das die sammelnden Kinder au der Seitenwand des Häuschens aufgeschichtet, geknackt und geknistert, bis die Frau, die der Säugling wachgeschrien hatte, wähnte, draußen sei einer und hole ihr Reisig !veg; beim vierten hatte der Kuh ängstliches Brüllen das Qualmen auf dem Futterboden verraten; beim fünften war's gar nicht erst ausgekommen, ein Regenschutt hatte den Dachstuhl begossen Und gelöscht, was etiva im Gebälk nicht geheuer war. Immer war aller Heiligen Schutz sichtbar zu spüren gewesen.

Aber doch begann ein heimliches Grausen die Gemüter der Dörfler zu rütteln.

Ech kurantören," sagte ein ganz Kluger und zog das braune Leder seiner Stirn in bedenkliche Falten,duh es einen Lauskerl, darr et anfänkt!"

Ja, so mußte eS auch sein! Jemand war da, der das Feuer anlegte! Die Kinder konnten die Schuldigen nicht sei», die wurden an der Hand und in der Hotte mit ins Feld genommen, oder blieben sie einmal allein zu Haus, so versteckte die Mutter die Schwefelhölzer gewiß auf der» obersten Bord, wohin sie nicht langen konnten. Aber hatte die Ammei, die allein au der Wiege ihres kranken Kindes saß, als alle noch in der Abenddämmerung draußen auf bem Feld schafften, nicht einen verrnmmuten Kerl zum Fenster hereingucken sehen? Und war dem Bräuer'sch Hubert, der in später Nachtstunde noch den Hof aufgesucht, nicht ein schwarzer Schatten vorbeigeschlüpft und im Heckengäßchen zwischen den Gärten entkommen?!

Es war kein Zweifel mehr, es gab einen Brandstifter dber wo, wer war der Missetäter? Einer aus dein Dorf? Nicht möglich! Da kennt ja einer den andern viel zu genau, erfährt's täglich zu sauer am eigenen Leibe, wie schwer das bißchen Lebensnotdurft zusmnmengeschrabt ist, um aus reinem Uebermut den Nachbar zu ängsten. Nein, es mußte schon einer von weiterher sein; einer vielleicht, der sich in der Welt umhergetrieben' Freilich Handwerksburschen, Fechtbrüder, die wer weiß?! schon mit einem Bein im Zuchthaus stehen, Passierten nicht das Dorf, das einsam Ms dem Eifelplateau liegt, seine zwei schnurgeraden, dicht­gedrängten Hüttenreihen in den Schutz eines schwarzen

Tannenwäldchens stellt, dagegen seine weitentlegenen, dem Oedland abgerungcncn Felder allen Eifelwinden und allen' Pfeilen glutäugiger Sonne preisgibt.

Das kleine. Dorf zitterte. Und bei der Angst war Neu­gier und bei der Neugier Wut. Wenn man den Kerl er- wischte, man schmiß ihn von der Straßeuböschung herunter in den Bach, daß er nie mehr auf die Beine kam! Oder matt stieg hinauf zur Bergkuppe, die wie ein Kopf, auf dem Scheitel mit kurzem Gebüschschopf besetzt, über'm Dorf auf- taucht, und hing ihn da an den zähen, im Wind schaukelnden Haselnußbaum, mit dessen Gerten man ihn erst weidlich ver­droschen! Da ivürden die Kühe und Schweine, die der Dorf­hirt auf knrzrasigem Anger hütete, lvas 31t gucken haben und ihr Hirt, der Ofen-Willelm auch!

Und lute sie an den Wilhelm dachten, stockte ihnen Plötzlich der Atem. War der nicht Heizer gewesen unten im Rheinland, jahrelang?! Der einzige aus dem Dorf, der nach seiner Militärzeit nicht heinigekehrt Ivar, um den Acker mit seinem Schweiß zu begießen, sondern der unten geblieben war, wo die Welt lockt und die lieben Heiligen nur mehr in den Domen zu finden sind, aber nicht mehr auf den Straßen. Es hieß, daß man in den Fabriken auch schwer arbeiten mußte, mochte sein, aber sicher doch lange nicht so schwer, wie man hier oben arbeitete, wo einem im Mai gar oft noch die Feldfrucht erfror und die Kartoffel schon wieder im September. Der Ofen-Wllelm hatte da unten weiter nichts zu tun gehabt als Glut zu schüren. .Heizer war er gewesen, Nachtheizer in der Fabrik; aber alle Tage hatte er verschlafen können, in einem faulen Leben sein sicheres Geld verdient bloß fürs Feueranzünden!

Hm!" Der Gemeindevorsteher kratzte sich den Kopf, als ihn etliche mit der Nase auf den Ofen-Willelm stießen. Was, der sollte das Feuer gelegt haben?! 's war freilich ein merkwürdiger Kerl, ja, da hatten sie wohl recht, ein ganz Kurioser, anders wie andere, das kam eben vom Leben draußen aber ein Brandstifter? Nein! War nicht seine Mutter, die Witwe Driesch, ein kreuzbraves Weib, eine gottesfürchtige Frau dazu, vor der jeder die Mütze herunter­tun konnte?!

Weit wies der Gemeindevorsteher die Petzer und Zu­träger von sich; aber als ihm bald darauf, in einer Sonntag« nacht, der Heuschober abbrauntc, den er am Samstag-Abend erst fertig gesetzt hatte, dicht hinter seinen: Zaun, begann er doch auch zu schnuppern. Von des Ofen-Willelm Hütte her fing es auch ihm an, brenzlig zu riechen. Was, sollte am Ende der Ofen-Willelm das Feuerstochen nicht lassen können? Der war seit Winter wieder im Dorf; im grauen Winter war nie etwas ausgekommen, aber nun, seit die Sonne schien, seit die au: Hiinmel lohte, die Hütten und die Tannen, die Aeckcr und den Bergkopf Tag für Tag mit ihrer roten Glut überschüttete, seit der struppige Gebüsch­schopf flammte und die Kiesel in: versiegten Bach Funken sprühten und auf sonneuharten Wegen der trockene Staub blendete, seitdem r-,»